Moment mal! Gabriele Pochhammer: Gedanken zur Global Champions League

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Gabriele Pochhammer, Herausgeberin St.GEORG (© Foto: Bugtrup, Montage: st-georg.de)

Bunte Jacken ohne Revers, dazu ein Reglement, das fürs Publikum leichter zu verstehen sein soll – Gabriele Pochhammer hat ihre Ideen zur Global Champions League in Hamburg zusammengefasst. Und erklärt, warum nichts das Derby wirklich schlagen kann.

Derby-Turnier in Hamburg – DAS Event des Frühsommers. Nicht nur für die hanseatische Tout le Monde. Seitdem die Global Champions Tour an der Elbe Fuß gefasst hat, sind auch die Reiter wieder dabei , die für den Dino Springderby nicht mehr die rechte Begeisterung aufbringen. „Zu viele blaue Flecken“, sagt Christian Ahlmann, der sein künftiges Championatspferd Epleaser auf Platz drei der Global Champions Tour-Etappe (GCT) Hamburg ritt, für den gab’s am Ende immerhin noch 45.000 Euro. Mit dem satten Sieggeld von 99.000 Euro füllte der 18-jährige Holsteiner Casall unter Rolf Göran Bengtson noch einmal Mal die Kassen seiner Besitzer, bevor er zur letzten Ehrenrunde seiner bemerkenswerten Karriere aufbrach.

Im Mannschaftswettbewerb Global Champions League, deren Reglement immer noch kein Mensch wirklich versteht, strahlten die „Hamburg Diamonds“ am hellsten. Nach fünf weltweiten Wertungen der Mannschaftsprüfung „Global Champions League“ ging in Hamburg das Team mit 98 Punkten in Führung, dazu reichten in Flottbek die 17 Punkte für Platz vier. Sie wurden gesammelt von der bei Markus Beerbaum trainierenden US-Amerikanerin Audrey Couler auf dem zwölfjährigen Holsteiner Capital Colnardo v. Colman und Harrie Smolders auf dem 13-jährigen Zangersheider Diamant de Semilly-Sohn Don VHZ Z. Zu jedem Team gehören drei oder vier Reiter, zwei gehen bei jeder Wertung an den Start.

Es ist eine Besonderheit des im Rahmen der Global Champions Tour ausgetragenen Mannschaftswettbewerbs, dass Reiter verschiedener Nationen gemeinsam in einer Mannschaft reiten können. Eine weitere ist das geradezu revolutionäre Outfit: An den Jacken fehlen die Kragen, ein echter Wow-Effekt. „So können wir uns auch von hinten erkennen, das sorgt schon für einen gewissen Teamgeist“, sagte Janne Friederike Meyer-Zimmermann, Mitglied der „Shanghai Swans“, und sah aus, als müsste sie selber über das lachen, was sie da sagte. Dass an dem Spruch „Kleider machen Leute“, was dran ist, zeigte auch der aubergine-farbig gewandete Quatar-Scheich Ali Al Thani im kragenlosen GCL-Look. Da fühlte sich mancher an die Rezeption im Berliner Adlon versetzt, und griff unwillkürlich in die Tasche, um eine paar Euro für den netten, wenn auch reichlich hoch gewachsenen Pagen locker zu machen. Den Modus zu erklären, schon gar dem unbedarften Zuschauer, der nicht jedes Wochenende jeden Ritt weltweit verfolgt, daran scheiterten Ansager und TV-Moderatoren in Hamburg gleichermaßen. Ist ja auch nicht so wichtig wie die Tatsache, dass zwei Millionen Euro pro Saison für die Teilnahme eines Teams hingeblättert werden müssen, bei 18 Teams also rund 36 Mio, von denen am Ende der Saison elf Millionen als Gewinngeld ausgeschüttet werden. Da bleibt ja nach Adam Riese doch noch ein bisschen übrig für die Macher, Jan Tops und sein Team. Einen weiteren erfreulichen Nebeneffekt erwähnte Paul Schockemöhle: „Wegen des Geldes starten die besten Reiter der Welt, außerdem steigen die Pferdepreise, das ist gut für die Züchter, da fließt auch viel Geld zurück.“ Leider ja meist nicht an die Züchter, sondern an diverse Zwischenhändler und Handaufhalter. Noch einen Vorteil entdeckte PS: „Und junge Reiter aus nicht ganz unvermögenden Familien werden für den Springsport interessiert.“ Dazu gehören etwa die auch in Hamburg startende Jessica Springsteen, Tochter der Rocklegende Bruce, oder Jennifer Gates, deren Vater Bill Gates angeblich der reichste Mann der Welt ist. Die jungen Leute brauchen gute, sprich teure Pferde, so schließt sich der Kohle-Kreislauf. Oder die perfekte Nachwuchsförderung, je nachdem von welcher Warte man es sieht. Und Bill Gate’s Versicherung, seine Kinder würden knapp gehalten, unterliegt dann auch der Relativitätstheorie.

Ein Überraschungsgast im Parcours war der Ukrainer Alexandr Onischenko, jener Oligarch mit Olympiaambitionen, der kurz vor Rio spurlos verschwand und wegen diverser Delikte wie Steuerhinterziehung auf der Fahndungsliste seines Landes stand. Die Pferde übernahm kurzfristig Paul Schockemöhle in Mühlen, man erinnere sich, der es auch hinkriegte, dass die springreitenden Ukraine-Söldner, darunter die Deutschen Rene Tebbel und Ulrich Kirchhoff, zu ihrem Olympiaauftritt kamen. Offenbar haben sich die Wogen geglättet, denn Onischenko drehte in Hamburg wacker seine Runden in der SML-Tour für Amateure. Vielleicht auch die bessere Bühne für ihn als Olympia. In der ersten Derbyqualifikation gab es noch ein freudiges Wiedersehen mit Fibonacci, dem Olympiaschimmel von Meredith Michaels-Beerbaum, mit seiner neuen US-Reiterin Lillie Keenan (20), die mit dem Iren Cian o’Connor trainiert. Das konnte man sich gut ansehen, kontrolliert und sicher. Sollte wohl nur eine Kennenlern-Runde sein, denn nach einem Abwurf gab die Reiterin auf, was eigentlich gar nicht nötig gewesen wäre. Am Ende, trotz theaterreifer Global Champions Tour mit Casall-Abschied, stahl das Springderby allen die Show. Es bleibt das aufregendste Springen der Welt, weil nur die eine Chance haben, die sich richtig vorbereiten, ein mutiges Pferd, bisschen Glück, einen klaren Kopf und vor allem keine Angst vor blauen Flecken haben.

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