Trainermeeting in Warendorf: Mehr Struktur, bitte!

Zum ersten Mal haben sich die Trainer aller Pferdesportdisziplinen gemeinsam in Warendorf zu einem Trainerkongress des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei (DOKR) getroffen. Themen waren die Ausbildungsqualität, Saisonplanung, Leistungsdiagnostik und vieles anderes.

In einem Punkt waren sich die 70 Bundes-, Landes-, Stützpunkt- und Heimtrainer einig: Es wird immer schwieriger, Talente zu entdecken und auch zu fördern, weil sie durch Ganztagsunterricht und ein Jahr weniger Schule bis zum Abitur weniger Zeit zum Reiten haben. Zudem kommen viele nicht aus Pferdefamilien, so dass das intuitive Gefühl für das Pferd nicht selbstverständlich in der Kindheit entwickelt wurde, wie es früher häufig der Fall war. Es wird schwieriger, ein strukturiertes Training zu erarbeiten und auch die Kinder selbst bringen trotz reiterlichem Talent häufig nicht die erforderliche körperliche Fitness mit.

Aber das Problem gibt es nicht nur an der Basis, sondern auch im Spitzensport. Thies Kaspareit, Leiter der FN-Abteilung Ausbildung und Wissenschaft, erklärte: „In den Köpfen vieler Reiter mangelt es an Einsicht in die Zusammenhänge von Grundlagen-, Aufbau- und Leistungstraining. Viele verfahren nach der Devise, eine Stunde Reiten am Tag reicht aus. Oft verhindert die Sorge vor zu viel Belastung oder die Angst vor Verletzung des Pferdes das effektive Training. Aber die Gesunderhaltung des Leistungssportlers kann nicht durch möglichst schonendes Training gewährleistet sein. So eine Einstellung würde man in keiner anderen Sportart finden.“

In der Tat zeigte sich bei einem Blick über den Tellerrand, dass in anderen Sportarten gänzlich anders vorgegangen wird. Als Gäste waren Michael Biegler, Nationaltrainer der polnischen Handball-Nationalmannschaft, und Prof. Dr. Klaus Baum, ehemals Dozent an der deutschen Sporthochschule in Köln und Experte für wissenschaftliches Training, geladen worden. Sie erläuterten exemplarisch, wie sich Handballer auf die Europameisterschaften 2015 vorbereiten seit 2012. Das bedeutet, knapp vier Jahre Wettkampfplanung mit Dokumentation und leistungsdiagnostischer Auswertung aller Trainings- und Erholungsphasen.

Die Trainer zogen sich anschließend für Workshops in den einzelnen Disziplinen zurück, um weitere Pläne und Verbesserungsvorschläge auszuarbeiten. In der Vielseitigkeit ist man in Sachen Leistungsdiagnostik schon recht weit. Hier werden Trainingseinheiten erfasst und zum Teil dokumentiert und es gibt Forschungsprojekte, in den es beispielsweise um Laktatwerte in der Muskulatur geht, die über Leistungsvermögen und -grenzen eines Pferdes Auskunft geben können. Der Plan ist es nun, für die Junioren einen Musterjahresplan zu erstellen, der beim Abtrainieren im Herbst beginnt und sich bis zu den jeweiligen Saisonhöhepunkten im darauf folgenden Jahr erstreckt. Rüdiger Schwarz, Bundestrainer Junioren und Junge Reiter, betonte: „Wir stellen leider zunehmend fest, dass die Jugendlichen oft planlos sind, was zielgerichtete Ausbildung und Konditionstraining für Reiter und Pferd betrifft.“ Aber woher sollen sie es auch wissen, wenn man es ihnen von ihren Trainern nicht gezeigt wird?

Mehr Struktur wird inzwischen auch im Springlager verlangt. Die Eleven von Pony-Bundestrainer Peter Teeuwen müssen beispielsweise Trainingstagebuch führen. Ein ähnliches Projekt gibt es auch für die Perspektivgruppenmitglieder von Bundestrainer Otto Becker. „Die Reiter waren selbst an der einen oder anderen Stelle überrascht, wie wenig sie mit ihren Pferden arbeiten beziehungsweise wie einseitig sie ihr Training oft gestalten.“ Zur Qualitätsverbesserung des Trainings regte der Workshop den Aufbau eines Trainernetzes an, intensivere Trainerfortbildung in kleinen Gruppen und die bessere Einbindung der Berufsreiter in die Trainerstrukturen auf Landes- und Bundesebene.

Die Dressurtrainer monierten, dass in manchen Regionen Deutschlands keine Trainer vorhanden sind, die in der Lage wären, talentierte Jugendliche über das L-/M-Niveau hinaus zu fördern. Hans-Heinrich Meyer zu Strohen, Bundestrainer der Junioren und Jungen Reiter, forderte: „Wir müssen unser Trainersystem renovieren, die Heimtrainer in unsere Kaderlehrgänge noch besser einbeziehen und mehr motivieren und wertschätzen.“ Die Dressur regte ein System von Patenschaften an, bei denen die deutschen Spitzentrainer den Heimtrainer und ihren Schüler zur Seite stehen.

Der Fahr-Workshop definierte zunächst die Trainingsgrundlagen, aus denen sich dann individuelle Planungen entwickeln lassen. In diese fließen die Faktoren Gesundheitszustand der Pferde, Trainingsmöglichkeiten (Platz/Gelände/Halle), Zeit, Verfügbarkeit von Trainern, Monitoring und Protokollierung von Training ein. Die Distanzreiter stehen vor einem grundlegenden Neubeginn. Die selbstkritische Einschätzung, mit dem vorhandenen A-Kader keinen Anschluss an die internationale Spitze finden zu können, fand einen breiten Konsens. Hier müssen neue Strukturen vom Breiten- bis zum Spitzensport aufgebaut werden.

Einen ganzen Strauß von Wünschen hinsichtlich der Professionalisierung äußerte der Workshop Voltigieren. So plädierten die Mitglieder unter Leitung von Bundestrainerin Ulla Ramge dafür, die Leistungsdiagnostik auf Bundes- und Landesebene fest zu etablieren, die sportmedizinische Betreuung der Kader sicherzustellen und das Lehrgangswesen zu optimieren, das heißt noch bessere Schwerpunkte zu setzen.

Wenngleich sich nicht alle Wünsche der Disziplinen auf Anhieb umsetzen lassen, so wertete DOKR-Geschäftsführer Dr. Dennis Peiler den Trainerkongress als großen Erfolg: „Die Resonanz der Teilnehmer war ausgesprochen positiv und hat den interdisziplinären Erfahrungsaustausch und Wissenstransfer deutlich bereichert. Wir sehen, dass sich auch der Pferdesport immer intensiver mit der Leistungsdiagnostik und professioneller Trainingsplanung beschäftigt. Diese Kick Off-Veranstaltung werden wir nun auswerten und für die einzelnen Disziplinen gemeinsam mit den Bundestrainern Lösungen erarbeiten.“

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