Tierschutzfall bei Pferdezüchtern in Bramsche

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Mr. Fight hat großes Glück gehabt, in Christian Hüster einen kompetenten Menschen gefunden zu haben, der ihn gerettet hat. (© Facebook.com)

Es ist kein unbekannter Stall, den das Veterinäramt Osnabrück seit zehn Jahren im Visier hat und wo sich nun endlich etwas zu tun scheint.

Christian Hüster ist eigentlich eher im Westernbereich zu Hause und beschäftigt sich mit Natural Horsemanship. Vor wenigen Tagen klingelte bei ihm das Telefon. Am anderen Ende der Leitung eine Dame, die berichtete, „da sei ein Pferd, an das man nicht herankomme“, so Hüster. Die Dame fragte, ob er helfen könne. Christian Hüster machte sich auf den Weg.

Was er vorfand, war ein heruntergekommener Stall mit mehreren Boxen, die so lange nicht ausgemistet worden waren, dass man die Türen mit Stricken hatte zubinden müssen, weil der Mist sie sonst aufgedrückt hätte. Zum Teil waren die Selbsttränken kaputt, dementsprechend standen die Boxen zentimeterhoch unter Wasser.

In einer dunklen Ecke war noch eine weitere Box, sehr viel kleiner als die anderen, nur 2,5 mal 2,5 Meter messend und ganz ohne Tageslicht, lediglich mit einer kleinen Funzel an der Decke unzureichend beleuchtet. Hier war das Pferd untergebracht, wegen dem Christian Hüster gerufen wurde.

Meterhoch habe es im Mist gestanden, berichtet dieser. „Da wurde seit mindestens einem Jahr nicht mehr ausgemistet.“ Das Pferd ist ein junger Hengst, drei Jahre alt. Er hatte offensichtlich Angst, wollte sich nicht anfassen lassen. Hüster beschäftigte sich eine Weile mit ihm und konnte ihn schließlich aus einem Eimer tränken.

„Er hatte kein Wasser in der Box, dementsprechend groß war sein Durst.“ So fasste der Junghengst sich ein Herz, sich dem Menschen zu nähern. Christian Hüster vermutet, dass das Pferd seit Monaten seine Box nicht mehr verlassen hat. „Ich habe gesagt, wir tun jetzt was! Ich werde dieses Pferd aus dieser Box herausholen!“

Happy End für Mr. Fight

Einfacher gesagt als getan. Eine andere Box stand zunächst nicht zur Verfügung, weil sie unter Wasser standen oder so voller Mist waren, dass sie nicht zu benutzen waren. Doch schließlich fand sich eine Lösung. Die nächste Hürde war es, den Hengst aus seiner Box herauszubekommen. „Er hatte Angst“, sagt Christian Hüster. „Seine Box war ja sein zuhause und vermittelte ihm Sicherheit.“ Und da der Mist ja inzwischen zu hoch war, als dass der Hengst einfach auf die Stallgasse hätte heraustreten können, baute Hüster ihm eine Rampe.

Danach habe es 15 Minuten gedauert, bis das Pferd sich traute, sein Gefängnis zu verlassen. Das mag auch der Tatsache geschuldet sein, dass er monatelang nicht beim Hufschmied gewesen ist, seine Hufe sich inzwischen zu Schnabelschuhen verformt hatten und er dementsprechend unsicher auf den Beinen war. Aber schließlich war es geschafft. Der Braune hatte seine Behelfsbox bezogen, bekam Futter und Wasser.

Christian Hüster berichtet: „Die Züchterin hat zu mir gesagt, wenn ich ihn da rausbekomme, kann ich ihn behalten.“ Sie hat Wort gehalten.

Die nächste Herausforderung: der Transport. „Wir haben ihn sediert und dann mehr oder weniger auf den Anhänger geschoben und getragen“, berichtet Hüster. Zuhause brauchten sie dann noch einmal eine halbe Stunde, um den Hengst wieder vom Anhänger herunter zu bekommen. Nach 45 Minuten stand er endlich in seiner neuen, sauberen Box. Und weil er ja gerade sediert war, kam auch direkt der Hufschmied, um sich der völlig verwahrlosten Hufe anzunehmen.

Dem jungen Hengst geht es heute gut. Er hat inzwischen auch einen Namen: Mr. Fight. „Ich denke, wäre er ein Wallach gewesen, hätte er sich aufgegeben gehabt“, sagt Christian Hüster. So gibt es nun ein Happy End für ihn. Und das hoffentlich auch für die anderen Pferde, die immer noch in dem Stall stehen.

Hier bezieht Mr. Fight sein neues Zuhause:

Gepostet von Christian Hüster am Sonntag, 7. Juni 2020

Das Veterinäramt plant Maßnahmen

Es stehen noch weitere Pferde in dem Stall, unter anderem eine hoch tragende Stute, erzählt Christian Hüster und findet anschauliche Worte: „Die stehen meterhoch in der Scheiße!“

Dem zuständigen Veterinäramt Osnabrück sind die Zustände bekannt. Und das schon lange, wie Pressesprecher Burkhard Riepenhoff auf Nachfrage zugab: „Seit mehr als zehn Jahren wurde neben der Hofstelle schwerpunktmäßig die Weidehaltung kontrolliert, da es bei Extremwetterlagen immer wieder zu tierschutzrechtlichen Verstößen gekommen war.“

Zuletzt sei man 21. November 2019 vor Ort gewesen. Damals sei den Besitzern unter anderem auch mündlich auferlegt worden, sich um die Hufe des Hengstes zu kümmern. Es sei danach jedoch keine Überprüfung mehr erfolgt. „Dass im weiteren Verlauf keine Nachkontrolle auf dem Betrieb erfolgte, ist leider auch dem ,Stand-Still‘ der Corona-Krise geschuldet“, so Burkhard Riepenhoff. Geplante Kontrollen seien dadurch verschoben worden.

Man fragt sich allerdings, warum nicht härter durchgegriffen wurde, wenn, wie das Veterinäramt Osnabrück selbst sagt, seit zehn Jahren „immer wieder Anzeigen“ eingegangen seien.

Dazu Burkhard Riepenhoff: „Es wurden immer wieder Verstöße vor Ort festgestellt und aufgrund der wiederkehrenden Mängel wurden Anordnungen getroffen und Verfahren eingeleitet. Bisher war keiner der Verstöße so schwerwiegend, wie es sich nun bei dem Hengst dargestellt hat. Hieraus werden im Veterinärdienst die erforderlichen Konsequenzen gezogen und entsprechende Maßnahmen eingeleitet.“

Wie genau die aussehen, wird derzeit im Veterinäramt festgelegt. Nächste Woche soll es weitere Informationen geben. Gestern waren erneut Amtstierärzte vor Ort, die festgestellt haben, dass zwei Pferde kein Wasser zur freien Verfügung hatten und dass die Boxen unzureichend eingestreut waren. Das hätte man „unmittelbar abgestellt“.

Eine weitere Stute habe „mangelhafte Hufpflege gezeigt“. Für die besagte tragende Stute stehe keine geeignete Abfohlbox zur Verfügung. Entsprechend seien der Tierhalterin Auflagen gemacht worden, die Hufe der einen Stute machen zu lassen und für die andere eine geeignete Box herzurichten. Es werden ein Ordnungswidrigkeiten-Verfahren und ein Zwangsgeld eingeleitet.

Bei dem Betrieb soll es sich um den Stall des inzwischen verstorbenen Züchters Reinhold Harder handeln. Hier kamen unter anderem Sandro Hit und Diamond Hit zur Welt. Unsere Anfrage beim Veterinäramt bezog sich explizit auf diesen Stall und dem wurde nicht widersprochen.

  1. Helmold Baron von Plessen

    Corona Pandemie hin oder her. Seit zehn !!! Jahren sind bei der zustaendigen Behoerde immer wieder Anzeigen eingegangen. Wie schwerwiegend muessen Verstoesse eigentlich sein, dass sie tierschutzrelevant sind ? Trauriges Zeichen fuer ein Land, welches das oft zitierte „Tierwohl“, auf seine Fahnen geschrieben zu haben vorgibt. Hoffentlich entwickelt sich „Mr. Fight“ bei Herrn Huester zu einem echten Champion. Chapeau vor seinem umsichtigen, einem echten Pferdemann entsprechenden, Handeln.

    • Martina Siewert

      Im Nordwesten ticken die Uhren anders. Ich habe zwei Jahre dort gelebt, gearbeitet, gewohnt. Mit halbwüchsigem Sohn, 2 Hunden und drei Pferden.
      Hauptsache der Vorgarten ist vernünftig. Die Pferde bringen Schleifen nach Hause, wenn nicht, wird so lange ausgewechselt, bist das Ergebnis zufrieden stellt. Nicht umsonst ist dort die industrielle Tierhaltung zu Hause. DAS muss man erstmal können, was dort oft abgeht.
      Habe damals selbst im Food Bereich (Büro) gearbeitet und Amtsveterinäre kennen gelernt. Es sind reine Erfüllungsgehilfen, die durchaus mit sich hadern.
      Wie auch aus Schleswig-H. bekannt.
      Amtsveterinäre sind da nicht unbedingt die gut verdienenden Akademiker sondern in Abhängigkeit lebend, oft mit Stundenverträgen und daraus resultierend eher mäßigem Verdienst. Und so durchaus dem Alkohol verfallen.
      Allerdings kann man natürlich auch den Nachbarn einen Vorwurf machen. Wieso wird so lange weg gesehen? Sorry, inzwischen herrscht in Deutschland ja die „geht mich nichts an“-Mentalität.
      Ich bin noch anders erzogen. Zivilcourage nennt man das. Auch wenn es unbequem ist.
      Egal, nicht jeder kann seine Stimme selbst erheben oder hat eine Lobby.
      Ich dachte erst, es war bei Zeven, nein es war Raddestorf bei Nienburg.
      Erst 7 Jahre her und nichts gelernt!
      Dem Herrn Hüster äußerst dankbar für seine Hilfe und Zivilcourage.
      Alles Gute den Tieren und auf dass es endlich eine Lehre sein wird, doch den Blick links und rechts schweifen zu lassen und im Zweifel einmal nachzufragen und ggf. Hilfe anzubieten.

  2. ursula machner

    da kommen einem die tränen. konnte das filmchen nicht ganz anschauen. das ist ein skandal. die verantwortlichen dieser behörde sollten sofort entlassen werden. wofür werden die eigentlich bezahlt? der/ die stallbetreiber sollten auch mal ein halbes jahr in so einer box stehen müssen in ihrem eigenen dreck und ohne bewegung. und das fohlen der tragenden stute sollte anscheinend auch in der eigenen kacke geboren werden. lebenslanges tierhalteverbot für den schuldigen. wenn man sich nicht mehr um seine tiere kümmern kann, dann soll man sie eben verkaufen, notfalls verschenken. aber doch nicht so!!!

  3. Andreas Apsel

    Das ist einfach nur traurig, zeigt aber eindrucksvoll wie „effizient“ unsere Behörden agieren.
    Das Veterinäramt hat den Stall seit 10 Jahren „im Visier“ und nichts passiert?
    Da fragt man sich, was unsere Beamten im Veterinäramt in dieser Zeit so gemacht haben…
    Es ist eine billige Ausrede, daß eine Nachkontrolle wegen Corona nicht durchgeführt werden konnte, eine Nachkontrolle hätte ohne Probleme im Dezember 2019 erfolgen können!

  4. Anette

    Danke für Deinen Kommentar, schade das nur so wenig Menschen dazu was schreiben. Seit 10 Jahren sind da Missstände bekannt und jetzt muss Corona herhalten warum da nichts passiert ist. Wie lächerlich ist das denn. Aber toll das endlich mal jemand sofort gehandelt hat. LG Anette

  5. Berndride

    Das ist mal wieder der Versuch ein schwieriges Problem an der falschen Stelle zu lösen. So geht’s nicht. Es geht nicht um mangelnde Fachkenntnisse oder bösen Willen um Tiere zu quälen. Es geht ganz einfach um Geldmangel. Die Menschen die das machen stecken in einer finanziellen und in der Regel auch psychischen Zwangssituation aus der sie sich mit verzweifelten Herumtricksereien herauszuwurschteln versuchen und das gelingt ihnen nicht. Das sinnvollste ist hier so schnell wie möglich einen kompetenten Insolvenzverwalter zu bestellen der das Ganze auflöst und die Betroffenen i.d. Regel in eine kontrollierte Privatinsolvenz führt. Letztlich ist es für die Leute besser einige Zeit von Harz4 zu leben, ohne die Belastung der Verantwortung für ein gescheitertes Tierhaltungsunternehmen und dann ohne Schulden neu anzufangen. Dann natürlich nicht mehr mit einer eigenen Tierhaltung.
    Wenn die FN hier helfen könnte, z.B. mit Weiterbildungen für Fachleute, Beratung der Betroffenen oder mit der Finanzierung eines Fonds für die Übernahme von Verfahrenskosten bei Bedürftigen würde ich das für eine sinnvolle Verwendung von Mitgliedsbeiträgen halten.

  6. Kirsten Schwarz

    Mir ist es absolut unverständlich,warum das Veterinäramt so nachlässig und schlampig reagiert ha,es ist ja bereits sei mehreren Monaten bekannt,wie der Hof geführt wird .Wie kann solch eine Gleichgültigkeit entschuldigt werde.Wo bleibt denn da der Tierschutz.In Deutschland ist es mir unvorstellbar,welche Zustände hier herrschen.Ich werde damit an die Öffentlichkeit gehen!!!!

  7. Vera Bury

    Unglaublich!!Das Amt sollte wegen Unterlassung und Beihilfe zu einer Straftat belangt werden!!!Wo sind die Tierschützer,die Nachts in Ställe einbrechen?Oder sich um Pferde im Karnevalszug aufregen!Da hätten Sie richtig u.sinnvoll was zu tun!Ich bin entsetzt!Das Leid der Tiere tut mir in der Seele weh!

    Ich hoffe den Schutzbefohlenen Pferden wiederfährt Hilfe U.Gerechtigkeit


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