CCIO4* Aachen: Sandras Sieg mit Verzögerung

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Siegerin der Einzelwertung im CCIO4* in Aachen: Sandra Auffarth auf Viamant du Matz. (© Toffi)

Im Nationenpreis der Vielseitigkeitsreiter beim CHIO, dem CCIO4* Aachen, wusste Sandra Auffarth erst zwei Stunden nachdem sie durchs Ziel geritten war, dass sie diesmal gewonnen hat. Michael Jung rutschte nachträglich in der Platzierung nach hinten.

Lange nach dem Ende der CCIO4*-Prüfung stand erst fest, dass die Siegerin Sandra Auffarth heißt. Und der vermeintliche Sieger Michael Jung, schon mit Glückwünschen überhäuft, fand sich auf Platz acht wieder, nachdem ihm die Jury wegen einer „Missed flag“ mit Chipmunk an Hindernis 14 nachträglich 15 Strafpunkte aufbrummte. Warum sie für diese Entdeckung eine mehrstündige Video-Session brauchte, bleibt ihr Geheimnis.
Der Tod des britischen Pferdes Allstar B warf einen Schatten auf eine Prüfung, die großen Geländesport bot, auch wenn kein einziger Reiter in der Zeit blieb, trotz idealer Bedingungen.

Es war 13 Uhr und das Aachener Presseteam rückte die Namensschilder für die CCIO Pressekonferenz zurecht, in der Mitte das von Michael Jung, dem Da-noch-Sieger. Es wurde 15 Uhr und Jungs Schild war weg, stattdessen saß Sandra Auffarth auf dem Siegesplatz in der Mitte und strahlte. „In Aachen zu gewinnen ist super. Das Wichtigste für mich ist, dass der Sport fair ist. Wenn es fair für Michi ist, dass er gewinnt, dann bin ich auch mit Platz zwei zufrieden, aber wenn es fair ist, dass ich gewinne, umso besser.“

Sandra Auffarth hat zwei Monate vor der Weltmeisterschaft in Pratoni (ITA) ihren Anspruch auf einen Teamplatz nachdrücklich angemeldet. Verbesserungen in ihrer schwächsten Disziplin, der Dressur, ein sicherer Parcours, wie man ihn von der auch in Springprüfungen erfolgreichen Reiterin gewohnt ist, und eine Geländerunde, in der sie alle Qualitäten des 13-jährigen Diamant de Semilly-Sohnes Viamant du Matz (SF) ausspielen konnte und mit nur 1,2 Zeitfehlern beendete, die einzige Reiterin, die weniger als 30 Minuspunkte kassierte (29,5). Es war Sandra Auffarths zweiter Aachen-Sieg, den anderen gab es vor acht Jahren, wenige Wochen später wurde sie in der Normandie Weltmeisterin. Wenn das kein gutes Omen ist!

Mit Abstand Platz zwei fürs Team

Weniger glücklich lief es für die anderen deutschen Mannschaftsreiter. Olympiasiegerin Julia Krajewski auf der zwölfjährigen Selle Français-Stute Amande de B’Neville lieferte eine ordentliche Leistung ab – da ist noch Luft nach oben. Ein Abwurf im Springen und eine sichere aber nicht über-ambitionierte Geländerunde mit 5,6 Zeitfehlern ergaben den neunten Platz (38,6.)

Michael Jung hatte sich für den neunjährigen Kilcandra Ocean Power als Mannschaftspferd entschieden, weil er seinen WM-Kandidaten Chipmunk, der nach dem Fünf Sterne-Sieg in Kentucky eine Pause bekam, noch in der Aufbauphase gesehen habe, wie er sagte. Der Fuchs kam auf jeden Fall reicher an Erfahrungen nach Hause, lief einmal an Sprung 16 D vorbei, demselben schmalen Sprung, an dem Allstar B das Schicksal ereilte. Das waren am Ende 70,1 Miese, davon 36,8 Geländefehler, Platz 25.

Noch weniger erfreulich lief es für Ingrid Klimke, nach zwei Verweigerungen, an Sprung 16 D und 18 C, blieb Platz 28 (94,8), das Streichergebnis, übrig. Klimke und die zehnjährige Siena just do it v. Semper Fi (Westf.) haben noch nicht so zueinander gefunden, wie es für eine Prüfung vom Kaliber des CCIO4* Aachen sein muss: viele hektische Szenen, Unsicherheiten und sogar einige gefährliche Momente – nach einem Platz im WM-Team sah das nicht aus. Und die Frage stellt sich, ob sich die Reiterin mit ihrem Doppelauftritt im Dressurteam mit Franziskus und im Buschteam mit Siena physisch und psychisch nicht doch etwas viel zugemutet hat. Zumal ihr die Startfolge nicht sehr entgegenkam. Es wäre durchaus möglich gewesen zwischen den beiden Auftritten eine größere Zeitspanne einzuplanen, vielleicht wäre es dann einfacher gewesen.

Für das Team von Bundestrainer Peter Thomsen blieb Platz zwei (138,20) hinter den Briten (109,30) übrig, mit deutlichem Abstand also. Sie hatten erwartungsgemäß vom ersten Tag an dominiert, belegten die Einzelplätze drei, sieben und zwölf und konnten den Ausfall von Canter mühelos kompensieren. William Fox Pit, Siebter (34,8) mit dem Hannoveraner Little Fire v. Graf Top, konnte den Kurs nicht genug loben und die herrlichen Ritte, die sie alle gehabt hätten. Sensible Seelen waren etwas befremdet, dass er und die anderen Briten mit keinem Wort den Unfall ihrer Teamkameradin erwähnten, die zur selben Zeit in der Klinik mit den Tierärzten um das Leben ihres Pferdes kämpfte. Professionell oder nur kaltschnäuzig?

Viel Lob für den Kurs

Bester Brite, Platz drei (32,8), war Olympia-Silbermedaillengewinner Tom McEwen mit seinem Tokio-Pferd, dem 15-jährigen Selle Français Toledo de Kerser, einem weiteren Diamant de Semilly-Sohn, eine runde Leistung nach Platz zwei in der Dressur, Nullparcours und einer flotten Geländerunde mit 6,2 Zeitfehlern. Außer ihm und Julia Krajewski war auch der dritte Einzelmedallist von Tokio, der Australier Andrew Hoy auf dem 13-jährigen Vassily des Lassos v. Jaguar Mail unterwegs. Der Geländeritt des 63-Jährigen war wieder eine Augenweide, so sicher, so überlegt und selbstverständlich. Wo andere ziehen und zuppeln mussten, um sich über die vielen schmalen Sprünge zu hangeln, saß er still und ließ sein Pferd machen. Er habe zu keinem Zeitpunkt den Beschleunigungsknopf gedrückt, sagte er. Nur zwei Sekunden über dem Zeitlimit, das wird ihm in Pratoni kaum passieren. Platz zwei mit 30,5 Minuspunkten.

Auch Hoy war voll des Lobes über den Kurs, den Platz in Aachen und den Aufbauer Rüdiger Schwarz und sein untrügliches Gefühl, für seine Klientel das richtige Maß zu finden. Es gab wieder viele schmale Sprünge, auch in Kombinationen, die exaktes Reiten und Konzentration erforderten. Kondition war gefragt, vor allem auf dem letzten Stück, als die Reiter auf den großen Turnierplatz einbogen und nochmal richtig aufdrehten. Wer dann mit einem ermüdeten Pferd in den See segelte, bekam Probleme: Rumpler, Stolperer oder auch ein unfreiwilliges Bad. „Vier Sterne plus“ nannte Schwarz seinen knapp 4000 Meter langen Kurs, schwerer als im vergangenen Jahr und angesichts des Weltklassestarterfeldes auch angebracht.

Umso mehr freute sich Bundestrainer Peter Thomsen über einige seiner Einzelreiter, die ein gute Bild abgaben. Sophie Leube mit J’adore Moi wurde mit nur 2,4 Zeitstrafpunkten am Ende Fünfte (33,9), auch Jan Matthias auf Granulin (20.) und Arne Bergendahl mit Checkovich (24.) lieferten hindernisfehlerfreie Geländerunden ab. Am Ende des Tages tagte der Vielseitigkeitsausschuss, um die Reiter für die WM-Longlist auszusuchen. Wie der Name sagt, ist die Liste noch ziemlich lang und in der ersten Gruppe stehen zur Zeit nur drei Namen: Sandra Auffarth, Michael Jung und Julia Krajewski.

Die Endergebnisse des CCIO4* finden Sie hier.

 

Pechvogel des Tages: Michael Jung mit Chipmunk (Foto: Toffi)

  1. ABofe

    Ebenso befremdlich wie das Schweigen der Mannschaftskameraden über den Vorfall mit Allstar B empfinde ich die Tatsache, das Ros Canter am Abend des gleichen Tages an dem ihr langjähriger Partner eingeschläfert werden musste, an einem Spaßwettbewerb wie dem Jump & Drive teilnimmt. Die Nerven sind dann doch zweifelhaft…

  2. M. Bach

    Ich habe mich auch sehr gewundert über diese Reaktion, bzw. Nicht-Reaktion.
    Mich selbst hat der Unfall sehr mitgenommen, genauso wie vor einigen Wochen der von Hale Bob. Irgendwie hatte ich bei beiden Pferden gleich das Gefühl, dass sie schwerer verletzt waren. Es ging mir sehr nahe, wie Allstar B da so stand, auf nur noch drei Beinen.

    Und mir stellte sich wieder die Frage, ob es wirklich zwingend nötig ist, immer mehr Hindernisse ins Gelände zu klotzen; und damit es nicht ganz so teuer wird, Dutzende von den schmalen, kleinen Dingern, die dazu noch extrem trickreich angeordnet werden, nur um immer spektakulärere Bilder zu bekommen.

    Vielleicht tun wir Ros Canter ja auch Unrecht, was ihre abendlichen Aktivitäten angeht:
    Menschen reagieren unter Schock oft sehr unterschiedlich. Wer weiß, ob sie die Flucht in eine Ablenkung und Verdrängung des Geschehenen gebraucht hat. Solche Schock-Erlebnisse führen ja häufig zu der Frage, ob das alles für einen noch Sinn macht, ob man weitermacht, oder sogar mit dem Sport aufhört.

    Noch mehr drängt sich mir die Frage auf, wie die Medien darauf reagiert haben. Ich hatte schon den Eindruck, dass der neuerliche Unfall tendenziell lieber totgeschwiegen werden soll, um den Sport selbst in der Öffentlichkeit nicht noch weiter in die Kritik zu bringen. „Er wurde erlöst!“ Das soll wohl irgendwie tröstlich klingen.

    Ähnlich wurde auch mit dem Hengst Quantaz und seinem blutenden Maul verfahren. Ich weiß nicht, ob ich mich vielleicht verguckt habe, aber ich hatte den Eindruck, dass der Hengst die ganze Prüfung über, immer das Maul aufsperrte. Ich empfand das als Zeichen seiner Unzufriedenheit mit dem Gebiss, oder/und mit der Zügelführung und den Hilfen seiner Reiterin. Ein blutendes Maul zu bagatellisieren, ohne nach den Gründen dafür zu suchen, finde ich für die Akzeptanz des Reitsports in heutiger Zeit nicht gerade förderlich. Es war gut, dass hier zum Wohl des Pferdes abgeklingelt wurde, auch wenn es vielleicht als Majestätsbeleidigung aufgenommen wurde.

    Übrigens, gab es ein offenes, aufgesperrtes Maul bei vielen anderen Pferden in Aachen auch, selbst wenn sie unter ansonsten stilistisch fein agierenden Reitern liefen. Sogar deutlich heraushängende Zungen sah man, besonders im Springen. Da ist es besonders gefährlich, weil sich die Pferde die Zunge unter Umständen abbeißen können bei einer Landung nach dem Sprung. Sowas müsste eigentlich von den Richtern schwerer geahndet werden. Ein Pferd mit deutlichem Zungenfehler, sollte nicht auf S-Niveau gehen, finde ich. Da stimmt was mit der Grundausbildung nicht, und müsste erst einmal nachgearbeitet werden.

  3. Rauf-Vater

    „Wie viele Pferde sterben bei Vielseitigkeit?
    Obwohl die Forschungsarbeit die Risiken des Vielseitigkeitssports für Pferde nicht beleuchtet, berichtet O’Brien, dass seit Juni 2005 zumindest 74 vierbeinige Athleten während oder unmittelbar nach Geländeprüfungen zu Tode kamen. Das sind durchschnittlich sieben pro Jahr.“
    22 feb. 2016- seitdem sind zig hinzu gekommen!
    Wozu ist das also gut in dieser Form??Um die Sensationsgier zu befriedigen? Viele Tierärzte haben eine eindeutige Meinung zu diesem „Sport“. Wer den Distanzsport (zu Recht) verurteilt, kann hier nicht verharmlosen. Oder doch- weil fRau Pochammer selbst ein Pferd in diesem „Sport“ laufen hat?


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