Hans Günter Winkler ist gestorben

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Pferde waren seine Leidenschaft, bis zum Schluss – Hans Günter Winkler ist im Alter von 91 Jahren gestorben. (© von Korff)

Er war eine lebende Legende. Nun ist Hans Günter Winkler im Alter von 91 Jahren gestorben. Eine Ikone ist nicht mehr. Aber er war einer, den man nicht vergessen wird! Das Leben eines Mannes, der alles war, aber nicht stromlinienförmig.

In wenigen Tagen beginnt der CHIO Aachen, das Turnier, das Hans Günter Winkler immer als „sein Wohnzimmer“ bezeichnete. 2016 ist er hier noch im Rahmen einer Gala geehrt worden. Von nun an muss der CHIO ohne „HGW“ auskommen. Mit 91 Jahren ist Hans Günter Winkler verstorben.

Carl Meulenbergh, der Präsident des CHIO-Veranstalters Aachen-Laurensberger Rennverein erklärte gegenüber dem SPIEGEL: „Mit ihm haben wir nicht nur eine Legende und den prominentesten Botschafter unseres Sports verloren, sondern auch einen großen Freund des Aachener Turniers.“

FN-Präsident Breido Graf zu Rantzau würdigt auf der www.pferd-aktuell.de die großen sportlichen Leistungen der Springreiter-Ikone: „Hans Günter Winkler war während seiner Karriere ein großer Sportler und hat auch nach seiner aktiven Zeit unendlich viel für unseren Sport, besonders für den Reiter-Nachwuchs getan. Wir verlieren mit ihm einen Mann, der mit großer Disziplin und Leidenschaft sein Leben gemeistert hat. Meine Erinnerung an Hans Günter Winkler ist untrennbar damit verknüpft, dass er und seine Mannschaftskameraden Fritz Thiedemann, Alfons Lütke-Westhues und Alwin Schockemöhle den Reitsport durch ihre Olympia-Siege in der Nachkriegszeit wieder an die Weltspitze geführt haben.“

Einer seiner erfolgreichsten Schüler war Andreas Ostholt, der seit 2011 von HGW trainiert wurde und 2012 dessen Reitanlage erwarb. Ostholt berichtete: „Er war in den letzten Monaten und Wochen sehr gut drauf. Wir haben noch zusammen trainiert und waren voller Vorfreude auf den CHIO Aachen. Er hatte noch viele Pläne mit mir. Er habe einen Vertrag mit dem lieben Gott über 100 Jahre, wie er immer sagte. Sein Tod kam jetzt doch sehr überraschend, das hat niemand vorhergesehen.“ Ostholt weiter:

Sein Tod trifft mich sehr, HGW war in den letzten Jahren wie in Ziehvater für mich und gehörte zu unserer Familie.

Hans Günter Winkler wurde am 24. Juli 1926 in Wuppertal-Barmen als Sohn eines Reitlehrers geboren. Nach dem Krieg holte ihn Gustav Rau 1950 an das deutsche Olympiade Komitee für Reiterei (DOKR) nach Warendorf. Hans Günter Winkler nahm an sechs Olympischen Spielen teil, gewann fünf Gold-, eine Silber- und eine Bronzemedaille. Er war 1954 (mit Halla) und 1955 (mit Halla/Orient) Weltmeister und 1957 Europameister (mit Sonnenglanz). Bei 105 Nationenpreiseinsätzen siegte er mit der Equipe 41 Mal.

1986 verabschiedete er sich aus dem Sport, widmete sich dem Training und ab 1991 mit seiner Firma HGW-Marketing der Sponsorenakquise und Durchführung von Turnieren. Hans Günter Winkler war viermal verheiratet und ist vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Großen Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland.

Ende 2014 hatte St.GEORG-Chefredakteur Jan Tönjes Hans Günter Winkler besucht und einen Mann kennengelernt, dem im Leben nichts geschenkt wurde, der aber dennoch alles erreicht hat, was man erreichen kann. Einen Mann mit klarer Haltung und einer großen Passion.

 

Die Legende Hans Günter Winkler

Wenn der deutsche Reitsport eine Legende hat, dann ihn. Eine mit Ecken und Kanten. Sechs Jahrzehnte in der Öffentlichkeit, in den 1950er Jahren ein Held der noch jungen Bundesrepublik. Der erste Reiter, der nach dem Krieg in die USA flog und zweimal zum Sportler des Jahrzehnts gewählt wurde, in den 1950er und 1960er Jahren. In der sportlichen Ära Winklers, die 1976 ihren olympischen Abschluss fand und 1986 zu Ende ging.

Hans Günter Winkler, als „HGW“ eine Ikone, war 1976 Fahnenträger bei den Olympischen Spielen (in Montreal) und gewann noch einmal Mannschaftssilber. Sieben Olympiamedaillen (fünf in Gold), zweimal Welt-, einmal Europameister, dazu vier weitere Einzelmedaillen, errungen im Sattel von sieben Pferden – noch heute ist er damit der erfolgreichste Springreiter aller Zeiten.

Mag Ludger Beerbaum auch mittlerweile Winklers 105 Nationenpreiseinsätze übertroffen haben, für Winkler gibt es nur eine Währung, die zählt: „Medaillen und Titel!“ Sein Gang war gebeugt, sein Wille nicht. Der Blick war fest, die Haut straff. Nur die Stimme war schon stärker. Dennoch verströmte der damals 88-Jährige eine besondere Energie. Die Kraft eines Mannes, der sich nicht klein kriegen lässt. Der es gewohnt ist zu kämpfen, weil ihm nie etwas geschenkt wurde.

Von der prägenden Jugenderfahrung

„Mein Traum war es, Kavallerieoffizier zu werden. Mein Vater stammte aus der Niederlausitz. Er wollte zur Kavallerie, aber es war nicht leicht als einfacher Bauernsohn. Nach dem ersten Weltkrieg bekam er eine Stellung in Wuppertal bei der Schutzpolizei als Reitlehrer. Er war ein ruhiger, intelligenter Mann, er sagte wenig. Meine Mutter war eine liebe Frau französischer Abstammung aus dem Rheinland.“ Ob er von ihr das Aussehen geerbt hat? Der junge Winkler, das Haar leicht gewellt … „Ich sah gut aus!

„Im Kindergarten war ich immer der Kleinste, später war ich 1,73 Meter groß. Ich erzähle das nur, weil das prägend für mich war. Da war ein großer Junge, der haute einem immer aufs Ohr. Der drangsalierte die Klasse. Das tat sehr weh. Ich habe meinen Vater gefragt: ‚Papa, was soll ich tun?‘“ Er fasste sich ans linke Ohr, als würde der Schmerz noch nach mehr als 80 Jahren nachhallen. „Er hat mich angeguckt und gesagt: ,Es wird dir öfter im Leben passieren, in diesem Fall hilft nur eins: Angriff ist die beste Verteidigung! Du hast ein Ziel. Such‘ eine gute Stellung, von wo aus du Anlauf nehmen kannst, brüll so laut wie du kannst, und renn hin und hau ihm in den Schritt. Pack an und schrei und halt fest‘. Hab’ ich gemacht. Ich war der König der Klasse. Nie mehr hat mich einer geschlagen.“

Lektion gelernt, „Angriff ist die beste Verteidigung! Ich habe in solchen Situationen immer meinen Vater vor Augen.“ Sein Vater fiel im letzten Monat des zweiten Weltkriegs.

Vom Gärtner zum Pferdepfleger

Vorm Krieg war die Familie nach Frankfurt gezogen, wo Winkler eine gutbürgerliche Erziehung genoss und dieselben Schulen wie die Kinder der Kunden seines Vaters besuchte. Haltung, Erziehung – das Wissen um Außenwirkung, dabei sein wollen, auch wenn man nicht dazu gehört. Disziplin und Perfektion, Begriffe, ohne die aus dem mit 16 Jahren noch als Fähnrich zum Kriegsdienst herangezogenen Hans Günter Winkler nie der Mann geworden wäre, der als HGW in die Geschichtsbücher Einzug halten sollte.

Auch wenn er diesen Umstand vor allem einem Pferd verdankt, Halla. „Wir waren beide Kriegskinder“, sagt Hans Günter Winkler. Er, dessen Familie „bis auf ein paar entfernte Tanten“ ausgelöscht war und der die Mutter nach dem Krieg in Frankfurt wieder traf. Und Halla, die zähe Tochter der französischen Beutestute Helene, Vater ein Traber, die bei dem Gemüsebauern Gustav Vierling in Darmstadt zur Welt gekommen war. Halla wurde 34 Jahre alt.

Bevor sich die Wege der beiden das erste Mal kreuzen sollten, wurde Hans Günter Winkler um ein Haar Adoptivsohn des späteren US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower, dem Oberkommandierenden der alliierten Truppen, der nach dem Krieg auf Schloss Friedrichsruh im Taunus ansässig war. Dort wurden Gärtner gesucht. Winkler witterte seine Chance, auch Pferde gab es da. „Gute Pferde, bis Grand Prix ausgebildet.“ Der Sprung vom Gärtner zum Pferdepfleger gelang. „Ich habe mir fünf klasse Pferde ausgesucht, alle von der Kavallerieschule ausgebildet. Habe sie geputzt für den Stab von Eisenhower. Ich hatte ja einen Blick für Pferde.“

Aus „Hey, Du!“ wird „Herr Winkler“

„Wir waren alle namenlos. ,Hey du‘, war die Anrede. ,Du bist jetzt verantwortlich, Stallmeister.‘ So sind die Amis, die beobachten die Leute, wenn sie einen Guten sehen, bekommt der ein Stipendium.“

Winkler war wohlgelitten. Die Zigaretten, die er von den Amerikanern bekommt, investierte er geschickt. „Meine Mutter habe ich verpflegt. Und ich habe mir einen Reitanzug gemacht und einen Zivilanzug. Von dem Moment an war ich ,Herr Winkler‘.“

Dessen Stunde schlug, als einer der Militärs für den nächsten Morgen zwei gut gerittene Pferde zum Ausreiten orderte. „Wer kam rüber? Ein älterer Herr. Guckte mich an, gab mir die Hand und sagte ,Eisenhower‘, ich sagte ,Winkler‘. Das war das tollste! Mit den Deutschen sprach man nicht, wir waren verpönt. Er aber hat mich ganz normal als Person gesehen. Ich war gut zu den Pferden. Er nahm mich für das, was ich war, morgens der Erste und abends der Letzte im Stall. Wenn du etwas werden willst, musst du immer der Beste sein.“

General Eisenhower und Winkler ritten zusammen aus. „Er hat mir sein Leben erzählt und ich ihm meins.“ Zwei Monate später wird er in das Hauptquartier gebeten, der General bietet überraschend an, ihn, den deutschen Pferdepfleger, zu adoptieren. Winkler ist sprachlos, wacht nachts schweißgebadet auf. Seine Mutter hätte er zurücklassen müssen. Undenkbar.

Halla, das Wunderpferd – die Legende

Zurück zu Halla, die als Fohlen über den Stacheldraht, „1,30 Meter hoch“, der den Bahndamm von der Weide trennte, sprang. Morgens nachdem der tägliche Zug durchgefahren war. Geschichten …

Wie der deutsche Oberlandstallmeister Gustav Rau nach Sportpferden suchte, auf Halla stieß und Reiter an ihr verzweifelten. Wie Winkler sie an einer Tankstelle abholen musste, um sie drei Tage vor der Military in Bad Harzburg 1950 erstmals zu reiten. Wie sie dann wieder von anderen geritten wurde, niemand sie haben wollte. „Justav, nimm die Ziege zurück!“ Wie Züchter Gustav Vierling sie ihm daraufhin per Handschlag in Warendorf zur Verfügung stellte.

„Ich bin kein großer Hellseher, aber sie war damals das erste Pferd, das springen konnte. Ich war ein Nichts, einer, dem die Sparkasse Warendorf keine 30 Mark leihen wollte. Wir haben abgemacht, dass ich für den Unterhalt von Halla aufkäme, die Siegerpreise dafür behalten konnte und habe versprochen, dass sie nur so lange im Sport gehen würde, wie sie gesund ist, danach sollte sie zurück zum Züchter gehen.“

Halla war ein Problem. Sie schoss los wie eine Rakete, „wohl weil sie als Rennpferd über Hürden, Steeplechase, ihre Karriere gestartet hatte. Die tägliche Arbeit mit ihr war mühsam, da das hochsensible Pferd mit den wohlgemeinten Reiterhilfen nichts anzufangen wusste. Am Ende des zweiten Jahres, ich hatte sie nur L und M geritten, habe ich sie mit aufs Hallenturnier in Hannover genommen, um sie an die Atmosphäre in den großen Hallen zu gewöhnen, keinesfalls um sie in einer großen Prüfung zu starten. Was dann geschah, war nicht geplant, sondern ein Vorschlag von Fritz Thiedemann, mit dem ich mich nach meinen ersten Wochen in Warendorf gemeinsam wöchentlich auf die internationalen Starts vorbereitete. Ich sollte einfach das S/B-Springen (Anm. d. Red.: Mächtigkeitsspringen) reiten, springen könne Halla doch schließlich. Ich bin da so reingehoppelt, erstes, zweites, drittes, viertes Stechen, habe ich gewonnen. (Anm. d. Red.: früher gab es mehrere Stechen). Das war der Anfang von Halla, da hatte sie kapiert, dass sie hoch springen muss. Im nächsten Jahr war ich mit Halla der erfolgreichste Springreiter der Welt, ritt nur Große Preise mit der Stute, wobei ich sie langsam von Start zu Start führte. Der krönende Abschluss dieser Saison war der Sieg im Cup des Königs von Kambodscha, ein großer Goldpokal, der als Wanderpreis ausgeritten wurde.“

Zu diesem Zeitpunkt lebte Winkler längst in Warendorf. Angekommen war er 1950 „mit drei Pferden, einem kaputten Fahrrad und meinem Köfferchen mit Dingen in einem Waggon“. Niemand hatte auf ihn gewartet. Es war nicht die Zeit für gemachte Nester. Gustav Rau suchte Talente, Winkler war ein solches und hatte ein Ziel: Er wollte für Deutschland reiten!

Er kam bei der Familie von Ferdinand Freiherr von Korff zu Harkotten unter. Dessen Mutter führte das Haus. „Ich hatte ein paar Blümchen mit, unterwegs organisiert, das hat schon mal Eindruck gemacht. Und ich habe gesagt: ,Ich wollte Offzier werden und jetzt möchte ich Herrenreiter werden‘. Daraufhin hat sie lange geschwiegen, mich nur angeguckt und gefragt, ob ich größenwahnsinnig wäre. ,Du bist ein netter Junge, aber das schaffst du nie.‘“ Lebenslang sollten der Freiherr und Hans Günter Winkler Freunde bleiben, später schaute dessen Tochter, Ludwiga von Korff, regelmäßig nach Hans Günter Winkler.

Im Mittelpunkt steht das Pferd

Winkler kann viel erzählen. Von dem legendären Ritt, als er mit einem Leistenbruch 1956 in Stockholm, behandelt mit zwei Zäpfchen, um die Schmerzen erträglicher zu machen, Halla nur über den zweiten Umlauf lenken konnte, sie null ging und er Olympiasieger wurde.

Wie er mit seinem guten Freund Fritz Thiedemann und Helga Köhler als erstes deutsches Team nach Amerika flog, im Flugzeug auf Brettern sitzend, die Füße hoch, weil Urin und Pferdeäpfel durch die JU-52  flossen bis der Pilot im Flug die Heckklappe öffnete.

Seine anderen Pferde? Alle nicht einfach, „aber ich war es ja gewöhnt, schwierige Pferde zu reiten.“ Romanus, den Ramzes-Sohn von Baron von Nagel, Torphy, den Karsten Hucks Vater Hans Jürgen ihm empfohlen hatte, und der zwei Olympische Spiele ging. Und der Vollblüter Terminus, der später auf Jägermeister umgetauft wurde und damit eine sport-politische Diskussion um Sponsorennamen lostrat.

„Mexico 1968: Mit Enigk im Stechen, solche Klamotten…“ Könnten die Heroen von damals heute noch mithalten? „Natürlich, unsere Kurse waren schwieriger, der Sport ist ja reduziert worden.“ An Selbstbewusstsein mangelte es ihm nicht.

Das half ihm auch später, als er als Trainer jungen Menschen wie Hermann Schridde reiten und „das ganze Drumherum“ beibrachte, oder mit seiner Firma HGW-Marketing Sponsoren akquirierte wie den US-amerikanischen Paketdienst UPS. Millionen Gelder habe er für den Reitsport zusammengetragen. Heute regiere nur noch das Geld, das sei nicht gut. In Aachen den Nationenpreis für Deutschland zu gewinnen, darum müsse es einem Sportler gehen.

Den Nachwuchs unterstützte er mit dem HGW Bundesnachwuchschampionat und dem Goldenen Sattel. Prüfungen, die Reiter wie Marcus Ehning oder Daniel Deußer gewonnen haben. So solle es auch weiter gehen, wenn er nicht mehr da ist. Dafür hatte er mit seiner letzten Frau Debby, die im Alter von 51 Jahren tragisch verstarb, „da war der liebe Gott grausam“, eine Stiftung gegründet. Ziel: Nachwuchsförderung für den Spitzensport mit Horsemanship. Erfolg ja, aber nie auf Kosten des Pferdes.

Herr Winkler, Sie werden fehlen!

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