Interview mit Isabell Werth zur Richter-Kritik in Hagen, Weltcup-Saison und Bella Rose

Pferdesport Dressur

Isabell Werth und Quantaz während des Nations Cups. Mit ihm plant sie noch nicht fürs Weltcupfinale. (© toffi-images.de)

In Hagen hat Isabell Werth bei der Europameisterschaft mit Kritik an den Richtern nicht gespart. Wie sie mit welchen Pferden ihre Zukunft plant und wie es Bella Rose nach der Kolik-OP geht, hat sie Gabriele Pochhammer verraten.

Wie sehen Sie der Weltcupsaison entgegen? Einige Qualifikationen wurden ja bereits abgesagt.

Isabell Werth: Das ist jetzt die große spannende Frage. Ich gehe davon aus und hoffe, dass Lyon und Frankfurt stattfinden. Aus Madrid habe ich noch nichts gehört, Stuttgart und Salzburg sind abgesagt, die Qualifikation soll vielleicht nach Basel verlegt werden. Doch das wird erst im nächsten Jahr stattfinden. Dieses Jahr haben wir noch eine Handvoll Turniere, mehr nicht.

Welches Pferd haben Sie für den Weltcup vorgesehen?

Ich werde Emilio und Weihegold, auch Quantaz in der Halle einsetzen, wo ich wen reite, muss ich dann mal sehen. Quantaz ist ja noch ein bisschen nervig, das hat er auch hier gezeigt. Ich muss sehen, dass ich den jetzt nicht gleich in den Weltcup reinwerfe, sondern ein bisschen ruhig einsetze. Er ist noch nicht viel in der Halle gegangen. Ich denke, dass ich mit Emilio fürs Weltcupfinale plane.

Verschiedenen  Medien berichteten über Ihre Absicht, die Sportkarriere zu beenden. Was ist da dran?

Ich habe immer gesagt, natürlich sind die Olympischen Spiele in Paris mein Ziel und was Weihegold angeht, suchen wir jetzt eine schöne Gelegenheit aus, um sie zu verabschieden. Für mich noch nicht, ich tue es schon noch ein paar Tage.

Weihegold geht dann ja zurück zu ihren Besitzern. Wird sie nochmal ein Fohlen auf natürlichem Weg austragen?

Ich gehe davon aus, ich hoffe das sehr. Ihre Besitzerin Christine Arns-Krogmann ist sehr zucht-affin, hat viele Stuten und große Erfahrung mit Embryo-Transfer. Ich kann nicht sagen, wie genau der Plan ist.

Sie haben immer gesagt, der Embryo-Transfer und die damit verbundenen Hormonschwankungen mache Weihegold nichts aus. Aber es ist ja doch jedes Mal das Herbeiführen und Unterbrechen einer Trächtigkeit. Hinterlässt sowas nicht doch Spuren?

Sie hat das wirklich immer sehr gut überstanden, aber auch deshalb, weil wir ihr für diese Phase immer eine sehr lange Zeit gegeben haben. Das war ja nicht, spülen und dann los, das war vielleicht früher so, bevor sie zu uns kam, aber bei uns hat sie immer mindestens drei Monate Pause gehabt. Das halte ich auch für notwendig, weil der Körper mit der ganzen Prozedur umgehen muss.

Es ist ja schon häufiger vorgekommen, dass Richter ein Pferd, das älter wird und sich in ihren Augen nicht mehr steigert, auf einmal durchgehend niedriger bewerten. Ist das auch bei Weihegold der Fall?

Ja, es gibt diese Tendenzen, natürlich, wobei ich sagen muss, in Hagen habe ich die Note im Grand Prix nicht verstanden, das habe ich ja auch gesagt. Im Special ist Weihegold sehr gut gegangen und hat auch eine sehr gute Note bekommen. Mehr als Zweiter war nicht zu „reißen“, in Anführungszeichen. In der Kür kann ich mich über die Note nicht beschweren, da war einfach die Luft raus. Bei mir sicherlich auch etwas. Es kam bei Weihegold noch etwas hinzu: Sie war rossig und ich denke, sie hatte durch die Ovulation Schmerzen. Dass sie in der Galopp-Pirouette umspringt, passiert sonst nicht. Für mich war ihr Verhalten auf dem Abreiteplatz schon erstaunlich, in der Kür ließ sie sich dann nicht mehr inspirieren. Ich denke, das war das ganze Paket: Sie war müde und dann kam die Rosse dazu. Sie war einfach aus dem Flow raus. Den Tag vorher war sie noch ganz anders, spielerisch. Sie ist ja im Grunde ein Pferd, das von seinem Charakter lebt und von seiner inneren Einstellung.

Nächstes Jahr ist die Weltmeisterschaft in Herning. Mit welchem Pferd planen Sie für die WM?

Ich plane mit Quantaz, ohne Frage, weil das für meine Nachwuchshoffnung, die neunjährige Superb, noch viel zu früh wäre. Man konnte es ja auch hier in Aachen sehen, Quantaz ist ein außergewöhnliches Pferd, mit einer sehr guten Piaffe-Passage-Tour. Der Schritt hat sich sehr verbessert. Das Pferd hat schon unheimlich Kraft, hat die schwierigen Lektionen schon gut drauf, auch wenn er noch nicht ganz losgelassen ist. Für die Zeit danach plane ich auch mit „Super B“. Sie ist nächstes Jahr zehn Jahre alt, sie gleich in ein Championat reinzuschmeißen, fände ich nicht so gut.

Wann werden Sie Superb zeigen?

Ich suche jetzt irgendwo einen kleinen Grand Prix, wenn ich mal Luft geholt habe, und mich mehr auf die jüngeren Pferde konzentrieren kann. Ich habe zwei sehr gute Siebenjährige, die aber auch noch keinen Richter belästigt haben, mit denen muss ich jetzt mal vor die Türe. Ich konzentriere mich jetzt auf diese Pferde, weil ich es auch vorher gar nicht konnte.

Sie haben in Hagen deutlich Kritik an den Richtern geübt, das ging ja auch durch die Medien. War das ein emotionaler Ausbruch oder einfach eine Feststellung, dass man als Reiter auch mal eine andere Ansicht haben kann?

Wenn ich sage, dass ich manche Noten nicht nachvollziehen kann, wird das natürlich noch mal anders wahrgenommen, als wenn viele im Stall darüber schimpfen. Ich habe selten so viel Kritik an der Richterei gehört wie in Hagen, von allen Seiten. Ich glaube, dass wir eine klare Richtung verloren haben, hier in Aachen habe ich noch nicht viel gesehen, auch hier gab es extreme Unterschiede, Fabienne Müller-Lütkemeier hatte im Grand Prix 4* Platzziffern von eins bis zehn bei den verschiedenen Richtern.  Das sind ja doch sehr erschreckende Unterschiede. Dann fragt man sich, war der eine auf einer anderen Veranstaltung als der andere? Ich vermisse eine klare Richtung. Vielleicht hat die Tatsache, dass wir in der Corona-Zeit weniger unterwegs waren und auch die Richter selten gemeinsam gerichtet haben, dazu geführt, dass alles so ein bisschen hin- und her schwimmt. Ein Beispiel: Was ist ein Fehler in den fliegenden Galoppwechseln? Eine Fünf, eine Sechs, eine Sieben, eine Vier?

Das kommt doch auf den Fehler an, oder?

Genau, aber das muss ja definiert sein. Es geht nicht, dass der eine mit dem Wechselfehler eine Fünf kriegt, der nächste eine Vier, der Dritte eine Sechs. Es muss klar sein: Ein Wechselfehler ist eine Fünf. Oder anderes Beispiel: Doppelspringen in der Pirouette. Der eine Richter nimmt es wahr, der andere nicht. Drittes Beispiel: Selten sind die Noten so auseinander wie im Schritt. Ich erwarte von den Richtern, dass sie das entsprechend bewerten können.

Gibt es auf diesem Niveau viele neue Richter?

Viele Richter sind nicht neu, aber ich glaube, dass sie teilweise sehr wenig gerichtet haben. Ich glaube auch, dass sehr wenig direkte Kommunikation zwischen Richtern, Trainern, Reitern stattgefunden hat, auch um Dinge auszudiskutieren. Und um klare Linien zu haben. Das hat es früher viel mehr gegeben. Das ist auch in den zwei Jahren Corona weggefallen. Ich denke, dass wir darüber diskutieren müssen, ich habe mir dann diese Kritik herausgenommen. Das war keine persönliche emotionale Sache. Ich habe ja auch nicht geschimpft. Sondern nur gesagt, ich kann es nicht nachvollziehen, ohne dass daraus ein Gezeter geworden ist. Ich muss mich in der Prüfung ja auch der Kritik stellen, und bekomme eine Vier oder Fünf. Aber die Richter müssen auch Kritik ertragen und man muss auch über ein Korrektiv reden. Meines Wissens gibt es einen „Code of points“, erstellt vom FEI-Dressurauschuss, in dem jede Lektion beschrieben ist und die Noten, die für bestimmte Ausführungen zu vergeben sind.

Der Code of points soll ja jetzt mit einem Videohandbuch unterlegt werden. Dann könnte jeder sehen, wann ist eine Lektion eine Zehn und wann nicht. Ich halte das für sehr hilfreich. Nehmen wir die Piaffe. Ist sie im Vorwärts, dann muss sie eben mit der und der Note bewertet werden. Noch ein Beispiel: Halten, Grüßen, einen Schritt zurücktreten: Fünf. Aber dann kommt es auf den Fehler an. Wenn das Pferd auch noch schief steht, die Zunge raushängen lässt und den Kopf zu tief hat, ist das dann auch noch eine Fünf, oder eine Vier, eine Drei oder eine Sechs? Die Variable Pferd zu beurteilen, ist halt schwierig. Beispiel Wechselfehler: Einigen wir uns darauf, dass egal wie die Qualität der Wechsel und des Galopps vorher war, bei einem Fehler ist es eine Fünf.

Würden Sie das wollen? Sie reiten eine phantastische Diagonale, dann kommt ein kleiner Fehler und es gibt eine Fünf. Ein anderer stoppelt sich so durch, kriegt auch einen Fehler und am Ende dieselbe Note.

Ich gebe Ihnen recht, die Qualität eines Pferdes muss mehr zum Ausdruck kommen. Wenn es dann bedeutet, dass es höchstens eine Fünf ist, und im Zweifel der andere eine Vier bekommt, dann kann ich damit leben. Wir müssen eine Firewall drin haben, um zu sagen, das ist jetzt höchstens eine Fünf. Und nicht sagen, bei dem einen ist es noch eine Sechs, oder eine Fünfeinhalb, meinetwegen ist es für alle eine Sechs. Aber wir müssen eine klare Linie haben. Ich finde es sehr schade, dass es diese Unsicherheiten gibt. Ich gebe auch zu, dass ich mich über diese teilweise inflationären Zehnen wundere. Wie genau sind die Abstufungen zwischen Zehn und Neun? Natürlich steht das alles in diesem Kompendium. Aber es ist eine Frage der Anwendung. Da muss wieder eine ganz klare Kommunikation stattfinden.

Wie geht es Bella Rose?

Der geht es Gottseidank wieder sehr gut. Die Ärzte mussten einmal den Bauch aufmachen. Der Dünndarm war in eine Spalte zwischen Leber und Bauchspeicheldrüse gerutscht. Das ist eine anatomische Situation, die sich nicht mehr von selbst löst. Dann muss man aufmachen, den Darm wieder herausziehen und hoffen, dass er nicht geschädigt ist, weil man rechtzeitig gehandelt hat. Wenn er schon geschädigt ist, also das Pferd anfängt, abends um zehn zu koliken, und man findet es erst morgens um sieben, dann ist es zu spät. Das ist dann meist das Todesurteil. Bella hat zum Glück mittags gekolikt. Die Ärzte mussten nichts wegschneiden, sondern nur den Darm aus der Spalte ziehen. Bella darf inzwischen wieder raus, sie darf grasen, kann etwas bewegt werden, die Narbe ist klein, nur etwa 20 Zentimeter. Es hätte auch ihre Karriere nicht beendet, wenn sie etwa erst zehn gewesen wäre.

Was ist jetzt der Plan mit Bella Rose?

Dann verabschieden wir sie nächstes Jahr hier.

Soll sie gedeckt werden?

Ja, und das Fohlen ganz normal austragen. Ich habe auch schon einen Hengst, Valdiviani v. Valdano-Fidertanz. Er wird von meinem Bereiter geritten. Das V-Blut halte ich für sehr gut und der Hengst hat auch sehr schöne Fohlen gemacht.

Das Gespräch führte Gabriele Pochhammer.

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  1. Helmold Baron von Plessen

    ich zitiere : Sie haben immer gesagt, der Embryo-Transfer und die damit verbundenen Hormonschwankungen mache Weihegold nichts aus. Aber es ist ja doch jedes Mal das Herbeifuehren und Unterbrechen einer Traechtigkeit. Hinterlaesst sowas nicht doch Spuren.

    Zitat Ende : Natuerlich hinterlaesst das Herbeifuehren, vor allem aber das Unterbrechen einer Treachtigkeitbei bei jeder Stute Spuren. Entscheidend ist dabei nicht, wie lange man sie danach pausieren laesst. Entscheidend ist die Unterbrechung. Es wird heute soviel ueber artgerechtes Handeln gegenueber den einem anvetrauten Tieren geredet und geschrieben. Etwas „Unartgerechteres “ als Embryo-Transfer gibt es m.E. ueberhaupt nicht ! Die Galopper gehen da zum Glueck, wie so oft, mit gutem Beispiel voran. Troestlich stimmt einen die Abschluss Bemerkung von Isabell Werth, dass ihre „Bella“ gedeckt werden soll u. das Fohlen ganz normal austragen darf. Wohltuend ist auch immer, was man v.d. Ehningschen Stutenherde hoert. Noltes Kuechengirl laesst gruessen !

  2. Michi

    Dass den Stuten ET nichts ausmacht, halte ich für eine gewagte Aussage. Fragen können wir sie nicht. Als Frau möchte ich jedoch deutlich zum Ausdruck bringen, dass Frauen (und Pferde sind im Allgemeinen sensibler als Menschen) nichts Positives fühlen. Weder ein Abort, noch eine Gebärmutterspülung sind angenehm. Schade, dass Pferde wie Weihegold, die die erforderliche Prozedur x-mal erdulden musste und vermutlich weiterhin erdulden muss, in meinen Augen missbraucht werden. Frau Arns-Krogmann ist allerdings in der Szene auch nicht unbedingt als zimperlich bekannt.

  3. Sylvia

    Isabell Werth ist kein Fan von Embryotransfers, das hat sie oft genug zu verstehen gegeben. Genauso wenig wie von Hengsthaltung. Auch Belantis wurde schlussendlich gelegt, Quantaz ist nicht in ihrem Besitz.

  4. M. Bach

    Ja, es liegt wohl nicht jeder/m Reiter/in, mit einem Hengst zu harmonieren. Ob sich Hengste nicht so leicht „unterwerfen“ lassen, wie ein braver Wallach – und Reiter/in daher andere Argumente parat haben müssten, als die Forderung nach bedingungslosem Gehorsam?

    Es hat aber auch schon sehr glückliche Verbindungen mit Hengsten gegeben, z.B. Kristina Bröering-Sprehe und ihr Desperados, Helen Langehaneberg und Damon Hill, Ingrid Klimke und Franziskus, Dorothee Schneider und ihre Trakehner Van Deyk und Kaiserkult, Anabel Balkenhol und Heuberger, Hubertus Schmidt mit Imperio und Escolar, Carl Hester mit Utopia, etc.

    Wahrscheinlich braucht es bei Hengsten ein wenig mehr Toleranz in Hinsicht darauf, als Reiter/in immer alles unter absoluter Kontrolle halten zu wollen, und keine Überraschungen zu dulden. Ich drücke Quantas alle Daumen, dass er das bleiben darf, was er ist: ein gekörter wunderschöner Hengst. Es wäre traurig, ginge er der Zucht verloren.

  5. ursula machner

    ich frage mich immer wieder, ob es richtig (und wirklich nötig) war, den von anfang an hochgelobten belantis überhaupt legen zu lassen? hatte er seiner abstammung gemäß sehr gute nachkommen, da hörte man überhaupt nichts mehr davon. weiß da jemand was darüber?


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