FN-Interview mit Peter Thomsen: „Oben zu bleiben, ist das Schwerste“

Jumping – Pratoni del Vivaro 2022

Deutschland ist Mannschafts-Weltmeister in der Vielseitigkeit 2022! (© hippofoto.be/Caremans)

Peter Thomsen hat seine erste Saison als Bundestrainer der deutschen Vielseitigkeitsreiter hinter sich und zieht im Interview mit der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) ein Fazit.

Die FN bzw. das Deutsche Olympiade-Komitee für Reiterei (DOKR) ist ja quasi Peter Thomsens Arbeitgeber. Der kann zufrieden sein nach den Weltmeisterschaften in Pratoni del Vivaro, wo Deutschland den Mannschaftstitel gewonnen hat und Julia Krajewski zudem Einzelsilber mit ihrer Olympia-Stute Amande de B’Neville. Zudem zählt die FN 22 Paare, die die formelle Qualifikation für eine Teilnahme an den Europameisterschaften 2023 in der Tasche haben.

Hier nun das Gespräch mit der FN, in dem Thomsen ein Saisonfazit zieht und erklärt, wie der weitere Weg aussehen wird.

Eine Saison mit einer außerordentlichen Erfolgsbilanz liegt hinter Ihnen. Hatten Sie das so erwartet?
Peter Thomsen: Erwartet habe ich das nicht, aber wir alle –  Reiter, Trainerteam, der Vielseitigkeitsausschuss – haben daran gearbeitet, wieder an die Weltspitze zurückzukehren, was uns ja auch gelungen ist. Ich hoffe, dass das keine Eintagsfliege war, denn unser Ziel ist es natürlich, uns langfristig auf den Podiumsplätzen zu etablieren. Aber wie es schön heißt: Nach oben zu kommen, ist schwer, oben zu bleiben, ist das Schwerste.

Gab es etwas, worüber Sie sich besonders gefreut haben?
Peter Thomsen: Am meisten gefreut habe ich mich, dass bei den Weltmeisterschaften der Teamgedanke so im Vordergrund stand und auch von allen gelebt wurde. Sowohl von den Reitern als auch vom neuen Trainerteam mit Anne-Kathrin Pohlmeier, Rodolphe Scherer und Marcus Döring. Alle – das ganze Team im Hintergrund inklusive Pferdebesitzer – haben an einem Strang gezogen. Jeder hat sich in den Dienst der Mannschaft gestellt. Das macht die Qualität von Siegern aus, denn am Ende zählt jedes Zehntel.

Die Nominierung von Alina Dibowski hat es bereits erahnen lassen: Sie und der Ausschuss Vielseitigkeit haben auch den Nachwuchs im Blick. Zu den EM-Qualifizierten für 2023 gehören eine ganze Reihe von U25-Reitern. Welche Chancen räumen Sie ihnen ein, bei den EM in Le Pin au Haras in Frankreich (9. bis 13.August 2023) an den Start zu gehen?
Peter Thomsen: Zunächst einmal haben wir haben das Glück, dass es für alle unsere Topreiter das oberste Ziel ist, am Championat teilzunehmen. Den Ausschlag darüber, wer letztendlich nach Frankreich fahren wird, geben nach wie vor die erbrachten Leistungen und die Formkurve im Jahr 2023. Weitere Entscheidungskriterien sind der Fitness- und Gesundheitszustand des Pferdes, die mentale und physische Belastungsbarkeit des Reiters und natürlich die Erfahrung von Reiter und Pferd im Hinblick auf die konkreten Anforderungen, die beim jeweiligen Championat zu erwarten sind. In diesem Jahr in Pratoni war uns vor allem die Geländeleistung wichtig, denn es ging um die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Paris. 2024 brauchen wir dann Paare, die die gesamte Prüfung deutlich unter 30 Minuspunkten beenden können. Bei den letzten Europameisterschaften hatte auf dem Podium keiner mehr als 25 Minuspunkte. Für die Nominierung bedeutet das, dass jeder Reiter, der sichere Topergebnisse in Dressur, Gelände und Springen abliefern kann, eine Chance hat – egal ob er 25 oder 60 Jahre alt ist.

Die Championatsplätze sind ja leider begrenzt. Welche Alternativen gibt es für diejenigen, die keinen bekommen haben?
Peter Thomsen: Um zum Championat zu kommen, muss man Kontinuität an den Tag legen und zeigen, dass man es kann. Aber es gibt sehr viele Zwischenziele. Für mich war und ist es beispielsweise immer eine Ehre, im Nationenpreis für Deutschland zu starten. Grundsätzlich mache ich mit allen Reitern eine Saisonanalyse. Dann erzählen sie mir, was sie im kommenden Jahr vorhaben, und wir machen daraus gemeinsam einen Plan.

Es gab einmal eine interne Vorgabe, dass bei der Vergabe von Championatsplätzen, Paare mit Fünf-Sterne-Erfahrung bevorzugt werden. Gilt dies noch und gibt es schon Planungen fürs kommende Jahr?
Peter Thomsen: Dadurch, dass wir über 20 Paare mit Vier-Sterne-Platzierungen haben, können wir uns wieder erlauben, diese auch in Fünf-Sterne-Prüfungen starten zu lassen. Wenn man nur zehn Pferde hat, muss man sich das schon überlegen, wenn man die Besten dann auch noch zum Championat schicken möchte. Ein gutes Fünf-Sterne-Ergebnis ist auf jeden Fall sehr positiv und unterstreicht die Championatstauglichkeit. Wer wo startet, haben wir aber noch nicht festgelegt, sondern werden für jeden Einzelnen einen passenden Plan erarbeiten. Wichtig ist, dass wir zum Nennungsschluss am 15. Juli einen möglichst großen Pool an Paaren haben, aus denen wir die Besten auswählen können.

Gibt es einen offiziellen Sichtungsweg für 2023?
Peter Thomsen: Wie schon gesagt, werden wir den Sichtungsweg mit den einzelnen Reitern besprechen. Erfreulicherweise dürfen wir in Le Pin au Haras wieder sechs Paare an den Start bringen. Die Saison beginnt im Februar und März mit einem Lehrgang für die Kaderreiter in Warendorf, danach werden wahrscheinlich einige Paare zur Fünf-Sterne-Prüfung in Lexington in die USA reisen (25. bis 30. April, Anm. d. Red.). Die EM Sichtungen sind individuell nach Absprache mit den Reitern in Marbach, Baborowko/Polen, Luhmühlen, Aachen und Mitte Juli in Jardy/Frankreich, danach wird die Longlist nominiert. Die endgültige Entscheidung fällt im Rahmen eines Longlist-Lehrgangs in Warendorf vom 24. bis 27. Juli. Dem eigentlichen EM-Start ist dann noch ein Shortlist-Lehrgang in Deauville in der Nähe des Austragungsortes vorgeschaltet.