Abschied von Paul Stecken

Ein Mann, dessen Ausbildung von aufrichtiger Liebe zum Pferd geprägt ist: Paul Stecken.

Ein Mann, dessen Ausbildung von aufrichtiger Liebe zum Pferd geprägt ist: Paul Stecken. (© www.toffi-images.de)

Im stolzen Alter von 100 Jahren hat sich der große Hippologe Paul Stecken für immer verabschiedet.

In der Nacht des 15. September ist Paul Stecken mit 100 Jahren in seiner Heimatstadt Münster gestorben. Zeit seines Lebens war er ein kompromissloser Verfechter der klassischen Reitlehre und gilt als einer der größten Hippologen weltweit.

Stecken selbst erhielt seine reiterliche Ausbildung zunächst von Vater Heinrich (der 25 Jahre lang die Westfälische Reit- und Fahrschule in Münster leitete), ehe er mit 18 Jahren ins Reiterregiment Schloss Neuhaus eintrat. Dort erhielt er Unterricht von Größen wie Edwin Graf Rothkirch, Rittmeister Lippert und Hermann Freiherr von Nagel. Stecken entwickelte sich rasch zum besten Dressurreiter des Regiments und wurde an die Kavallerieschule nach Berlin Krampnitz gerufen. 1943 wurde Stecken zum Major befördert, musste aber seine eigenen reiterlichen Aktivitäten einschränken, weil er im Krieg verwundet worden war.

1950 wurde Stecken Leiter der Westfälischen Reit- und Fahrschule in Münster. Diese gedieh unter seiner Ägide zu einer der wichtigsten Reit- und Fahrausbildungsstätten überhaupt. 1985 ging Stecken in Ruhestand. Steckens Musterschüler war Dr. Reiner Klimke. Später übernahm er auch das Training von dessen Tochter Ingrid, der er bis zum Schluss zur Seite stand. Auch Vielseitigkeitsnachwuchstrainer Rüdiger Schwarz hat seine Ausbildung bei Paul Stecken absolviert, dessen Motto stets lautete:

Richtig Reiten reicht!

Neben der Leitung der Schule machte er sich auch einen Namen als Turnierrichter in allen Klassen und Disziplinen, als Prüfer bei Richter-, Pferdewirt- und Meisterprüfungen, als Gutachter vor Gericht sowie als Organisator von Zuchtprüfungen in Westfalen. Lange Jahre war er Vorstandsmitglied im Deutschen Reiter- und Fahrerverband. Für sein außerordentliches Engagement wurde Stecken mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, so war er unter anderem Ehrenmitglied der FN, Inhaber des Deutschen Reiterkreuzes in Gold, der Gustav-Rau-Medaille, der Goldenen Nadel des Westfälischen Pferdestammbuchs und der Goldenen Nadel der Bundesvereinigung der Berufsreiter.

Paul Stecken ist Gründungsmitglied des Bundesverbandes Deutscher Berufsreiter und hat die Entwicklung zur staatlich anerkannten Berufsausbildung der Reitlehrer maßgeblich beeinflusst. Besonderes Augenmerk in der Ausbildung von Reitern und Pferden legte Paul Stecken auf die korrekte Anwendung der klassischen Reitlehre. Der Beruf des Pferdewirts hat dank Stecken ein offiziell anerkanntes Berufsbild sowie eine Prüfungs- und Ausbildungsordnung. Darüber hinaus war er beratend beteiligt an der Ausarbeitung der FN-Richtlinien für Reiten und Fahren.

Gelehrt hat Paul Stecken über Jahrzehnte, zu Papier gebracht hat er sein Fachwissen allerdings lange Zeit nicht gesammelt, sondern in Artikeln und Aufsätzen – bis zum vergangenen Jahr. 2015 erschien im FNverlag sein erstes Werk: „Bemerkungen und Zusammenhänge – Erkenntnisse eines Pferdemannes“. Es ist ein Büchlein geworden, in dem er die „Überlieferten Grundsätze“ erläuterte, sich Gedanken zur Reitlehre und deren Umsetzung machte und die aktuelle Entwicklung im Dressursport thematisierte. Dabei erteilte er, rational und doch in seiner Art vehement, der Rollkur eine klare Absage. „Die andere Reitweise“, sagte er, sei mit Druck und Zwang verbunden. Die Begriffe Anlehnung, Mitschwingen des hergegebenen Rückens, tätige Hinterhand in relativer Aufrichtung, ruhige Schweifhaltung und Zufriedenheit des Pferdes würden „auf den Kopf gestellt“ werden. Ausbildungsmäßig sei das Reiten in Rollkur nur mit „reiterlichem Unsinn“ zu bezeichnen. Die Grundsätze der Heeresdienstvorschrift waren für ihn dagegen in Form der „Überlieferten Grundsätze“ bis heute gültig.

„Wir blicken voller Dankbarkeit auf unzählige Gespräche zurück, für die Herr Stecken noch bis vor wenigen Monaten zur Verfügung stand“, sagt Thies Kaspareit, Leiter der Abteilung Ausbildung und Wissenschaft der FN. „Es war beeindruckend und sehr lehrreich, wie er uns im Detail an der Entwicklungsgeschichte der Reitlehre in Deutschland hat teilnehmen lassen.“

„Mit dem Tod von Paul Stecken ist nicht nur ein wunderbarer Mensch und Zeitzeuge von uns gegangen, der die klassische Reitweise gelebt und erlebt hat, wie kein anderer. Mit ihm geht auch unschätzbares Wissen verloren“, sagte Siegmund Friedrich, Geschäftsführer des FNverlages. Er gehörte auch zu denjenigen, die Stecken immer wieder gedrängt haben, dieses Wissen in einem Buch zu Papier zu bringen. „Er schaffte es immer, seine Einschätzungen zu Pferden und Reitern klipp und klar, kurz und knapp auf den Punkt zu bringen. Das war bewundernswert.“

Mit seiner 1997 verstorbenen Frau Ursula, die aus Berlin kam und viel Freude am Reitsport hatte, ohne selbst Turniere zu reiten, war Stecken 50 Jahre lang verheiratet. Kinder hatte das Paar nicht. Zwei seiner vier Brüder waren ebenfalls der Reiterei verbunden. Fritz Stecken, der zu den erfolgreichsten Reitern Berlins gehörte und später als Trainer in den USA arbeitete, und Bundeswehrgeneral Albert Stecken, der Mitte der 80er Jahre deutscher Dressurbundestrainer und Vorsitzender des Dressurausschusses war.

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  1. Kristin Daleiden

    Paul Stecken war mein Ausbilder in den siebziger Jahren. Mit großem Engagement und Sachverstand hat er uns zur Prüfung geführt. Er war sehr streng und immer korrekt, beim reiterlichen Umgang mit dem Pferd kannte er kein Pardon. Er wusste uns ehrgeizige junge Reiter vom Wert einer geduldigen und systematischen Ausbildung des Pferdes zu Überzeugen. Zahlreiche Azubis, Reitlehrer, Amateurausbilder und Reiter hat er in seinen Lehrgängen geprägt. Seine Westf. Reit- und Fahrschule war ein Vorzeigebetrieb. Wir waren stolz darauf, dazu zu gehören.
    Vielen Dank, Paul Stecken, ruhe in Frieden.

  2. Adriane Schmidt-Baumann

    Paul Stecken war in meiner Jugend ein unglaublicher Lehrmeister!Er hat mich gefördert und ich durfte ,das erste Pony der Reitschule Münster,“ die Mausi“ reiten, auch erfolgreich auf den Turnieren!Er war immer für mich da und auch für alle,die eine Ausbildung bei ihm gemacht haben!Auch ich verneige mich vor diesem unglaublichen Ausbilder und Lehrmeister!
    Danke Danke Paul Stecken!

  3. Klaus Simon

    Ich habe Mitte der 60er Jahre als Teenager an mehreren Schüler-Ferienkursen an der Reitschule in Muenster mit Begeisterung teilgenommen. Die Schule hat mir – unter Major a.D. Stecken – nicht nur solide Kenntnisse ueber den Reitsport vermittelt. Darueber hinaus verkörperte Paul Stecken Stil und Klasse der „alten Schule“, die schon damals eher eine Rarität war. Wer an der Schule den Reitsport erlernte, hat die „alte Schule“ im taeglichen Umgang mit Paul Stecken erlebt und sicherlich nachhaltig aufgenommen.

    Leider setzte mir Anfang der 70er Jahre ein Unfall beim Springen der Ausübung des Reitsports ein unglückliches Ende. Dennoch bin ich ueber die langen Jahre hinweg dem Pferdesport eng verbunden geblieben. So konnte ich 1985 (oder 1986 ?) – ich war 1982 nach Kanada umgezogen – persoenlich erleben, wie Dr.Reiner Klimke bei der Dressur-Weltmeisterschaft ausserhalb von Toronto – auf der grandiosen Reitanlage von Hans und Eva Maria Pracht – mit der deutschen Equipe die Goldmedaille holte.

    Dr. Klimke war sicherlich Paul Steckens prominentester Schueler.

    Ich werde Zeit meines Lebens Major a.D. Stecken ein ehrendes Angedenken bewahren.


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