Big + Bold = Badminton = Burton?

Jörn-Warners-Blog-2019

Jörn Warner bloggt aus Großbritannien, wo er bei Vielseitigkeitsreiter Chris Burton trainiert. (© Petra Boschen)

Einmal in Badminton an den Start gehen – davon träumt auch Pferdewirtschaftsmeister Jörn Warner. Während seines Traingsaufenthaltes bei Christopher Burton in England durfte er sich die Geländestrecke schon einmal aus nächster Nähe ansehen.

Bereits zum 70. Mal zieht ein kleiner Ort in Gloucestershire die Aufmerksamkeit der Vielseitigkeitswelt auf sich. Traditionell findet dort am ersten Maiwochenende das Fünf-Sterne Event in Badminton statt. Ich habe ja schon ganz am Anfang meines Blogs erwähnt, dass diese Herausforderung noch einige Zeit auf mich warten muss. Dennoch rückt die Wahrscheinlichkeit es irgendwann einmal reiten zu dürfen mit jedem Jahr ein bisschen näher und jedes Jahr interessiere ich mich etwas mehr für die Tücken der Strecke. Deshalb hat es mich natürlich extrem gefreut, als mir Christopher Burton anbot, das Gelände mit ihm abzugehen.

Also hatten meine Jungs am vergangenen Donnerstag frei und ich habe mich auf den zweistündigen Weg nach Badminton gemacht. Angeblich soll dies der ruhigste Tag von allen sein. Aber die Besucherströme stört diese Prognose wenig. Noch staut es sich in den kleinen Sträßchen Richtung Turnierplatz zwar nicht, aber die Parkeinweiser haben trotzdem genug damit zu tun, die Automassen auf den riesigen Grünflächen möglichst platzsparend zu arrangieren. Wir sind mit Burto an den Dressurplätzen verabredet. Am frühen Vormittag hat er im Stadion bereits eine gute Runde mit Graf Liberty aufs Parkett gezaubert und will nun vor unserem ausgedehnten Spaziergang noch Cooly Lands, sein zweites Eisen im Feuer, arbeiten. Doch schon bald sattelt er auf den Drahtesel um und wir machen uns auf den Weg die 6.697 Meter lange Strecke zu erkunden.

Gemeinsam auf der Strecke

Bereits an Hindernis Nummer vier wartet die erste Abfrage, die Mut erfordert. Nach einem dicken Oxer kommt die bekannte Treppe, gefolgt von einem weiteren Oxer. Bis einen Galoppsprung vor der Kante galoppieren die Pferde quasi ins Nichts um sich dann die zwei Steinstufen in die Tiefe droppen zu lassen. Ein ganz anderes Gefühl als von einer Geraden herunterzuspringen, wie mir Chris am Fuße des Komplexes bestätigt. Von diesem Punkt an kommt kein einzelner Sprung mehr auf der Strecke, der den Paaren Erholung gönnt. Das nächste Mal halten wir bei 10 a und b an und besprechen ausführlich die beiden Varianten. Wie werden die Lichtverhältnisse zu den jeweiligen Startzeiten dort sein? Wo stehen die Zuschauer? Über welche Schulter neigt mein Pferd eher auszubrechen? Es gibt einiges zu bedenken und doch lässt sich auf dieser gigantischen Strecke kaum etwas planen. Oft sind es nur Bruchteile von Sekunden um zu reagieren.


Pferdewirtschaftsmeister Jörn Warner ist mit seinen Pferden für sechs Monate nach England ausgewandert, um mit Olympiareiter und Burghley-Sieger Christopher Burton zu trainieren. In seinem Blog erzählt er aus seinem neuen Leben, von Turnierstarts im Mutterland der Vielseitigkeit, den besten Tipps eines internationalen Profis und britischen (Stall-)Gepflogenheiten.


Hier und da zieht sich mein australischer Coach kurz raus und macht sich seine eigenen Gedanken. Ob ihn meine Ansichten nicht durcheinander bringen, frage ich ihn auf einer der längeren Galoppstrecken: „Doch schon. Aber das ist ja auch gut so. Ich möchte so viel Input wie möglich, um mich dann am Samstag, wenn ich die Strecke noch einmal ganz für mich alleine abgehe, für eine Variante entscheiden zu können.“ Mit einem Augenzwinkern fügt Burto noch hinzu: „Allerdings habe ich mich manchmal noch nicht entschlossen, bis ich aus der Startbox herausreite.“ Na, wenn das so ist.

Punktlandung

Diesen Gedanken im Kopf, sitze ich am Samstag auf der Lower Chapel Marsh Farm vor dem Fernseher und gucke zusammen mit den Daheimgebliebenen BBC Sport. Pünktlich geht Christopher Burton auf Graf Liberty ins Gelände. Seit 2017 ist der Brite Eric Winter Coursdesigner in Badminton. Und das ist auch das einzige Jahr, in dem zwei Reiter in die Zeit galoppiert sind: Michael Jung und Tim Price. Dementsprechend aufgeregt sind wir, ob „The Rocket Man“ seinem Spitznamen alle Ehre macht und die Optimumtime von 11:45 Minuten einhalten kann. Was Burto auf jeden Fall kann, ist dieses Gelände mit den anspruchsvollen Distanzen und dicken Sprüngen aussehen zu lassen, als ob es eine VL wäre. Das lässt uns leicht durchatmen. Doch bei Minute 11:25 werden wir dann doch alle kurz nervös. Ob er wohl in 20 Sekunden im Ziel ist? Ist er! Auf die Sekunde genau galoppiert Graf Liberty durch die Lichtschranke und ist damit eins von nur fünf Pferden, die in diesem Jahr die Zeit knacken.

Mit Cooly Lands hat Chris sogar einige Sekunden auf der Haben-Seite. Was für ein grandioser Geländetag! Ich kann mich in diesem Moment nur selbst beglückwünschen, dass ich den Schritt hier hin gewagt habe. Von dem Mann kann ich noch einiges lernen! Als ihn ein Reporter später im Interview fragt, warum er denn immer so schnell unterwegs sei, antwortet Burto: „Ich habe das Glück auf schnellen Pferden zu sitzen.“ Wenn es doch nur so einfach wäre.

Der Sonntag mit dem abschließenden Springen kostet mich übrigens noch einmal genauso viele Nerven. Wegen der ganzen Anspannung werde ich bestimmt zehn Jahre früher sterben: Cooly Lands bleibt null und wird dritter, mit Graf Liberty gibt es ein Missverständnis, was leider zu einer Verweigerung im Parcours führt. Dennoch wird er vierter. Abends um halb neun begrüßen wir einen putzmunteren Grafen zurück im heimatlichen Stall, der direkt in seine wohlverdienten Ferien auf die Wiese verabschiedet wird. Sein Weggefährte Cooly Lands verbringt die freien Tage bei seiner Besitzerin Kate Walls auf der Weide. Burto hingegen nimmt sich nicht frei. Am Montag steht er wieder ganz normal, wie an jedem anderen Tag auch, im Stall und reitet die restlichen Pferde. Bescheiden nimmt er die Glückwünsche entgegen. Ich habe das Gefühl, es ist ihm fast ein bisschen unangenehm so im Mittelpunkt zu stehen. Auf das hervorragende Ergebnis wird dann übrigens nach getaner Arbeit  doch noch angestoßen – ganz stilecht in einem britischen Pub.

Cheers, Jörn

Im aktuellen St.GEORG 5/2019 berichten wir ausführlich über Jörn Warner und seinen Trainingsaufenthalt bei Christopher Burton. Zudem wird es online auf www.st-georg.de regelmäßig einen Blog geben. Für einen weiteren Blick hinter die Kulissen lohnt es sich außerdem auch mal auf dem St.GEORG Instagram-Account vorbeizuschauen.

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