Alkoholexzesse im Springsport: FN spricht von Einzelfällen und gibt Eltern Mitschuld

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FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach nimmt Stellung zum Artikel in Spiegel 36/2018 (© St.GEORG)

In einer Pressekonferenz hat die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) heute am späten Vormittag auf die in einem Spiegel-Artikel erhobenen Vorwürfe reagiert. Das Nachrichtenmagazin hatte von Alkoholexzessen und sexualisierter Gewalt ausgehend von einer Gruppe junger Springreiter berichtet. FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach sprach von „Einzelfällen“ und erwähnte eine „neue Elterngeneration“, die eine Mitschuld treffe.

Vieles bleibt vage in dem Artikel, der in der heutigen Ausgabe des Spiegel sechs Seiten einnimmt. Ausgangspunkt sei ein Vorfall gewesen, der sich im November 2017 auf einem Turnier in den Niederlanden abgespielt habe. Über Nacht hätten Unbekannte mit Ketchup das Wort „Lügner“ auf den Pferdetransporter eines Schwesternpaars geschmiert. Dazu noch andere obszöne Begriffe. Die Mädchen zählten zu den deutschen Nachwuchspringreiterinnen, schreibt das Nachrichtenmagazin. Hintergrund für die Schmierereien sei der Umstand gewesen, dass die Schwestern über sexuelle Übergriffe berichtet und bei der FN vorstellig geworden waren. Dies ist einer von zwei Fällen, zu denen die Leitung der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) heute Stellung bezogen hat. Dazu und zum Thema Alkoholexzesse. „Es handelt sich um Einzelfälle, nicht die gesamte Disziplin“, betonte FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach auf einer Pressekonferenz in Warendorf. „Ich glaube nicht, dass unser Sport ein massives Problem generell hat. Wir haben eine Gruppe von jungen Aktiven, die definitiv hier ein Problem haben. Wir wollen es und werden es nicht zu einem massiven Problem werden lassen. Wir betreiben schon seit einigen Jahren Präventivmaßnahmen, insgesamt gegenüber sexualisierter Gewalt. Jetzt kommt noch Alkohol in nie dagewesener Dimension hinzu. Das ist tatsächlich erst zu einem echten Thema geworden. Dem wollen wir uns jetzt stellen, damit es nicht zu einem Problem wird“.

Was alle Beteiligten, neben Lauterbach auch Maria Schierhölter-Otte, Leiterin der Abteilung Jugend bei der FN, besonders beschäftigt: Die einfache Rechnung, trinkende Jungen und Mädchen, die Opfer sind, geht so nicht mehr auf. Sie umfasst eine weitere Komponente: die Eltern. Die würden dem Tun ihres Nachwuchses teilweise nicht nur billigend zuschauen, sondern auch mit dem Einkauf von Alkohol aktiv die nächtlichen Saufgelage in den teuren LKW unterstützen. Lauterbach spricht von einer „neuen Generation Eltern“. Und Schierhölter-Otte gibt zum Besten, wie ihre Gespräche mit Eltern abliefen, die sie auf das Thema Alkohol angesprochen hatte:

Ihr da in Warendorf braucht nicht unsere Kinder zu erziehen!

Statement von Eltern, deren Kinder in Alkoholexzesse verstrickt waren.

Zu zwei Fällen bezog die FN im Rahmen der Pressekonferenz klar Stellung. Knapp 30 Journalisten, darunter auch Kamerateams, waren der gestern kurz vor Mitternacht verschickten Einladung zum Informationsaustausch am heutigen Samstag im beschaulichen Warendorf nachgekommen. Vertreter größerer Tageszeitungen oder Presseagenturen waren nicht darunter.

Fall 1: Alkoholexzesse und sexualisierte Gewalt bei der DJM in Aachen

Bei den Deutschen Jugendmeisterschaften 2017 in Aachen soll ein stark alkoholisierter Reiter ein Mädchen sexuell bedrängt haben. Außerdem habe er gedroht, solle sie, die ältere Schwester, sich widersetzen, würde er deren jüngere Schwester vergewaltigen. Der Reiter, dessen Name im Rahmen der Pressekonferenz nicht genannt wurde, sei daraufhin Ende Juli von der Disziplinarkommission zu einer 18-monatigen Sperre verurteilt worden. Während das Verfahren noch lief hatte Bundestrainer Otto Becker den Reiter, der im Pony- und Nachwuchsbereich über Jahre erfolgreich bei den Europameisterschaften am Start war, auch weiterhin für internationale Turniereinsätze nominiert. Dr. Dennis Peiler, Geschäftsführer des Deutschen Olympiade-Komitees, hatte dem Spiegel gegenüber von einer „sportfachlichen Entscheidung“ gesprochen. Darunter sei zu verstehen, dass der Reiter trotz der im Raum stehenden Anschuldigungen aufgrund seiner Erfolge internationale Startgenehmigungen erteilt bekommen hätte. „Auch für uns gilt die Unschuldsvermutung“, erläuterte dazu FN-Generalsekretär Lauterbach auf Nachfrage.

Nachdem die Disziplinarkommission gegen den Reiter eine anderthalbjährige „Wettkampfsperre für alle nationalen und internationalen Turniere“ ausgesprochen hatte, sei er nicht mehr vom Bundestrainer berücksichtigt worden. Rechtskräftig verurteilt sei besagter Springreiter allerdings noch nicht, da der Reiter in Berufung gegangen sei. Nun muss das Große Schiedsgericht der FN über den Fall verhandeln. Das kann nach Einschätzung von FN-Justiziarin Constanze Winter ein gutes halbes Jahr dauern, „es ist ja auch das erste Mal, dass sich das Große Schiedsgericht mit einem Fall von sexualisierter Gewalt beschäftigen muss.“

Wie weitreichend dieser Fall ist, hatte sich erst am letzten Verhandlungstag Ende Juli gezeigt. Da habe die Hauptbelastungszeugin vor der Disziplinarkommission erstmals zum Bereich sexualisierte Gewalt ausgesagt. Vier Tage später, nachdem das Protokoll verfasst worden war, habe die FN dann den Fall mutmaßlicher sexueller Übergriffe bei der Staatsanwaltschaft in Münster angezeigt. Wenn das Große Schiedsgericht der FN in dem Fall sein Urteil spricht,  ist der Fall rechtskräftig. „Dann wird er im FN-Kalender veröffentlicht“, erläuterte Justiziarin Constanze Winter den weiteren Ablauf des Verfahrens.

Der Fall geht mir als Vater von zwei Kindern an die Nieren. Sexualisierte Gewalt verurteilen wir aufs Schärfste.

Soenke Lauterbach, FN-Generalsekretär

Auch wenn Lauterbach in seinem Eingangsstatement von „Einzelfällen“ gesprochen hatte, wollte er nicht in Abrede stellen, dass der Springsport ein Problem mit Alkoholexzessen habe. Aber nicht nur der Reitsport. Es handle sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Fall 2: Gläser geworfen und Zeugen bespuckt

Das betrifft auch den zweiten Fall, der mit einer Geldstrafe geahndet wurde. Ein junger Springreiter hatte in betrunkenem Zustand mit Gläsern geworfen und Zeugen bespuckt. Im Juristendeutsch wird bei solchen Vorfällen von „jugendtypischem Fehlverhalten“ gesprochen. Als ein solches Vorkommen hatte der Landesverband Rheinland auch eine schon etwas länger zurückliegende Begebenheit eingestuft, die die Spiegel-Recherchen ebenfalls zu Tage gebracht haben. Nachts war eine betrunkene junge Frau „halbnackt“ und urinverschmiert auf einem Transporterplatz aufgefunden worden. Bei der Aufklärung, wie es zu dieser Situation gekommen war, habe es unterschiedliche Versionen gegeben. Letztendlich, so schreibt der Spiegel, sei das vermeintliche Opfer aber der Darstellung des in den Vorfall verwickelten Springreiters gefolgt und auf eine Klage verzichtet.

Die Disziplinarkommission des rheinischen Landesverbandes hatte den Reiter, zum Zeitpunkt des Geschehens 17 Jahre alt, einbestellt. Was ihm genau zur Last gelegt wurde, und was er ausgesagt hat, weiß die FN nicht. Der Landesverband Rheinland hatte aus Gründen des Jugendschutzes den Dachverband nicht weiter in Kenntnis gesetzt. Das musste auch Generalsekretär Lauterbach zugeben: „Wir haben keine Informationen aus dem Rheinland. Der Tenor der Entscheidung war ,jugendtypisches Fehlverhalten‘.“ Einen Autoritätsverlust seitens der FN gegenüber den Landesverbänden sieht Lauterbach nicht. „Ob das Rheinland über uns lacht, kann ich ihnen nicht sagen, ich hoffe das aber nicht.“ Außerdem, so sah sich der FN-Generalsekretär bemüßigt nachzuschieben, „zählt die rheinische Verbandsführung eigentlich zu denjenigen, die vorweg marschieren.“

Generalabrechnung

Der Spiegel hat die sechs Seiten in seiner aktuellen Ausgabe zu einer großen Generalabrechnung mit dem Springsport genutzt. Kaum etwas wird ausgelassen. Die Kosten für Springböden, die Anzahl von Röntgenbildern, die Preise für LKW und Pferde. Einige Dinge, die im Artikel angedeutet werden, seien für die FN neu oder aber nicht so konkret gewesen, dass man ihnen hätte nachgehen können. „Ein Gespräch an der Bar reicht uns nicht“, betonte Justiziarin Constanze Winter. „Ohne Aussagen können wir rechtlich kein Verfahren führen“. Es brauche Täter und Opfer. Außerdem sei die FN nicht automatisch für jedes vermeintliche Fehlverhalten von (Spring-) Reitern auf deutschen Turnieren verantwortlich. Erst einmal seien die Landesverbände zuständig, in deren Hoheitsgebiet das jeweilige Turnier stattfindet. Erst wenn es um Nominierungen von auffällig gewordenen Reitern für internationale Turniere und Championate ginge, käme die FN ins Spiel.

Viele Ideen und Aktivitäten

Die Leiterin der Abteilung Jugend bei der FN, Maria Schierhölter-Otte, nutzte die Pressekonferenz, um die vielfältigen Aktivitäten vorzustellen, die der Verband seit Bekanntwerden der Fälle ins Leben gerufen bzw. intensiviert hat. Nach der DJM in Riesenbeck 2016, bei der erstmals ein Reiter nach übermäßigem Alkoholkonsum des Turniers verwiesen worden war, sei man zur Erkenntnis gelangt, dass „Ermahnungen und Ausschlüsse“ nicht reichten. Zwei Expertinnen aus Hannover, die im Fußballbereich bereits mit dieser Thematik Erfahrungen gesammelt hatten, wurden engagiert. Sie trafen sich gemeinsam mit den Springreitern aus dem Nachwuchsbereich. „Ohne Hauptamtler“, also weder mit Funktionären noch Trainern an der Seite, hätten sich die jungen Springreiter in einem Seminar 2018 eigene Regeln erarbeitet. Unter anderem eine Null-Promille-Regelung im Parcours. Die FN habe daraufhin Alkoholtester angeschafft. Diese seien schon beim Preis der Besten in Warendorf und den Future Champions in Hagen a.T.W. zum Einsatz gekommen. Am kommenden Wochenende stehen die Deutschen Jugendmeisterschaften 2018 in München auf dem Programm. Auch da darf der deutsche Reiternachwuchs ins Röhrchen blasen.

Vor allem aber habe sie den Austausch mit anderen Sportverbänden gesucht, so die Jugendbeauftragte Schierhölter-Otte. Allgemeiner Tenor über Verbandsgrenzen hinweg: „Sexualisierte Gewalt unter Gleichaltrigen ist ein gesellschaftliches Problem, das den Querschnitt Deutschlands widerspiegelt“. Die Reiterei sei nicht allein mit dem Thema Alkohol bei Nachwuchssportlern. Konzepte, wie dem zu begegnen sei, seien kaum vorhanden. Selbstverständlich habe es immer schon Alkohol im Reitsport gegeben, „aber das ist eine neue Dimension: Alkohol plus Sachbeschädigung und sexuelle Übergriffe.“

Einen Vorfall konnten oder wollten die drei FN-Mitarbeiter auf dem Podium nicht weiter kommentieren: Bei der EM in Samorin im vergangenen Jahr sei von deutschen Reitern ein Hotelzimmer demoliert worden. Das sei bekannt und die Reiter habe man verwarnt. Bei einer Polonaise sei ein Bett zu Bruch gegangen. Der Spiegel will allerdings auch von einem „sehr jungen Mädchen“ wissen, das bei der Feier in dem Zimmer zugegen gewesen sein soll. Es sei „möglicherweise Opfer einer Vergewaltigung oder sexuellen Nötigung“ geworden, schreiben die fünf Spiegel-Autoren. Die Staatsanwaltschaften Koblenz und Münster sollen zu diesem Vorfall ermitteln. Die FN-Führung hatte im Gespräch mit den Journalisten vom Spiegel gebeten, deren Informationen zu weiteren Untersuchungen seitens des Verbandes zu erhalten. Bislang habe man aber nichts bekommen.

Generell hat die FN sich nicht erst seit der MeToo-Debatte mit dem Thema sexualisierte Gewalt beschäftigt. Der Maßnahmenkatalog ist lang und kann im Internet nachgelesen werden.

Schwankender Bundestrainer?!

Saufgelage in Lehrlingsheimen anlässlich des Preis der Besten in Warendorf und ein Bundestrainer, der – als Privatmann – auf einem Championat im vergangenen Jahr alkoholisiert und „schwankend“ angetroffen worden sei, hatte der Spiegel ebenfalls notiert. FN-Generalsekretär Lauterbach erläuterte auch diese Vorkommnisse: Jungen Erwachsenen könne man den Alkoholkonsum nicht verbieten. Wohl aber habe man in Sachen Feiern „dem ein klares Ende gesetzt“. Der Bundestrainer wiederum sei auch nur ein Mensch und „darf auch mal ein Bier trinken“. Er sei bei besagtem Championat auf jeden Fall „noch gehfähig“ gewesen.

Die Zusammenarbeit mit dem auf Missbrauch spezialisiertem Verein „Zartbitter e.V.“ will die FN auch weiterhin aufrecht erhalten. „Wir haben das Ziel, Übergriffe zu unterbinden“, formuliert Justiziarin Winter.

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