Spanische Hofreitschule: Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Untreue, Aufsichtratschef Marihart zurückgetreten

Spanische Hofreitschule in Wien – Morgenarbeit

Impressionen von der Morgenarbeit (© Pauline von Hardenberg)

An der altehrwürdigen Spanischen Hofreitschule in Wien rumort es derzeit, weil publik wurde, dass dort das Privatpferd der Tochter des Aufsichtratsvorsitzenden Dipl. Ing. Johann Marihart ausgebildet wurde. Nun hat sich die Staatsanwaltschaft Wien eingeschaltet. Und Marihart hat inzwischen seinen Posten zur Verfügung gestellt

Vierbeiniger Mittelpunkt der Angelegenheit ist der Hengst Maestoso Fantasca, ein Privatpferd in den Stallungen der Hofreitschule. Der Hengst kam in Piber zur Welt, durchlief die Remontenausbildung, wurde aber als nicht zuchttauglich und auch sonst nicht talentiert genug ausgemustert. Er wurde verkauft und wechselte laut Neuer Zürcher Zeitung für 12.000 Euro in den Besitz der Tochter des Aufsichtsratsvorsitzenden Johann Marihart.

Die habe ihr neues Pferd dann für 1200 Euro monatlich im zur Spanischen Hofreitschule gehörenden Trainingszentrum am Heldenberg untergebracht, wo es neben Vollpension auch eine Ausbildung bekommen sollte. Das war damals ein Novum, Maestoso Fantasca das einzige Privatpferd in den Stallungen. Mittlerweile ist das anders – allerdings kostet es dann laut NZZ mehr als doppelt so viel.

Nicht nur das Pferd sei ausgebildet worden, auch seine Reiterin habe unentgeltlich Unterricht auf ihm erhalten, heißt es weiter. Das eine Lager auf der Seite der Mariharts spricht von „gelegentlichen Reitstunden“. Ein inzwischen nicht mehr aktiver Bereiter, der die Verantwortlichen Ende November angezeigt hatte, spricht hingegen von mehreren Stunden pro Woche.

Maestoso Fantasca hat sich dann besser entwickelt als erwartet. Seine Bereiterin wurde Hannah Zeitlhofer, die 2016 als erste Frau des Traditionshauses ihre Bereiterprüfung abschloss – mit Maestoso Fantasca als ihrem „Meisterstück“, der seit 2016 auch in den Aufführungen der Spanischen Hofreitschule eingesetzt wurde.

Das lief mehrere Jahre problemlos, bis Sonja Klima Elisabeth Zeitlhofer als Geschäftsführerin ablöste und es 2020/21 zu einer Prüfung des Betriebs durch den österreichischen Rechnungshof kam. Hier ging es in erster Linie darum herauszufinden, wie die wirtschaftliche Situation des Betriebs ist, der 2014 bereits kurz vor der Zahlungsunfähigkeit gestanden habe.

Das sagt der Rechnungshof

Der Bericht moniert unter anderem, dass es zwar Ergebnisrechnungen der einzelnen Betriebszweige (Wien, Piber, Heldenberg) gebe, doch diese habe man nicht zur Analyse und Steuerung genutzt. Es gebe keine Prozessanalysen und Prozessdefinitionen, mithilfe derer die Wirtschaftlichkeit hätte kontrolliert werden können. So sei es auch nicht möglich gewesen, dem für die Finanzierung mit verantwortlichen Bund eine transparente Aufstellung der benötigten Mittel zur Verfügung zu stellen. Es fehle ein Controlling. Und es fehle eine Zuchtstrategie zur Erfüllung einer der wesentlichen Aufgaben der Hofreitschule, nämlich dem Erhalt der Rasse der Lipizzaner und dem Aufzucht von Nachwuchspferden für Wien.

Auch der Tierschutz ist Thema. Aufgrund der wirtschaftlichen Situation müsse es immer mehr Vorführungen geben. Doch trotz einer gestiegenen Anzahl an Vorstellungen sei die Anzahl der einsatzfähigen Hengste unverändert. Dadurch würden die Tiere zum Teil überfordert und bekämen nicht die nötige Zeit zur Rekonvaleszenz. Zudem entspreche die Pferdehaltung in der Stallburg nur „eingeschränkt“ heutigen Standards, was das Angebot an freier Bewegung angeht.

Auch Maestoso Fantasca findet im Bericht des Rechnungshofs Erwähnung, wenn auch nicht namentlich. Doch unter Punkt 22, Ausbildung der Pferde, ist in (4) von einem Hengst die Rede, der ab 2016 in der Schulquadrille eingesetzt wurde, und der „im Eigentum der Tochter eines Aufsichtsratsmitglieds stand“. Laut Einstellvertrag von 2013 habe die Besitzerin die Tierarzt- und Hufschmiedekosten zu tragen. Aber seit Beginn der Ausbildung des Pferdes zum Schulhengst im Jahr 2014 sei es die Spanische Hofreitschule („die Gesellschaft“), die dafür aufkomme. Die Besitzerin komme „seither nur für die vertraglich festgelegte Einstellgebühr im Trainingszentrum Heldenberg auf“.

Der Rechnungshof beanstandet hier allerdings gar nicht die Regelung als solche, sondern dass der geltende Vertrag nicht mehr dem derzeitigen Stand der Dinge entspricht: „Der RH empfahl der Gesellschaft, den Einstellvertrag um eine Regelung zur Kostentragung für den Zeitraum des Einsatzes des Pferdes als Schulhengst zu ergänzen.“

Das sagen die Beteiligten

Johann Marihart sagt: „Fantasca ist ein Sponsorpferd, für dessen Haltung und Ausbildung die Spanische Hofreitschule von privater Hand die Kosten erstattet bekommen hat. Würde man mehr Menschen für solche Investments gewinnen, ließen sich die finanziellen Probleme der Hofreitschule deutlich lindern.“

Auch die ehemalige Geschäftsführerin der Hofreitschule, Elisabeth Gürtler, schloss sich dieser Erklärung gegenüber dem ,Kurier‚ an: „Wir haben immer gesagt, wir müssten mehr solche Einsteller haben, die ein Pferd einstellen, über das wir voll verfügen können. (…) Das ist eine Einnahmequelle für die Hofreitschule für ein Pferd, für das wir nichts bezahlen.“

Für andere Beteiligte stellt sich die Sache ganz anders dar. Sie werfen Marihart Vorteilsnahme vor. Das Pferd seiner Tochter sei ohne angemessene Bezahlung bis auf höchstes Niveau gefördert worden. So hat der ehemalige Oberbereiter, Klaus Krzisch, Anfang Dezember 2021 eine Sachverhaltsdarstellung bei den Strafverfolgungsbehörden eingebracht, und zusätzlich ging eine zweite anonyme Anzeige bei der Staatsanwaltschaft einging: Vorwurf des „Verdachts der Untreue bzw. Geschenkannahme von Machthabern“.

„Auch diese kostenlosen Reitstunden stellen eine unberechtigte Vermögenszuwendung dar und führten seit 2013 zu einer laufenden wirtschaftlichen Verkürzung der Spanischen Hofreitschule. Auch dies stellt eine Geschenkannahme eines Machthabers, nämlich des Aufsichtsratsvorsitzenden dar, da die unmittelbare Vermögenswerte Zuwendung an seine Tochter erfolgte“, so die Sachverhaltsdarstellung.

Daraufhin verkündete die Staatsanwaltschaft Wien am 4. Januar 2022, dass strafrechtliche Ermittlungen gegen insgesamt drei Beschuldigte in die Wege geleitet wurden. Um wen es sich genau handelt, teilte diese jedoch nicht mit.

Der ORF Wien und weitere Berichterstatter vermuten eine Untersuchung gegen Marihart, Gürtler, sowie den Geschäftsführer Erwin Klissenbauer. Fakt ist, dass die Staatsanwaltschaft einen ausreichenden Anfangsverdacht gegeben sieht, um Ermittlungen einzuleiten und somit auch ein offizielles Strafverfahren. Dennoch gilt nach wie vor die Unschuldvermutung aller Beteiligten.

Marihart zurückgetreten

Derweil berichtete heute der ORF, dass Johann Marihart von seinem Aufsichtsratsposten zurückgetreten ist. Das geschehe im Interesse des Unternehmens und zum Schutz seiner persönlichen Interessen, so Marihart.

Der Bericht eines Gutachtens im Auftrag von Aufsichtsrat und Geschäftsführung der Spanischen Hofreitschule liegt laut ORF dem Landwirtschaftsministerium vor. Hier wurde bislang nur bestätigt, dass der Prüfbericht fristgerecht eingegangen sei. „Dieser wird nun von der internen Revision des Bundesministeriums in Hinblick auf wirtschaftliche und rechtliche Aspekte geprüft.“ Aber diese Prüfungen laufen derzeit noch.

Janne Baumann/Dominique Wehrmann