Simone Blum ist Weltmeisterin, Schweizer gewinnen Silber und Bronze

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Eine Ehrenrunde für die Ewigkeit: Simone Blum und Alice sind Weltmeister! (© Pauline von Hardenberg)

Das erste Mal seit Franke Sloothaak 1994 in Den Haag geht der Einzeltitel bei der Weltmeisterschaft der Springreiter nach Deutschland. Simone Blum siegt mit DSP Alice in einem spannenden Finale vor den Schweizern Martin Fuchs und Steve Guerdat.

„Das war mein Tag heute“, jubelte Simone Blum. „Ich kann es noch gar nicht glauben.“ Schon über dem letzten Sprung, als klar war, dass ihr der Titel nicht mehr zu nehmen war, riss die 29-Jährige die rechte Faust zum Jubel hoch.

Pauline von Hardenberg

Schlussoxer, die Faust bereits geballt zum Jubeln: Simone Blum in dem Moment, in dem sie wusste: Weltmeisterin! (© Pauline von Hardenberg)

Auch der Präsident der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), Breido Graf zu Rantzau, hielt mit seinen Emotionen nicht hinter dem Berg. „Dies war ein Geschenk für den Sport.“ Deutschland hat die erste Springreiter-Weltmeisterin. Auch im letzten von fünf schweren Parcours, dem B-Kurs des Finalspringens, ließ Alice alle Stangen liegen, einen Zeitfehler nahm die 29-jährige Reiterin noch in Kauf, ohne den Sieg zu gefährden. 3,37 Punkte standen am Ende zu Buche.

Pauline von Hardenberg

Auf dem Podium: Martin Fuchs (SUI, Silber), Simone Blum (GER, Gold), Steve Guerdat (SUI, Bronze). Weltmeisterschaften 2018. (© Pauline von Hardenberg)

Auf dem Podium wurde Simone Blum von zwei Schweizern flankiert, die Silbermedaille ging an Martin Fuchs auf Clooney (6.68), Bronze an seinen Landsmann Steve Guerdat auf Bianca. Er war der einzige der 25 Reiter, die sich für den Endkampf qualifiziert hatten, der in beiden Runden ohne Hindernis-und Zeitfehler blieb. Für die beiden Schweizer war diese Einzelmedaillen auch ein kleiner Trost für die verlorene Mannschafts-Goldmedaille. Nach den ersten beiden Tagen hatten die Eidgenossen noch wie die neuen Weltmeister ausgesehen, fielen aber zurück als Janika Sprunger ausscheiden musste und Werner Muff Fehler sammelte.

Steve Guerdat zum Pferdewechsel

Steve Guerdat war der einzige der Medaillenträger, der offen bedauerte, dass das Finale der vier Besten mit Pferdewechsel weggefallen ist. „Ich hätte gerne die vier Top-Pferde hier geritten“, sagte er. Aber ganz ernst meinte er das wohl nicht. (das ganze Zitat siehe unten bei den Stimnmen).

Vierter wurde der beste US-Amerikaner McLain Ward auf der elfjährigen Oldenburger Stute Clinta v. Clinton, der im ersten Umlauf einen Abwurf kassierte, im zweiten lediglich einen Zeitfehler. Am Ende war er weniger als einen Springfehler von der Bronzemedaille entfernt. Mit Pferdewechsel hätte die Lage für Guerdat womöglich anders ausgesehen. Seiner zwölfjährige Stute Bianca v. Balou du Rouet sieht man an, dass sie eine äußerst diffizile Dame ist und die ganze Reitkunst des Olympiasiegers von 2012 fordert. Simone Blum hatte schon vorher durchblicken lassen, wie froh sie über den Wegfall des Pferdewechsels ist. „Das wäre für Alice nichts gewesen“, sagte sie, „sie lässt doch am liebsten keine Männer an sich rankommen.“

Simone Blum wirkte bis zuletzt cool, konzentriert und beherrscht, gab aber zu, dass sie, die in beiden Runden als Führende, also als letzte Starterin in den Parcours musste, etwas nervös geworden sei. Erst als alle Umarmungen und Glückwünsche, unter anderem vom IOC-Präsidenten Thomas Bach überstanden waren, als die schwarzrotgoldene Fahne hochging und die Hymne ertönte, ließ Blum ihren Emotionen freien Lauf. Sie ist nach der Kanadierin Gail Greenough , die 1986 mit Mr. T in Aachen triumphierte, die zweite Frau, die in einem gemischten Championat, also mit Männern und Frauen, Weltmeisterin wird.

Parcourschef Allan Wade hätte eine Medaille verdient

In den beiden Finalkursen hatte der irische Aufbauer Alan Wade noch einmal alle Register gezogen. Im A-Kurs war es die relativ früh als Nummer vier ausgewiesene Dreifache Kombination aus zwei mit Oxern überbauten schmalen Gräben und einem Steilsprung  die Klippe, mit der am Ende aber weniger Pferde Probleme hatten als gedacht. Lediglich der Fuchs Oaks Redwood des Australiers Billy Raymont guckte aufs Wasser, vergaß die oberen Stangen und geriet mit den Hinterbeinen zwischen die Stangen. Ein paar Sprünge später gab der Reiter auf. Im B-Kurs wurde nochmal auf Höchstmaß gebaut, Sprung sechs , ein 2,10 Meter breiter, 1,60 Meter hoher Oxer forderte noch einmal alle Kraft, die aber die meisten Pferde noch aufbrachten. Dennoch gab es in beiden Runden nur wenige springfehlerfreie Runden. Der von allen hochgelobte Parcourschef blieb seiner Linie treu: luftig und hoch, so dass die Guten nach vorne kamen und die weniger Guten nicht untergingen. Den größten Sprung nach vorne machte der Columbianer Carlos Enrique Lopez Lizarazo auf dem feinen edlen KWPN-Wallach Admara v. Padinus. Am ersten Tag im Zeitspringen abgeschlagen auf Rang 27, wurde er zuletzt mit 12,81 Punkten Fünfter.

Die größte Enttäuschung auf den letzten Metern ereilte den bis dahin auf  Medaillenkurs für Österreich reitende Max Kühner auf dem Holsteiner Hengst Chardonnay. Noch bis zum B-Kurs des Finales hatte der Schimmel keinen Springfehler gemacht, dann im B-Kurs gleich zwei. Er wirkte einfach „alle“ und fiel mit 12,97 Punkten auf Platz sechs zurück.

Die beiden anderen deutschen Reiter, die sich für das Finale qualifiziert hatten, konnten sich nicht für den B-Kurs qualifizieren. Marcus Ehning kassierte mit dem 15-jährigen Pret A Tout, der ebenfalls ein bisschen müde wirkte, zwei Abwürfe, Platz 15, Laura Klaphakes Catch me if you can nahm den letzten Sprung mit, Platz 14.

Der Weltmeistertitel für Blum war das Sahnehäubchen für eine unter dem Strich sehr erfolgreiche Springreiter-WM und ein versöhnlicher Schlusspunkt unter die von Chaos und Unzulänglichkeiten geprägten Weltreiterspiele.

 

Stimmen nach dem ersten Sieg einer Frau bei Weltreiterspielen:

Simone Blum …

… über Alice: „Ich glaube diese Woche wusste sie, dass die Herzen der ganzen Welt gewinnen könnte.“

… über den WM-Tag: „Heute war ich etwas nervös. Es war ein fairer Kurs, Martin (Fuchs) hatte eine wirklich tolle Runde. Ich war mir nicht so sicher als ich reinkam, da habe ich gedacht, lieber eine Nullrunde reiten.“

… über ihren zukünftigen Ehemann Hans-Günther Goskowitz, den sie in vier Wochen heiraten wird: „Erst ist der beste Mann der Welt, ohne ihn stünde ich jetzt nicht hier.“

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Zwei wichtige Männer im Leben der Weltmeisterin Simone Blum: Hansi Goskowitz (der nach der Eheschließung in wenigen Wochen auch Blum heißen wird) und Vater Jürgen. (© Pauline von Hardenberg)

… über die Namensregelung des Paares: „In vier Wochen ist es Hans-Günter Blum, nach diesen Tagen hier passt das doch, oder?“

… über die Geschlechterfrage: „Für mich ist es egal, ob Männer und Frauen – aber OK. Heute war es ein perfekter Tag.“


Bundestrainer Otto Becker …

… zur WM in Tryon generell: „Das war für uns ne unglaubliche Woche.“

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BRONZE!! Marcus Ehning, Laura Klaphake, Simone Blum, Maurice Tebbel und Bundestrainer Otto Becker. (© Pauline von Hardenberg)

… zu den Tagen vor der Abreise nach Tryon: „Ich hatte echt schon im Trainingslager bei allen ein gutes Gefühl. Die waren alle gut drauf und ich habe geglaubt, wenn wir ’n Lauf haben, vielleicht haben wir dann Glück und haben eine Medaille.“

… zu der Leistung von Simone Blum: „Wie sie so souverän am ersten Tag geritten ist, dann am zweiten, am dritten …  Da habe ich insgeheim schon gehofft, dass sie das auch so durchzieht hier. Aber das musst du auch erstmal so machen, als letzte darein zu reiten, zweimal.“

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Ein bisschen Cantern im Stadion … (© Pauline von Hardenberg)

… zu der Leistung von Alice: „Es gab ja nicht einen Galoppsprung, nicht einen Sprung, wo mal ein Wackler war. Das ist ja für mich das Sensationelle.“


Vize-Weltmeister Martin Fuchs, Schweiz, …

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Im April musste Martin Fuchs‘ (SUI) Clooney wegen einer akuten Kolik operiert werden. Im September gewann er Einzelbronze in Tryon bei den Weltmeisterschaften der Springreiter. (© Pauline von Hardenberg)

… zu seinem Clooney, der im April operiert werden musste: „Ein sehr emotionales Jahr nach der Kolikoperation.“

… zur Einschätzung seiner Woche in Tryon: „Es war meine erste WM, die lief nicht so schlecht.“

… und zur neuen Weltmeisterin: „Simone war soweit weg davon, eine Stange zu berühren. Was für eine Weltmeisterin.“

… zur digitalen Vernetzung: „Mein Bruder Adrian konnte nicht hier sein, er hat zu Hause alles aufgenommen und mir die erste Runde geschickt, dass ich es noch mal angucken konnte.“


Bronzemedaillengewinner Steve Guerdat, Schweiz, …

… zu seiner Stute Bianca, die das Zeitspringen gewonnen hatte und auch heute das beste Pferd in der Einzelwertung war: „Am stolzesten bin ich auf Bianca. Das Pferd ist immer gut gesprungen, aber früher hatte sie immer mal einen ärgerlichen Abwurf. Ich wollte immer eine Medaille für sie, weil sie sie wirklich verdient.“

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„Bianca hat die Medaille gewonnen, die sie so sehr verdient“, sagte Steve Guerdat. (© Pauline von Hardenberg)

… darüber, was es für ihn bedeutet an der Seite seines Freundes und Trainingspartners Martin Fuchs auf dem Podium zu stehen: „Ich habe einen bekannten Vater, Philippe Guerdat, und eine tolle Familie. Aber die Familie Fuchs ist für mich auch sehr besonders. Wir sind Nachbarn, wir sprechen jeden Tag. Sie behandeln mich wie einen dritten Sohn, das macht das hier besonders speziell.“

… zum Sport: „Parcourschef Allan Wade verdient auch eine Medaille.“

… zum neuen Formal ohne Pferdewechsel: „Ich hätte gerne die besten vier Pferde geritten. Aber das ist gut so. Das beste Paar hat gewonnen. Dieser Sport funktioniert über Partnerschaft. Und das soll auch belohnt werden.“

… zur Frage, ob sich das Mammutformat Weltreiterspiele überlebt hat. „Weltreiterspiele kann man nur in Aachen machen, da gibt es keinen Ort anderen Welt. Ich weiß nicht ob, ich der richtige bin, das zu beantworten. Man sollte an die Veranstalter denken, die das stemmen müssen. Es gibt wohl auch keine lange Schlange von Bewerbern.“

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