Eindrücke von der Geländestrecke der Vielseitigkeits-EM in Avenches

AVENCHES – FEI Eventing European Championship 2021

Auf dieser Rennbahn geht es morgen in Avenches um EM-Medaillen. (© www.sportfotos-lafrentz.de/Stefan Lafrentz)

Präzision, trittsichere Pferde und clevere Reiter – das sind die Zutaten, die morgen gefragt sein werden auf der Geländestrecke der Europameisterschaften in Avenches, wie Gabriele Pochhammer berichtet.

Die Meinungen sind wie immer geteilt über den 5.768 Meter langen EM-Kurs auf der Rennbahn auf dem Gelände des IENA (Instituts Equestre National Avenches) in Avenches, 40 Kilometer von Bern. Manche Reiter wollten sich noch nicht festlegen, wie sie die 32 Hindernisse, die Parcourschef Mike Etherington-Smith auf die Rennbahn gestellt hat, meistern wollen, andere haben schon eine festen Plan.

Co-Aufbauer Marin Plewa nahm sich die Zeit, morgens um halb neun mit mir einmal die Strecke abzufahren. Da ist noch alles ruhig, wir sind fast alleine. Zwei Trabrennfahrer drehen ihre Kreise auf der Sandbahn, ein junger Mann joggt auf der Strecke, auch durch den letzten Teich – mit Sneakers. Es ist Christoph Wahler. Er will wohl ganz sicher gehen, wie sich der Boden anfühlt, auch wenn er dabei nasse Füße bekommt.

Das Geläuf ist mehr oder weniger topfeben, sieht man von ein paar kleinen Kunsthügeln ab. Perfekter federnder Rasen wechselt sich mit ebenso perfekter Sandpiste ab, wobei der häufige Wechsel zwischen beiden Bodenarten schon etwas Kopfzerbrechen verursacht.

Die Strecke enthält naturgemäß mit vielen Wendungen, geht ja auch nicht anders, wenn man nur das Rennbahngelände und das angrenzende Trainingsareal zur Verfügung hat. „Das alles geht auf die Beine, man braucht also ein ganz gesundes Pferd“, sagt der designierte Bundestrainer Peter Thomsen.

Keine Aufgabe gilt als unlösbar, aber ein Problem könnte die Zeit werden, da die Pferde häufig aus dem Tempo genommen und neu angeschoben werden müssen. Es gibt nur eine längere Galoppstrecke, nicht wirklich ein Kurs, der sich flüssig reiten lässt, ist die Meinung vieler Reiter. Obwohl es ja schon so manches Mal am Ende ganz anders lief als gedacht.

Die Hindernisse

Nach einem freundlichen einladenden „Obstoxer“ zum Anwärmen folgt ein aus einer Wendung anzureitende Rennbahnsprung, also eine Buschhecke zum Wischen. „Rennbahnsprünge sind für unsere Pferde nicht so einfach“, sagt Bundestrainer Hans Melzer. „Die meisten Pferde kennen sie nicht mehr, wenn mal eine Buschhecke vorkommt, dann ist sie meist nur schmal.“ Die Gefahr bestehe, dass Pferde versuchten aufzusetzen und dann ein Bein reinstecken, was im besten Fall mit einem Runterfaller des Reiters endet. Es ist schon 20 Jahre her, dass die Rennbahnstrecke zu jeder langen Prüfung gehörte und diese Hindernisse für die Pferde eine Selbstverständlichkeit waren.

Nach einem breiten Oxer aus gut sichtbaren hellgrauen Holzteilen folgt mit Hindernis 4ABC die erste etwas knifflige Aufgabe: ein Baumstammoxer, leicht bergab auf ein schmales Coffin zu, dann, fast im rechten Winkel, das dritte Element, ein Baumstamm mit Hecke.

Nach einem Rechtsschlenker geht über den ersten von mehreren Tischen, reelle Hochweitsprünge, die sauber und passend angeritten werden müssen. Danach geht es auf zwei Hindernisse zu, die von vielen Reitern als besonders tricky empfunden werden: die beiden sehr schräg versetzten Hecken 6 und 7. Vor allem die erste Hecke ist sehr breit, da muss das Pferd schon vermögend abdrücken. Um eine gute Linie zu finden, rät Dr. Annette Wyrwoll, Olympiareiterin 2000: „Die beiden linken weißen Flaggen müssen eine Linie bilden, dann geht’s.“

Es folgt leicht bergauf ein mit Milchkannen dekorierter Tisch, danach als Nummer neun auf einem kleinen Hügel ein Tiefsprung mit folgendem Buschhecke. „Da ist es wichtig, das Pferd schnell wieder an den Hilfen und auf dem Hinterbein zu haben“, so Annette Wyrwoll.

Dasselbe gilt für den folgenden Sprung, die „Flower Boxes“, Tiefsprung mit zwei folgenden mit rosa Hortensien dekorierten schmalen Sprüngen. Nach einer weiteren mit vier Sprüngen bestückten Linksvolte geht es wieder leicht bergauf über ein kleines Haus. Nach „Christine’s Corner“, einer weiteren Buschhecken-Ecke hat der Reiter die erste Hälfte geschafft.

Über eine Buschhecke geht es an Hindernis 17 ins Wasser, und wieder heraus. Es folgen drei respektable Hochweitsprünge mit verschiedenem Dekor, als Weinbar, als Holzstapel und als Imkerei mit Bienenkörben.

Nach dem zweiten Wasser folgt eine Kombination aus kleinen Schweizer Häuschen. Einem Tiefsprung mit einer massiven Palisade folgt die „Kubota Challenge“, eine Ecke über einem trockenen Graben. „Ein Mutsprung für den Reiter“, sagt Bundestrainer Hans Melzer. „Ich habe beim Abgehen gar nicht in den Graben reingeguckt“, sagt Anna Siemer, „sondern nur auf die obere Stange. Dann ist es ein ganz normaler Sprung.“

Eine Linkskringel um das dritte Wasser, bei dem der Reiter einmal seinen eigenen Weg kreuzt, läutet die letzte Phase ein. Der direkte Weg geht über zwei blauweiße Teile. Wie bei fast allen etwas anspruchsvolleren Hindernissen wird auch hier eine Alternative angeboten. Noch zwei Hochweitsprünge und der Reiter ist zuhause.

„Es steht nichts da, was unsere Pferde nicht schon gesehen haben“, sagt Hans Melzer, „aber weil man die Pferde immer wieder in den Wendungen und vor den Hindernissen zurücknehmen muss, wird die Zeit von 10:07 nicht leicht zu schaffen sein.“

Morgen Abend wissen wir mehr. Die Starterliste fürs Gelände sowie die Dressurergebnisse (ausführlicher Bericht folgt) finden Sie unter www.rechenstelle.de.