Herzlichen Glückwunsch zum 100. Geburtstag, Paul Stecken!

Ein Mann, dessen Ausbildung von aufrichtiger Liebe zum Pferd geprägt ist: Paul Stecken.

Ein Mann, dessen Ausbildung von aufrichtiger Liebe zum Pferd geprägt ist: Paul Stecken. (© www.toffi-images.de)

Heute vor 100 Jahren kam einer der größten Hippologen unserer Zeit zur Welt: Paul Stecken. Legendäre Reiter wie Dr. Reiner Klimke und dessen Tochter Ingrid sind durch seine Schule gegangen. Und viele viele weitere, von denen einer, Wolfgang Marlie, anlässlich des 100. Geburtstages von Stecken für uns seine Erinnerungen an seine Ausbildungszeit bei dem Major a.D. Revue passieren lässt.

Wolfgang Marlie (77) legte 1961 in Münster die Prüfung zum Hilfsreitlehrer ab und wurde danach von Schulleiter, Major a.D. Paul Stecken, zur Ausbildung junger Auktionspferde eingeladen. Seit den 1950er-Jahren führt er die Reiterpension Marlie in Scharbeutz/Ostsee und hat sich auf die Ermutigung von Pferden und Reitern spezialisiert.

Ich war ein 21-jähriger Wald- und Strandreiter, der das große Los gezogen hatte: Ich durfte bei Paul Stecken lernen. Sein ritterlicher Umgang mit den Pferden, seine Aura, wenn er im langen Ledermantel durch die Stallgassen rauschte, wie der Chefarzt bei der Visite … alles unerreichbar weit weg für mich. Damals, es war das Jahr 1961, wurde in der Westfälischen Landesreit- und Fahrschule nicht mal ein Fenster geöffnet, wenn Stecken dies nicht angeordnet hatte. Bei der Kursanmeldung bekam wir Schüler eine Liste mit den Dingen, die mitzubringen seien: unter anderem ein Hut oder eine Mütze und ein grauer Kittel für die Stallarbeit. Kopfbedeckung war jederzeit Pflicht, das Tragen von Reitkappen nur in Prüfungen erforderlich. Undenkbar aber, dass jemand mit staubiger Reithose zum Unterricht erschienen wäre.

Über dem Eingang zur Halle stand Steckens Motto „Reiten lernt man nur durch reiten“. Die Lehrlinge hatten es in „Reiten lernt man nur durch fegen“ umgewandelt. Denn wann immer auch nur ein einziges Pferd die Stallgasse entlang geführt worden war, mussten wir diese fegen. Einer rechts, einer links, einer in der Mitte, gefühlte 100 Meter. Wenn ich dabei Steckens Stimme nur aus der Ferne hörte, nahm ich selbst die Haltung eines Besenstiels ein. Nicht dass er jemals „Strammstehen“ von uns verlangt hätte, es ergab sich einfach so, wenn er in der Nähe war. Alle Gespräche verstummten, sobald er einen Raum betrat. Besonders die, über Heldentaten mit vermeintlich „sturen Böcken“, „dummen Gäulen“ oder wie auch immer Stecken Pferde niemals bezeichnet hätte und dies auch keinem sehr Schüler hätte durchgehen lassen.

Vor dem Einreiten der jungen Pferde für die jährliche Auktion, ließ er uns Ewigkeiten führen. Runde um Runde liefen wir neben den Drei- und Vierjährigen durch die Halle. Zwischendurch warf Stecken mal einen prüfenden Blick über die Bande und rief: „Die Pferde sehen mir noch recht frisch aus. Führen Sie weiter.“ Innerlich, nur innerlich, habe ich damals aufgejault: „Oooch, man! Wie lange denn noch?“ Sichtbar habe ich genickt und bin weiter marschiert.

Wenn wir endlich aufsteigen durften, hieß es leichter Sitz oder Entlastungssitz, vorwärts-abwärts, vorwärts-abwärts, vorwärts-abwärts. Stecken ließ die Dehnungshaltung geradezu zelebrieren. Immer, wenn wir Reiter dachten, jetzt sei es genug und den Rahmen verkürzen wollten, fing die Lösungsphase für ihn eigentlich erst an: „Was Sie den Pferden am Anfang mehr an Zeit lassen, sparen Sie später leicht wieder ein.“ So seine Erklärung. Ich fühlte mich von diesen ständigen Ermahnungen zur Geduld nur ausgebremst – bis ich merkte, wie gut sie Mensch und Tier tun. So gut, dass ich Stecken gedanklich auf jedes junge Pferd mitnahm, das ich später beispielsweise bei General a.D. Horst Niemack oder Egon von Neindorff (er lobte das „Trüffelsuchen“) ritt. Bis heute trete ich bei meinen Schülern genauso auf die Bremse, wie ich es bei Stecken erlebt habe – und leiste dabei innerlich Abbitte.

Als pferdia tv im Jahr 2013 einen Lehrfilm über meine Arbeit drehte, traf ich Stecken in gewisser Weise wieder: pferdia tv hat mehrere DVDs darüber veröffentlicht, wie Ingrid Klimke mit der Unterstützung ihres Lehrers Paul Stecken Jungpferde ausbildet. Als ich in ihn erstmals in meinem heimischen Wohnzimmer auf dem Bildschirm sah, hätte ich mir fast an den Kopf gegriffen. Um die Mütze zu ziehen. Und als ich ihn sagen hörte: „Ingrid, nicht mehr! Jaaa nicht mehr verlangen!“ und „Warte! Er ist noch nicht so weit, warte ab!“ fühlte ich mich in die Reithalle „seiner“ Schule zurückversetzt: „Führen Sie noch ein bisschen weiter.“

Aufgezeichnet von Ulrike Bergmann

St.GEORG gratuliert Paul Stecken aufs Herzlichste! 

Paul Stecken (im Mantel in der Mitte) im Kreis seiner Eleven an der Westfälischen Reit- und Fahrschule 1961. In der letzten Reihe erkennt man Wolfgang Marlie.

Paul Stecken (im Mantel in der Mitte) im Kreis seiner Eleven an der Westfälischen Reit- und Fahrschule 1961. In der letzten Reihe erkennt man Wolfgang Marlie. (© Paul Stecken (im Mantel in der Mitte) im Kreis seiner Eleven an der Westfälischen Reit- und Fahrschule 1961. In der letzten Reihe erkennt man Wolfgang Marlie.)

 

Literaturtipps

Die Erfahrungen und Erkenntnisse, die Wolfgang Marlie während seiner Lehrzeit bei Paul Stecken sammeln konnte, hat er in einem Buch niedergeschrieben: „Pferde, wie von Zauberhand bewegt“ (Kosmos Verlag).

Den reichen Wissensschatz des Paul Stecken kann man aber auch von der lebenden Legende persönlich erfahren. Im FN-Verlag ist dieses Jahr Steckens Band „Bemerkungen und Zusammenhänge“ erschienen. Paul Stecken vergleicht damit die Pferdeausbildung früher und heute, erklärt anhand von Bildmaterial, worauf es zu achten gilt und weist auf Fehlentwicklungen hin. Das Vermächtnis eines Zeitzeugen großer Ausbilderlegenden des 20. Jahrhunderts wie Otto Lörke, der noch einmal die Entwicklung der Reitkunst auf der Grundlage der H.Dv. 12 Revue passieren lässt, bewährte reiterliche Grundsätze ins Gedächtnis ruft, Bilder von früher und heute vergleicht und analysiert und den heutigen Dressursport kritisch unter die Lupe nimmt. Ein Muss für jeden Reiter!

 

 

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