WM Herning: Technikkür klar an Frankreich, Pas de Deux an Deutsche

PasdeDeux-Voltigieren

Justin van Gerven und Chiara Congia, die neuen Weltmeister im Pas de Deux. (© Herning2022/Daniel Kaiser)

Am zweiten Wettkampftag stand für die Einzelvoltigierer die Technikkür an. Im Pas de Deux führt ein deutsches Duo, ansonsten sind die Franzosen weiterhin unschlagbar.

Für den aktuellen Zwischenstand der Wertung zählt das Ergebnis aus der Pflicht sowie das aus dem Technikprogramm mit jeweils 50 Prozent. Das sieht derzeit, wen wundert’s, die Französin Manon Moutinho vorn, die auch in der zweiten Wertungsprüfung das Bestergebnis (Wertzahl 8,815) ablieferte. Vier ihrer sechs von den Richtern vergebenen Noten waren besser als 9,0, also besser als „sehr gut“, zudem erhielt Saitiri, die 15 jährige Oldenburger Fuchsstute v. Santorin II an der Longe von Besitzerin Corinne Bosshard, die höchsten Pferdenoten.

Mit einigem Abstand (8,310) folgt ihr Julia Sophie Wagner, die im Technikprogramm mit der Wertzahl 8,309 abschloss. Sie lobte ihren Partner Giovanni: „Mein Pferd stand schon sehr unter Druck heute, er hat es aber ganz, ganz toll gemacht! Ich bin sehr stolz auf ihn“. Nicht zu unterschätzen ist dabei die Arbeit der Longenführerin Katja Wagner, die Mutter der Athletin. Auf dem dritten Platz steht aktuell Kathrin Meyer mit Captain Claus an der Longe von Gesa Bührig. Die Sportmanagement Studentin aus Hamburg verbesserte sich nach ihrer Pflichtaufgabe, in der sie Platz fünf belegte. 8,265 lautet ihr Zwischenergebnis. Rockemotion, der 14 jährige Westfale v. Rockwell ist der vierbeinige Partner der Kanadierin Averill Saunders, der von Nina Vorberg longiert wird. Das Trio liegt mit der Wertzahl 8,198 derzeit auf Platz vier.

Die wie ein Amphittheater angelegte Halle Jyske Banks Boxen in Herning war beim Technikprogramm schon von deutlich mehr Zuschauern besetzt als beim Pflichtprogramm, die die Sportler lautstark anfeuerten. Neben den dänischen Besuchern waren es vor allem die Fans aus Deutschland, die zahlenmäßig am stärksten vertreten waren. Vielleicht lag es daran, dass einige Pferde deutlich aufgeregter waren als am Vortag und einigen Athletinnen vor teilweise unlösbare Aufgaben stellten. Eine der Leidtragenden war Alina Roß, amtierende Deutsche Meisterin und nach der Pflicht noch auf dem zweiten Platz mit großen Medaillenchancen. Ihr Wallach Baron fand am heutigen Tag einfach keine Ruhe, machte alle Medaillenträume zunichte. Nicht viel besser ging es Eva Nagiller (Österreich), deren Lavalino außer Rand und Band geriet und in der Prüfung sogar buckelte.

Herren: Leclezio wieder vorn

Bei den Vorstellungen der Herren im Einzelvoltigieren in Herning gehen einem die Superlative aus. Unglaublich, auf welch hohem Niveau hier voltigiert wird. Allen voran die Technikkür des Franzosen Lambert Leclezio,  der nur Noten zwischen sehr gut und vorzüglich einfuhr. Dazu die fantastische Leistung seines Estado IFCE, der nicht nur mit seinem Ausdruck und seinem gleichmäßigen Galopp bestach, sondern dazu noch ein besonders schönes Pferd ist. Vervollständigt wird der tolle Gesamteindruck von Longenführer Loic Devedu, der als Angehöriger des Cadre Noir in schneidiger Uniform, selbstverständlich mit der dazugehörenden Kopfbedeckung ein echter Hingucker war. Schon jetzt darf man sich auf die abschließende Kür dieses Trios freuen, das so souverän bei der Weltmeisterschaft auftritt und das Publikum hoch erfreut. Es wird dies der letzte Championatsauftritt von Lambert Leclezio als Einzelvoltigierer sein, vielleicht macht es seinen Auftritt deshalb so besonders. Sicher auch die Leistung seines Wallachs Estado, der sich in den letzten Monaten enorm verbessert hat.

Ist Lambert als dreimaliger Weltmeister über Jahre hinweg eine feste Größe im Voltigiersport, tritt mit Quentin Jabet aus Frankreich ein junger Mann auf, der hier wie Phönix aus der Asche steigt. Nicht einmal Weltranglistenpunkte stehen für ihn in der FEI Ranking Liste, Titelgewinne sind ebenfalls keine verzeichnet. Dennoch ist er nach Leclezio der zweite Franzose, der hier die Halle rockt, mit Ronaldo an der Longe von Alexandra Boe auch im Technikprogramm den zweiten Platz erobert und damit auch im Zwischenstand auf dieser Position zur Kür antritt. Ebenfalls keine Positionsänderung gibt es für den Jüngsten im Starterfeld, den erst 16-jährigen Niederländer Sam dos Santos. „Ich war schon etwas aufgeregt bei meinem Start im Seniorenlager! Dabei zu sein ist sehr schmeichelhaft, jetzt muss ich mich beweisen“. Das gelingt ihm hervorragend, seine Techniknoten sind sogar höher als die von Quentin Jabet, allein der 15 jährige KWPN Wallach Charmeur  erreicht noch keine Traumnoten. Und da Voltigiersport nun einmal auch Pferdesport ist, das Pferd ein Viertel der Note ausmacht, wirkt sich das für Sam dos Santos in der niedrigeren Gesamtnote (8,585) aus, Platz drei.

Danach rangieren die drei deutschen Athleten, und zwar so dicht beieinander, dass mit einem winzig kleinen Versehen zwischen Platz drei und sechs alles möglich ist. Auf dem vierten Platz liegt Julian Wilfing, erhielt für seine Auftritt als Galdiator in weiß goldenem Trikot die Wertnote 8,577. Sein galoppierender Partner Aragorn war in eben diesen Farben ausgerüstet, die Bandagen mit goldenen Bändern fixiert. Fünfter ist Janik Heiland, dessen Motto „van Gogh“ (8,713) mit viel Ausdruck zelebrierte. Schließlich wiederum mit minimalem Abstand Thomas Brüsewitz (8,549), dessen Pferd Eyecatcher mit guten Noten einen wesentlichen Beitrag zu der guten Benotung leistete. Die abschließende Kür für die Einzelvoltigierer wird doppelt gewertet, die Vornoten machen gemeinsam nur 50 Prozent des Endergebnisses aus. Es wird also noch einmal richtig spannend. „Jetzt zählt jede Sekunde, jede Übung, jeder Galoppsprung“, prophezeit Bundestrainerin Ulla Ramge.

Pas de Deux-Sieg für Deutschland

Ohne französische Beteiligung fand das Pas de Deux statt, sieben Paare bewerben sich in Herning um den Titel. Der Sieg in der ersten Prüfung ging an das deutsche Duo Chiara Congia / Justin van Greven (Wertzahl 8,863), die damit ihrer Favoritenstellung gerecht wurden. Bei der WM in Budapest 2021 waren die Psychologiestudentin und der Sachverständige im Bereich Business Administration noch auf dem undankbaren vierten Platz gelandet, bei der diesjährigen WM greifen sie nach dem Titel. Sechs Richternoten im sehr guten Bereich spiegelten die Weltklasse der beiden Athleten wider.

Beide wissen schon, wie man sich als Goldmedaillengewinner fühlt, sie gehörten zum Goldteam im Gruppenvoltigieren 2018 in Tryon. Das Thema ihrer Kür ist „Black Magic Woman“, entsprechend waren die Trikots der Athleten sowie die Kleidung der Longenführerin Alexandra Knauf schwarz. Highlight, die 14-jährige Hannoveraner Stute v. His Highness passte mit ihrem schwarzbraunen Haarkleid perfekt ins Bild. Highlight startete ihre Karriere im Pferdesport auf dem Dressurviereck, bis sie zehnjährig direkt von ihrer Züchterin zum Voltigierverein Köln-Dünnwald kam und dort Voltigierpferd wurde. Ihre vorherige Profession sieht man der Stute heute noch an, ihr Trab lässt erahnen, dass sie es auch auf dem Dressurviereck zu etwas gebracht hat.

Diana Harwardt und Peter Künne vertreten ebenfalls die deutschen Farben beim Pas de Deux, sie belegten Platz zwei beim ersten der beiden Kürauftritte, aus denen der Titelkampf besteht. 8,625 ihre Wertzahl für das Duo aus dem Team Bernau und Sir Landau, den 18-jährigen DSP-Wallach v. Samba Hit II. „Lausi, wie wir ihn nennen, ist eine Seele von einem Pferd“, beschreibt Longenführer Hendrik Falk den braven vierbeinigen Sportpartner. „Er kann lesen und schreiben, und wenn er sprechen könnte, würde er nur schöne Sachen sagen“.

Hendrik Falk ist Pferdewirtschaftsmeister, war lange Jahre Mitarbeiter des Land- und Hauptgestüts Neustadt/ Dosse. Falk ist Ideengeber und Mitbegründer der deutschlandweit einmaligen Bildungsinitiative „Reiten bis zum Abitur“. Die 21 Jahre alte Diana Harwardt kam aus dem Reitsport zum Voltigieren, dann hat sie sich nach zahlreichen Erfolgen in Dressur und Springen nur aufs Voltigieren konzentriert. Seit 2015 ist die Berliner Physiotherapeutin  Doppelvoltigiererin im Bernauer Team. Ihr Partner Peter Künne studiert Chemie, er voltigierte zunächst im Blankenfelder Reiterverein, wechselte dann nach Bernau. Gemeinsam mit ihren Betreuern und Unterstützern freuten sie sich überschwänglich über ihre gelungene Kür und den zweiten Platz.

Die schönsten Trikots im Wettkampf trug das an dritter Stelle platzierte Duo aus Italien, Rebecca Greggio und David Zanella (8,198). Rebecca Greggio im silberfarbenen Overall mit langen Ärmeln, Davide Zanella mit Anzug und Krawatte sahen aus als wollten sie zu ihrer eigenen Hochzeit, mindestens aber zu einer großen Gala. Die wunderbare Choreografie passte zu der feierlichen Garderobe wie die eingängige Musik, kleine Unsicherheiten in der Ausführung verhinderten eine bessere Platzierung als den dritten Rang mit der Wertnote 8,198. Alle sieben angetretenen Paare wurden frenetisch gefeiert, besonders natürlich das dänische Duo Maria Thinggard / Qiun af Oesterholm. Die beiden jungen Damen belegten mit ihrer Kür den fünften Platz.