Schön zu lesen – ein neues Zuhause für Zirkus Althoffs Rentnerpferde. Oder: Alle Mann am Ballermann

Annette4.2

Die Haflinger-Hengste von Zirkus Althoff – hier mit Annette Engelhardt – haben auf der Ballermann Ranch ein Zuhause auf Lebzeiten gefunden.

Ballermann? Pferde? Wie jetzt? Doch, ja, das passt durchaus zusammen. Denn die Menschen, die den Ballermann nach Deutschland holten, haben nicht nur ein Herz für Bierkönige, sondern vor allem auch für Tiere.

Warum die Ballermann Ranch im niedersächsischen Scholen Ballermann-Ranch heißt, erzählen wir später. Das wichtigste zuerst: Besagte Ranch gehört zum Gut Aiderbichl, der „Heimat der geretteten Tiere“, wie es sich selbst bezeichnet. Inzwischen gibt es das Gut Aiderbichl in mehrfacher Ausführung, bei München, bei Passau, bei Salzburg und eben in Niedersachsen. Allen Standorten ist eines gemein: Hier finden Tiere Unterschlupf auf Lebenszeit, die sonst in der Regel dem Tod geweiht gewesen wären.

Rettung für Althoff-Haflinger

Dass dies mit seinen Haflinger-Hengsten passieren könnte, war die allergrößte Angst von Giovanni Althoff, einem Vertreter der Zirkus-Dynastie Althoff, zu der mehrere Zirkusse gehören. Der von Giovanni Althoff hatte in der Vergangenheit nicht nur positive Schlagzeilen gemacht. Auch Verstöße gegen das Tierschutzgesetz waren mehrfach Thema. Dabei ging es vor allem um Elefanten. Doch die Haflinger-Hengste Amo, Namo, Apolitano, Napolitano, Anseko und Hernsko sind mittlerweile zwischen 24 und 30 Jahre alt und haben ihre Rente bei ihrem Chef bekommen. Problem: Giovanni Althoff, inzwischen aufgrund einer unheilbaren Augenkrankheit fast vollständig erblindet, sah sich in den letzten Jahren zunehmend überfordert mit der Versorgung der Tiere. Aber sie sollten es gut haben. Und sie sollten zusammenbleiben dürfen.

Dafür haben nun Annette und André Engelhardt von der Ballermann-Ranch zusammen mit Aiderbichel-Chef Dieter Ehrengruber gesorgt. Für die Haflinger-Hengste wurden eilends Boxen zusammengezimmert und dann stand dem Umzug nichts mehr im Wege. Noch einmal, zum letzten Mal ging es in eine neue Stadt. Und ihr Chef hat sie in ihr neues Zuhause begleitet.

Annette Engelhardt: „Es war ein ganz besonderer, ergreifender Moment, an dem Herr Althoff Abschied von seinen Pferden nahm. Eine Ära ging  zu Ende. Fast dreihundert Jahre gab es die Dynastie des Zirkus Althoff, den eigentlich jeder kennt. Hier auf Gut Aiderbichl in Niedersachsen, auf der Ballermann Ranch, senkte sich jetzt der letzte Vorhang.“

 


Die Ballermann Ranch war auch schon Thema einer Reportage im St.GEORG. In der Sonderausgabe 2019 haben wir das Ehepaar Engelhardt mit dem großen Herz für Tiere unter der Rubrik „Menschen des Monats“ vorgestellt. Warum? Nun, wir sind der Meinung, diesen Platz haben die Engelhardts sich mehr als verdient. Hier kommt ihre Geschichte.

Wenn Sie Interesse an dem ganzen Sonderheft haben, können Sie die Ausgabe hier nachbestellen: shop.jahr-tsv.de/stgeorg. Thematischer Schwerpunkt dieses Heftes waren Manuelle Therapien für Pferde.


Vom Ballermann 6 auf die Ballermann Ranch

Foto: www.kiki-beelitz.de

Das Aufmacherfoto aus der Reportage über das Ehepaar Engelhardt im St.GEORG-Sonderheft 2019. (© Foto: www.kiki-beelitz.de)

Nun zu der Geschichte, wie es zu der Ballermann Ranch kam und was es mit der Verbindung zu Gut Aiderbichl auf sich hat.

Es war im Jahr 1994, als sich Annette und André Engelhardt am Ballermann 6 trafen, dem Party-Hotspot in Deutschlands 17. Bundesland, von den Eiheimischen Mallorca genannt, hierzulande auch als „Malle“ bekannt. Die Engelhardts, damals natürlich noch nicht verheiratet, verbrachten eine feucht-fröhliche Partyzeit miteinander. 14 Tage später gaben sie sich das Ja-Wort.

Der Ballermann hat für die Engelhardts also eine große Bedeutung. Das Gefühl von damals konservieren, „ein Stück Ballermann-Feeling nach Deutschland holen“, das wäre eine Geschäftsidee, dachte André Engelhardt. Als Jurist verstand er etwas vom Markenrecht und ließ sich den Begriff „Ballermann“ schützen.

Eigentlich wollte er in Deutschland eine Kneipe nach dem Mallorca-Vorbild eröffnen – deutsche Schlager plus Plastikstühle plus Plastik­eimer mit Sangria, fertig ist die Partymeile. Die deutschen Behörden sahen das anders und versagten Engelhardt die Lizenz.

Seine Alternative waren „Kurze“, Schnäpse in kleinen Flaschen mit Namen „Ballermann 6“. Die wollte allerdings niemand haben. „Ich habe die Dinger angeboten wie Sauerbier, aber damals kannte noch niemand den Ballermann“, erinnert sich Engelhardt. Bis er eines Tages mal wieder den Wirt eines Lokals zum Ausschank zu überreden versuchte und von einer Dame angesprochen wurde, die Interesse an seiner Geschichte zeigte.

Engelhardt, begeistert, endlich auf offene Ohren zu stoßen, berichtete von seiner Idee. Und fand die Geschichte kurz darauf in der BILD Zeitung auf Seite 3 wieder. Es stellte sich heraus, dass die nette, interessierte Dame eine Redakteurin der Zeitung mit den vier Buchstaben war.

Das war der Moment, in dem die Lizenz für den Namen Ballermann eine Lizenz zum Gelddrucken wurde. Engelhardt war ein gemachter Mann. Zusammen haben er und seine Frau ein regelrechtes Ballermann-Imperium aufgebaut. Sie führten ein tolles Leben, spielten Golf und – weil sie beide schon immer ein Faible für Pferde hatten – begannen zu reiten.

Prinz Legat

Engelhardt, damals schon Ü40, musste ganz von vorne anfangen. Im Schulbetrieb wurde ihm das geduldige Schulpferd Legat zugeteilt, das alle seine Anfängerfehler mit stoischer Gelassenheit ertrug. „Da habe ich gefragt, was eigentlich aus ihm wird, wenn ich ihn nicht mehr reite“, erzählt der heute 56-Jährige. Antwort: „Dann reitet ihn jemand anders, oder – er ist ja schon älter – er kommt zum Schlachter.“

Ein Aha-Moment für André Engelhardt und seine Frau. „Mir wurde klar, dass diese Tiere behandelt werden wie Geräte, dass sie keinerlei Rechte haben.“ Engelhardt kaufte Legat, der von nun an Prinz Legat hieß. Und innerhalb von drei Monaten noch vier weitere Pferde, denen ein ähnliches Schicksal geblüht hätte wie seinem Lehrmeister.

Sie alle standen zunächst noch auf der Anlage des Schulbetriebs und je mehr Zeit die Engelhardts dort verbrachten, desto weniger gefiel ihnen, was sie dort sahen und wie die Menschen mit den Tieren umgingen. Sie wussten aber, woanders würde es kaum besser sein. Also machten sie sich auf die Suche nach etwas Eigenem. In ihrer süddeutschen Heimat war das ein praktisch aussichtsloses Unterfangen.

„Entweder entsprachen die Höfe nicht unseren Vorstellungen, oder sie waren zu teuer. Aber die Anlage musste bar bezahlt werden können. Mit seinem Hobby sollte man keine Schulden machen!“ Mister Ballermann hat ein großes Herz, ist aber auch ein Geschäftsmann. Also verlegten er und seine Frau ihre Suche in den Norden der Republik. Und tatsächlich, im Landkreis Diepholz in Niedersachsen fanden sie die passende Infrastruktur, eine Anlage, die heute unter dem Begriff Ballermann Ranch firmiert. Dorthin zogen die „Ballermanns“ mit ihren Tieren.

Leben auf der Ballermann-Ranch

Es ist ein kleines, nein, eigentlich sogar ein recht großes Paradies, das sie dort geschaffen haben: Auf 10 Hektar Land leben die Ballermanns zusammen mit rund 40 Pferden (jetzt sind es ja noch sechs mehr), Eseln und mehreren Hunden.

Immenhof ist nur ein Film? Der freche Fridolin und seine Bande (die Shetlandponys, die auf der Ballermann Ranch das eigentliche Sagen haben) demonstrieren regelmäßig: Immenhof gibt es auch in echt! Immer dann, wenn sie plötzlich im Wohnzimmer an der Kaffeetafel stehen. Oder wenn das Hochzeitspaar, das sich in der hofeigenen Kapelle St. Leonhard das Ja-Wort gegeben hat, auf dem Weg zur Kutsche über Fridolin & Co. stolpert.

Fridolin war Jährling als die Engelhardts ihn und seine Kumpels vom Schlachter retteten. Dies ist nur eines von vielen Schicksalen auf der Ballermann Ranch. André Engelhardt berichtet auch von den drei Kaltblut-Ladys Hanna, Berta und Paula:

„Die mussten gerettet werden. Als sie ankamen und aus dem Transporter stiegen, waren sie so schwach, dass sie zusammenbrachen. Die Tierärzte waren nicht sicher, ob sie sie durchbekommen.“ Alle drei haben überlebt. „Heute sind das richtig stattliche Kaltblut-Damen. Uns geht immer das Herz auf, wenn wir sie über die Weide donnern sehen!“

Man glaubt André Engelhardt, wenn er sagt, die Pferde seien wie Kinder für ihn und seine Frau.

Wissen Sie, weshalb Manitu, der Gott der Indianer das Pferd erschaffen hat? Um sich an seinem freien Tag an seinem Spiel zu erfreuen! Genau das machen wir auch! Das ist doch der eigentliche Sinn hinter all dem!

André Engelhardt

Geschenk ans Gut Aiderbichl

Bei den Engelhardts kam irgendwann die Überlegung auf, was mit dem Anwesen passieren soll, wenn sie mal nicht mehr sind. Die Tochter findet das Engagement ihrer Eltern toll, kann sich aber nicht vorstellen, in deren Fußstapfen zu treten. Was also tun?

Als Tierfreunden, die ursprünglich aus Bayern kommen, war den Engelhardts das Gut Aiderbichl, wo nicht nur Pferde, sondern auch andere Tiere vom Meerschweinchen bis zum Kamel ein Zuhause auf Lebenszeit haben, ein Begriff. Sie nahmen Kontakt auf und seit Beginn des Jahres 2019 heißt die Ballermann Ranch nun „Gut Aiderbichl Ballermann Ranch“.

Die Engelhardts haben ihren gesamten schuldenfreien Besitz im Wert von rund 1,5 Millionen Euro der Stiftung Gut Aiderbichl geschenkt. Verrückt? Im Gegenteil, sagt André Engelhardt: „Wir sind froh, dass unser Geld nun einen tieferen Sinn hat! Mit der Gut Aiderbichl Ballermann Ranch geben wir geretteten Tieren in Niedersachsen ein Zuhause – auch nach uns.“ Ein schöner Gedanke! „Es macht uns Spaß, mit dem Erfolg der Marke Ballermann Tieren in Not zu helfen“, so Engelhardt.

Klar, Golf spielen sei auch schön gewesen, „aber das, was uns die Tiere geben, ist doch das, worum es geht“, philosophiert er. „Irgendwo auf der Welt die Füße in den Sand stecken und Champagner trinken – was für ein Blödsinn!“

Er und seine Frau, ohne die er das alles nicht geschafft hätte, wie er betont, haben so viel Glück im Leben gehabt, es erfüllt sie mit Befriedigung, davon etwas zurückgeben zu können. Zum Wohle der Tiere. Er selbst komme fast gar nicht mehr zum Reiten, sagt Engelhardt. Aber wenn, dann trägt ihn sein Quarter-Kumpel Mitch über seine Ländereien.

Er und seine Frau sind nun ehrenamtliche Gutsverwalter auf der Gut Aiderbichl Ballermann Ranch und als solche gut ausgelastet mit der Versorgung der Tiere, die sie zusammen mit sieben Angestellten betreuen. Und wenn dann mal wieder eine Busladung Touristen vorbeikommt, die das Tierparadies in Niedersachsen besichtigen wollen, dann freut sich Engelhardt, seine Geschichte erzählen zu können. Plötzlich bekommt das Wort ­„Ballermann“ eine völlig neue Bedeutung!


Dominique Wehrmann