Andrew Kocher: Keine elektrischen Sporen, sondern Clickertraining

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Andrew Kocher auf Squirt Gun beim Weltcup-Turnier in Leipzig 2020. (© www.toffi-images.de)

Der Weltreiterverband FEI hat das Verfahrensprotokoll im Fall Andrew Kocher veröffentlicht. Dem US-Springreiter wurde vorgeworfen, seine Pferde auf dem Turnier mit elektrischen Sporen geritten zu haben, woraufhin er zehn Jahre lang gesperrt wurde. Zu Unrecht, wie Kocher sagt.

Vor rund einem Jahr waren Fotos von Andrew Kocher öffentlich geworden, auf denen zu sehen ist, dass der US-amerikanische Springreiter im Parcours ein Gerät in der Hand hält und dass Drähte im Ärmel seines Hemdes verschwinden. Zuerst hatte das französische Magazin Grand Prix Replay über die Angelegenheit berichtet. Die FEI leitete ein Disziplinarverfahren ein.

Man kam beim Weltreiterverband zu dem Schluss, dass Kocher das Gerät in seiner Hand benutzt, um seinem Pferd Elektroschocks zu verpassen. Der Reiter wurde wegen Tierquälerei, Bruch des FEI-Verhaltenskodexes und Manipulation des Wettkampfes für zehn Jahre für sämtliche Aktivitäten in der Pferdeszene gesperrt. Dieses Urteil hat die FEI im April in verkürzter Form veröffentlicht. Kocher hatte danach noch 21 Tage Zeit, Einspruch zu erheben.

Das hat er getan. Als dir Vorwürfe gegen ihn laut wurden, sagte er zunächst, es handele sich um eine Intrige und die Person, die ihm schaden wolle, würde auch nicht davor zurückschrecken, Fotos zu manipulieren. In dem Verfahrensprotokoll, dass die FEI jetzt öffentlich gemacht hat, liest sich Kochers Erklärung der Bilder allerdings ganz anders.

Clickertraining

Andrew Kocher erklärte gegenüber der FEI bei dem Gerät in seiner Hand habe es sich um einen Clicker gehandelt, wie er üblich ist bei der Konditionierung von Tieren. Die Kabel, die seinem Ärmel verschwinden, dienten lediglich als Halterung für das Gerät, so dass er es während des Reitens nicht verliert.

Die FEI ließ sich auf diese Erklärung jedoch nicht ein. Man stellte Kocher die Frage, warum er acht Monate gewartet hat, um diese Erklärung vorzubringen. Hätte man ihm solch schwerwiegende Vorwürfe zu Unrecht gemacht, hätte er diese Erklärung doch wohl sofort abgegeben, nachdem er mit den Vorwürfen konfrontiert wurde.

Zudem wurden in dem Prozess mehrere Zeugen angehört, die sagten, ihres Wissens nach sei Clickertraining bei Kocher nie ein Thema gewesen und er habe es auch nie angewendet.

Zeugenaussagen

Die Aussagen der Zeugen aus Kochers Umfeld, die in dem FEI Report anonymisiert sind, belasten den früheren Springreiter schwer. Die Hauptbelastungszeugin ist eine frühere Geschäftspartnerin, mit der auch eine „enge persönliche Beziehung“ hatte, wie es heißt. Und mit der er inzwischen in mehreren Staaten wegen des früheren gemeinsamen Pferdehandels vor Gericht streite, wie alle Parteien zur Kenntnis genommen hätten.

Jene Zeugin sei auch diejenige gewesen, die Kocher bei der FEI wegen des Gebrauchs elektrischer Sporen angezeigt habe. Sie hatte auch das Videomaterial geliefert, das als Hauptbeweismittel gegen Kocher galt und auf dem erklärt wird, wie die Geräte zum Gebrauch elektrischer Sporen funktionieren.

Sie sagte, sie habe im April 2018 Pferde zu Kocher in Beritt gegeben. Im August 2019 habe sie elektronische Geräte in seinem Auto gefunden und ihn darauf angesprochen. Er habe erklärt, er selbst würde sie nicht mehr benutzen, er habe sie für andere Leute gebaut und verkauft.

Tatsächlich sei es aber „tägliche Routine“ gewesen, so die Zeugin. Sie habe klargestellt, dass sie darauf bestanden habe, den Einsatz von Elektroschockgeräten bei ihren Pferden zu verbieten, als sie erfahren hat, dass Kocher auch ihre Pferde damit reitet, weil sie die Geräte für grausam hielt und sie nichts seien, dem sie ihre Pferde aussetzen wollte.“

Kocher sei mehrfach auf Turnieren gestürzt und habe sich danach stets geweigert, sein Sakko auszuziehen, um sich von den Sanitätern untersuchen zu lassen.

Ihre Pferde hätten durch die Anwendung der Elektroschockgeräte Verhaltensauffälligkeiten entwickelt.

Sowohl Kocher als auch die Zeugin bestätigten die schwierige Beziehung zwischen ihnen. Kocher sagte, er die Zeugin habe ihn aus bösem Willen angezeigt und die anderen Zeugen bestochen, gegen ihn auszusagen.

Weitere Zeugen

Eine weitere Zeugin war eine frühere Angestellte Kochers, die selbst international als Springreiterin im Einsatz ist. Sie sagte, Kocher hätte sie gezwungen die Geräte einzusetzen.

Der Vorteil beim Einsatz der Geräte sei es, dass sie dazu führen, dass das Pferd zwischen zwei Hindernissen sofort beschleunigt, wodurch Fehler mitunter verhindert werden können. Auch dienten die Geräte dazu, ein zögerliches oder nervöses Pferd am Verweigern zu hindern, und ein müdes, erschöpftes Pferd zu zwingen, weiterzugaloppieren, statt langsamer und flacher zu werden.

Auch ein anderer Angestellter berichtete von den Geräten. Und dass er mehrere Wochen vor der Anhörung einen Anruf von Kocher erhalten habe und bedroht worden sei. Kocher habe ihm erklärt, es wäre „sehr viel einfacher für ihn, wenn er seine Aussage zurückzöge“. Dann würde Kocher „keine Bilder von ihm veröffentlichen“. Der Zeuge habe nicht gewusst, von welchen Bildern Kocher rede.

Kocher hielt dagegen, nicht er habe die Elektroschockgeräte benutzt, sondern seine Angestellten. Er habe die Fälle nur deshalb nicht gemeldet, weil es ihm nur darum gegangen sei, seine Pferde zu schützen. Darum habe er lediglich das Angestelltenverhältnis beendet.

Eine weitere Zeugin war eine Pflegerin, die erklärte, sie habe das Gerät bei diversen Gelegenheiten in Kochers Hand gesehen. Außerdem erklärte sie, dass Kocher selbst bei sehr warmem Wetter im Sweatshirts getragen hätte. Es habe so ausgesehen, als verstecke er etwas.

Auch habe sie festgestellt, dass Pferde, die normalerweise ganz ruhig waren, extrem gestresst wirkten, sobald Kocher sie ritt. Sie seien gestiegen, hätten gezittert und seien oft durchgegangen.

Ein weiterer Zeuge, ein alter Bekannter von Kocher nach eigener Aussage, erklärte Kocher benutze die Sporen schon seit 2013 oder 2014. Er habe ihm damals selbst erklärt, wie sie funktionierten. Er sagte auch, dass das sofort hätte gemeldet werden müssen und dass er geschockt gewesen sei, als er 2020 erfuhr, dass Kocher immer noch mit den Geräten reite.

Kocher sagte, er kenne jenen Zeugen gar nicht und stellte die Frage, warum er dem Mann hätte erklären sollen, wie die Geräte funktionieren.

Früher schon in Verbrechen verwickelt?

Das FEI Tribunal sieht Kochers Schuld als erwiesen an. Es sei überraschend gewesen, dass Kocher und seine Anwälte zahlreiche Aufschübe und Fristverlängerungen beantragt hätten, aber keinen einzigen überzeugenden Beweis hätten vorbringen können, dass es sich bei dem Gerät um einen Clicker gehandelt habe.

Auch sei es „überraschend“ gewesen, dass Kocher keinen einzigen eigenen Zeugen benannt hatte, der die Aussagen der anderen Zeugen widerlegt hätte.

Darüber hinaus führten die FEI-Anwälte an, dass Kocher schon früher verurteilt worden war, weil er Tiere gestohlen und angeblich auch eines getötet habe.

Die Anwälte beziehen sich hier auf einen Fall aus dem Jahr 2002, als Andrew Kocher zu sechs Monaten Gefängnis und vier Jahren Bewährung verurteilt wurde, nachdem er sich des Diebstahls zweier Ponys und eines Ziegenbocks für schuldig erklärt hatte. Letzteren habe er zusammen mit einem Komplizen getötet.

Der Ziegenbock sei von Kocher und seinem Komplizen grausam erstickt worden. Diese Einstellung gegenüber Tieren habe auch bei der Beurteilung des jetzigen Falls eine Rolle gespielt, so das FEI Tribunal.

Die FEI-Anwälte gaben die Empfehlung, Kocher für mindestens fünf Jahre zu sperren. Das FEI-Tribunal hat wegen Kochers fortwährendem Leugnen der Vorfälle und dem Fehlen jeglicher Reue zehn draus gemacht.

Das vollständige Verfahrensprotokoll finden Sie hier.

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