Thomas Vogel lebt nicht mehr

A0327714

Thomas Vogel (1959-2022) (© Bärbel Schnell)

Thomas Vogel, einer von Deutschlands profiliertesten Pferdefilmern, lebt nicht mehr. Kurz nachdem er offiziell Rentner war, ist er plötzlich verstorben. Ein Nachruf von Jan Tönjes.

Er wird in den hunderten Stunden Filmmaterial weiterleben, das er gedreht hat: Thomas Vogel, Gründer von pferdia tv – heute wehorse – ist plötzlich und unerwartet am vergangenen Dienstag verstorben. Thomas, „Tom“, Vogel und seine Frau Inge haben durch ihre Arbeit nicht nur in Deutschland, sondern weltweit den Blick auf gute Ausbildung, auf den vernünftigen Umgang mit Pferden gelenkt. Sie, die Züchtertochter – Olympiasiegerin Shamrock und Landbeschäler Don Carlos stammen aus der Zucht der Familie Clüver – und er, der ehemalige Vielseitigkeitsreiter, der im Stall von Hans-Joachim Köhler ritt, waren ein Powerpaar der besonderen Art.

Inge, Thomas Vogel und Hans-Joachim Köhler

Inge und „Tom“ waren die ersten, die das Potenzial von Videos erkannten, Lehrvideos – heute ein Standard, damals als die beiden zunächst die TV Produktion Thomas Vogel aus der Taufe hoben, die dann später pferdia tv werden sollte. „Pferdekenner und Fehlergucker“ war eines der ersten Projekte. Später wurde diese Philosophie Hans-Joachim Köhlers, immer erst einmal das positive im Pferd zu sehen, noch vertont von Hans-Heinrich Isenbart. Isenbart, der unerreichte TV-Kommentator, war ein enger Freund der Vogels.

Ob Ingrid Klimke, Linda Tellington Jones, Uta Gräf, Stefan Schneider, Dr. Britta Schöffmann, Peter Kreinberg, aber auch Eckhard Meyners, Philippe Karl, Kurt Albrecht von Ziegner, Alizée Froment, Nathalie Penquitt, Richard Hinrichs, Waltraud Böhmke – die Liste der Autoren ist lang.

Ideengeber, die Welten zusammengebracht haben

Inge, der Motor, und Tom, der als Kameramann für das Filmen und den Schnitt verantwortlich war, war es nicht wichtig, wie erfolgreich jemand war oder welcher Disziplin er zuzuordnen war. Sie suchten sich Menschen, die anderen Menschen helfen konnten, gut mit dem Pferd umzugehen. So entstand eine ganz eigene Gemeinschaft. Menschen tauschten sich aus, die ansonsten in (aufs Pferd bezogenen) Paralleluniversen unterwegs zu sein schienen. Vor der Kamera von Tom erläuterten Sie den Umgang mit Pferden. Aus den vielen Videos, die in Jahrzehnten entstanden sind, wurde eine wahre Enzyklopädie des Pferdewissens. Zum Anschauen, Zurückspulen, nochmal Anschauen, Ausprobieren. Der gigantische Erfahrungsschatz ist mittlerweile thematisch gut verschlagwortet die Grundlage des Onlineportals wehorse.

Auch die Diskussion um die Rollkur war etwas, das Tom Vogel stets beschäftigt und begleitet hat. Die Vogels waren engagiert, machten zum Beispiel dieAusbilderin Anja Beran einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Die „Blickschulung“ war ein gemeinsames Projekt der Vogels mit der Frau aus dem Allgäu, die sich dem klassischen und guten Reiten verpflichtet fühlt.

Thomas Vogel und die Zucht

Auch ich hatte das Glück, mit Tom ein paar Filme realisieren zu können. Ich möchte keine Sekunde der Entstehung dieser Filme missen. „Donnerhall, ein Denkmal ganz privat“ war unser erstes Projekt. Morgens losfahren, die große Thermoskanne voll starkem Kaffee, dann noch beim Dorfbäcker in Völkersen vorbei, belegte Brötchen für die Reise mitnehmen. Donnerhall musste unter Karin Rehbein gefühlt Stunden piaffieren, weil der Jung-Regisseur Tönjes und Kameramann Vogel sich ein paar besondere Bilder gewünscht hatten. Auf das Ergebnis dieser ersten gemeinsamen Arbeit bin ich noch heute stolz.

Tom war kein Mann der großen Worte. Wenn er aber hinter seiner Kamera einmal den Kopf hob, um für einen Moment die Augen zu verdrehen und eine Grimasse zu schneiden, dann wusste ich: Innerlich brodelte es in ihm. Aber nach Außen verlor er nie die Geduld. Selbst nicht als wir für drei Sekunden Standbild von Don Primero 45 Minuten Drehmaterial benötigten, weil der Hengst sich immer so hinstellte, als müsse er mal. Oder Donnerhall in der Box: Skeptisch, fast ängstlich beäugte der wunderbare Dunkelfuchs die Kamera – dabei wollten wir doch einen selbstbewussten Beschäler ins Bild setzen. Aber vorsichtig und eher zurückhaltend war Donnerhall eben. Damit hatten wir das richtige, das authentische Bild. Keine Inszenierung, sondern Realität.

Unvergessene Momente bescherte uns auch die Zusammenarbeit im nächsten Film: Cor de la Bryère. Diesen legendären Hengst mit damals, so meine ich mich zu erinnern, 28 Jahren noch live erleben zu dürfen – Gänsehaut. Ich habe ihn selbst aufs Paddock für die Aufnahmen geführt. Bei der Auswahl der zu filmenden Fohlen, stellten wir beide eins fest: Unser Geschmack entsprach nicht dem der Holsteiner Bewertungskommission. Aber wir lernten schnell – alles, was (damals) Corrado zum Vater hatte, egal wie es aussah, war ein Championatsfohlen.

Tom hatte bei der Erinnerung an den Cor de la Bryère-Film auch Gänsehaut. Aber anders. Wir hatten Luftaufnahmen über dem Wattenmeer von Nordfriesland und der grünen Weite mit ihren Windrädern gemacht. Was wir beide gelernt haben an diesem Tag: Aus dem viersitzigen Flugzeug filmen ist für den Magen des Kameramanns eine echte Herausforderung!

Auch die Tage im Schnittraum waren besonders, zumal am Anfang von digitalem Schneiden nicht die Rede sein konnte. Jedes Smartphone kann heutzutage das Hundertfache von dem, was damals die den halben Raum füllende Technik vermochte. Und das tausendmal schneller.

Als wir den Film über Weltmeyer schnitten, guckte Inge und Toms kleiner Sohn ins Studio. „Papi, da ist ein Flugzeug in New York in so ein Hochhaus geflogen“. Wir, mittendrin im Schneiden der herrlichen Erzählungen von Weltmeyers Züchter Hermann Meyer über die ersten Momente des hannoverschen Stempelhengstes, bügelten den Sohnemann nur unwirsch ab. „Guck nicht so’n Mist, Peter!“ Wenig später kam dann Inge: „Wisst ihr eigentlich, was da in New York gerade passiert?“ Es war der 11. September …

Trakehnen war ein Thema, das Tom schon früh fasziniert hat. Sicherlich auch geprägt von seinem Lehrherren Hans-Joachim Köhler. So kam die Idee auf, einen Film über „Trakehner im 21. Jahrhundert“ zu machen. Wir reisten durch die großen Gestüte, sprachen mit unterschiedlichen Protagonisten. Darunter auch eine damals vor allem unter Trakehnern bekannte Grand Prix-Reiterin aus Framersdorf, wo sie das Gestüt St. Stephan leitete: Dorothee Schneider. Zum Interview über „ihren“ Van Deyk suchten wir einen Hintergrund. An einem Paddockzaun lehnend, befand Tom, das wäre doch eine gute Szene. Doro und ich lehnten uns an den Zaun, Tom hatte unsere Ansteckmikrofone verkabelt, die Tonprobe passte, wir konnten drehen. „Noch etwas weiter nach links“ kam es hinter der Kamera mit dem typischen, einen zugekniffenen Auge hervor. Wir taten, wie uns geheißen, da brach der Zaun. Dass ich mich in diesem Moment mit einer künftigen Olympiasiegerin im kniehohen Gras wiederfinden würde, wusste ich da noch nicht.

Als ich einmal darüber nachdachte, eine Reportage mit der damaligen frisch ernannten Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen für den St.GEORG zu machen, waren es Inge und Tom, die mit der Handynummer von „Röschen“, Freundin aus gemeinsamer Verdener Auktionszeit, die Initialzündung für einen weiteren besonderen Tag lieferten.

Wenn er nicht filmte, dann arbeitete Thomas Vogel zusammen mit Inge an ihrem gemeinsamen Traum. Immer größer wurden Obst- und Gemüsegarten an ihrem Haus am Dorfrand. Schafe und Geflügel zählten schon lange zum Inventar. Vor wenigen Wochen noch hatte Tom, der 2020 sein letztes Jahr als Kameramann für wehorse hatte, einen Hühnerwagen gebaut – das geliebte Federvieh. Ab 1. Mai war er offiziell Rentner.

Jäh endete dieses Leben am 10. Mai 2022. Nicht nur zu früh, sondern viel zu früh.

Tom – wie gerne wäre ich noch einmal mit dir morgens um sechs in Völkersen, die große Thermoskanne mit Kaffee an Bord, zum Bäcker gefahren. Und dann auf die Autobahn zu einem sicherlich spannenden Drehtermin. Mit vielen guten Gesprächen auf dem Hin- wie dem Rückweg!