Interview mit Ingrid Klimke, die nach ihrem Unfall wieder im Sattel sitzt

Longines FEI Eventing European Championships 2019

Ingrid Klimke hat die EM-Titelverteidigung in Avenches fest im Visier. (© Oliver Hardt/Getty Images für die FEI)

Die Turniersaison 2021 hatte Reitmeisterin Ingrid Klimke sich eigentlich anders vorgestellt. Nach einem schweren Sturz im Mai fand Olympia ohne sie statt und auch die EM-Titelverteidigung schien erstmal in weite Ferne gerückt. Im St.GEORG-Interview gibt sie nun ein Update zum Status Quo.

Zu allererst die wichtigste Frage: Wie geht es Ihnen?

Sehr gut! Viel besser als erwartet! Ich bin einfach nur dankbar, dass ich endlich wieder auf dem Pferd sitzen kann.

Was ist genau bei Ihrem Sturz passiert?

Meine junge Stute Cascamara (7) und ich waren im CCI3* in Baborowko unterwegs und sind dort gemeinsam an Sprung 4 gestürzt. Sie ist über mich drüber gerollt und hat mich dabei wirklich voll erwischt. Mein gesamtes Schlüsselbein und Brustbein waren gebrochen. Das Brustbein war dabei eigentlich kein Problem. Die größere Problematik stellte das Schlüsselbein dar. Denn das wurde einmal komplett nach innen gesprengt und drückte mir somit extrem auf die wichtigsten Bereiche des Brustkorbs. Zusätzlich hatte ich einige Hämatome, sodass mir das Schlucken, Atmen, Reden wirklich nur sehr erschwert möglich war. Also die ersten zwei Wochen war ich wirklich an mein Bett gefesselt. Es ging gar nicht.

Wie lautete die Prognose des Arztes?

Der Arzt war sehr zuversichtlich. Er meinte zu mir, dass das Brustbein recht schnell verheilen wird, das Schlüsselbein wird jedoch ein paar Wochen länger dauern. Also wenn die Hämatome nach neun Wochen zurückgegangen sind und die Beschwerden im Brustbereich ebenfalls weg sind, dann ist auch das Reiten wieder möglich. Nach 12 Wochen kann verletzungstechnisch auch nichts mehr passieren.

Und wie ging Ihre Genesung letztendlich voran?

Es verlief alles in sehr kleinen Schritten. Die ersten zwei Wochen waren wie gesagt, sehr schwer und auch echt schmerzhaft. Atmen, Reden, Essen, also alles, was im Bereich der Lunge und dem Brustkorb passiert, war mit riesigen Schmerzen verbunden. Ich war auch die ersten zwei Wochen nur zu Hause. Ich habe in dieser Zeit von ganz vielen Freunden Genesungswünsche und Blumen zu geschickt bekommen. Und dass alle so lieb an mich gedacht haben, hat mich natürlich auch total gefreut! Naja und so ging es halt dann langsam für mich weiter.

Auch bis zur sechsten Woche war laufen und reden wirklich nur schwierig möglich. Aber in der Zwischenzeit habe ich die Pferde und die Leute irgendwann natürlich auch sehr vermisst, sodass ich auch einfach mal an den Stall gefahren bin. Unterricht konnte ich bis dahin zwar noch gar nicht geben, trotzdem hat Bobby mal ein Möhrchen von mir gekriegt und ich habe auch sehr gerne Greta und den anderen einfach beim Reiten zu gesehen.

Ich war auch in der Zwischenzeit zwei Wochen mal in den Bergen um mich dort auszukurieren. Habe viel Aquatraining gemacht und mache auch bis jetzt noch viel Physiotraining um meinen Körper wieder langsam zu stabilisieren und für die Belastung vorzubereiten.

Nach acht Wochen etwa konnte ich die Schmerzmittel letztendlich reduzieren und mich auch zum ersten Mal langsam wieder aufs Pferd setzten. Als allererstes saß ich natürlich auf meinem alten Hasen Bobby und auch nur für eine kleine Schrittrunde.

Wer hat die Pferde fit gehalten?

Bobby war viel mit Carmen (Thiemann, Stallmanagerin und Pflegerin von Ingrid Klimke, Anm. d. Red.) am Berg unterwegs, wurde dort vor allem mit Galopptraining fit gehalten. Und ansonsten war ich wirklich überwältigt von meinem ganzen Team. Das hat alles so reibungslos funktioniert. Valerie Kampe, meine ehemalige Auszubildende, hat letztes Jahr mit 1,3 ihre Prüfung gemacht. Die macht echt einen klasse Job auf dem Pferd. Meine Tochter Greta, Carmen, die Lehrlinge und Praktikanten, die haben den Stall und die Pferde vollkommen im Griff gehabt, in der Zeit wo ich weg war. Also da bin ich wirklich dankbar für mein Team, ohne die würde das alles natürlich auch nicht gehen.

Wie viele Pferde reiten Sie inzwischen und wie geht die Saison jetzt weiter?

Jetzt am Dienstag (10. August, Anm. d. Red.) bin ich schon wieder vier Pferde geritten. Wir waren in Warendorf mit Bobby, Siena und den Jungen, Cascamara und Hera, um ein paar Geländesprünge mit Hans (Hans Melzer, Bundestrainer der Vielseitigkeitsreiter) zu machen. Das klappt auch alles wieder sehr gut. Ich bin wieder total mobil auf dem Pferd. Es fühlt sich alles echt topfit an. Die Pferde sind alle so gut in der Spur, so als wäre ich nie weg gewesen.

Als nächstes geht’s dann auch schon noch Arville. Dort fahre ich nächste Woche erst mal nur mit Bobby und Siena hin. Die beiden gehen im CCI4*.

Wir haben aber auch schon beschlossen, ich werde auf jeden Fall zuerst mit Bobby ins Gelände starten, um zu testen, ob das denn alles geht, ob sich das gut und sicher anfühlt und je nachdem geht’s dann weiter.

Die Saisonplanung geht dann weiter mit Langenhagen (10. bis 12. September), dann Aachen (16. bis 18. September) mit Siena, die Euro in Avenches (23. bis 26. September) mit Bobby und danach geht’s erst wieder mit den jungen Pferden auf die Turniere. Also Schritt für Schritt. Langsam im Wohlfühltempo an die kommenden Aufgaben rantasten. Aber das angekündigte Ziel, meinen Titel auf der Europameisterschaft zu verteidigen, hab ich fest im Blick!

Wir drücken die Daumen, dass alles klappt!

Das Gespräch führte Lisette Robiné.