Schwanensee oder flügellahm?

Jörn-Warners-Blog-2019

Jörn Warner bloggt aus Großbritannien, wo er bei Vielseitigkeitsreiter Chris Burton trainiert. (© Petra Boschen)

Pferdewirtschaftsmeister Jörn Warner musste seinen Trainingsaufenthalt bei Christopher Burton nach einem Sturz auf der Geländestrecke unfreiwillig unterbrechen. Das gebrochene Schlüsselbein hielt ihn aber nicht allzu lange vom Reiten ab … einem Neopren-Helferlein sei dank!

Bewundernd stehe ich vor Jack, der in seinem Kinderwagen sitzend die herrlichsten Verbiegungen absolviert. Chris Burtons sechs Monate alter Sohn steckt sich ohne große Probleme seinen dicken Zeh in die Nase. Daneben fühle ich mich wirklich wie ein alter Mann. Selbst im gesunden Zustand berühren meine Hände nicht den Boden, wenn ich die Knie ehrlich durchdrücke. Von meiner derzeitigen Beweglichkeit brauch ich wohl gar nicht erst zu sprechen. Doktor Matthias Kemnitz hat mich in Hamburg zwar wieder gut zusammengeflickt – sieben Schrauben und eine reelle Metallplatte sollten dieses kleine Knöchelchen wohl ausreichend stabilisieren – aber an kunstvolle Verrenkungen ist noch nicht zu denken.

Die Liste der Dinge, die ich nicht tun darf ist länger, als die Liste der Dinge, die erlaubt sind: Ich soll nicht schwer heben. Aber was ist jetzt genau schwer? Ein Futtersack oder doch schon der Sattel? Dressurbetont natürlich! Ich soll nicht misten. Das wurde mir explizit so gesagt. Dem möchte ich mich natürlich nicht wiedersetzen. Meinen linken Arm soll ich nicht über 90 Grad anheben. Was das Satteln und Trensen meiner Pferde wirklich schwierig macht. Kurz denke ich dann an Jack und seine enorme Beweglichkeit. Wann habe ich meine nur verloren?

Bitte nicht runterfallen

Allerdings erwähnt mein Unfallchirurg in meinem Entlassungsbrief nicht, dass ich nicht reiten dürfte. Ich meine das freut mich enorm, denn von meinen früheren Knochenbrüchen weiß ich, dass ich spätestens nach der dritten Woche Reitverbot extrem anstrengend für meine Mitmenschen werde. Dennoch frage ich lieber einmal nach. Die Originalantwort: „Ihr Reiter steigt doch sowieso wieder aufs Pferd, sobald ihr das Krankenhaus verlassen habt. Da machen wir uns keine Illusionen mehr. Um aber das Schlimmste zu verhindern, bekommen Sie eine Spezialweste angefertigt. Tun Sie mir bitte nur einen Gefallen – nicht runterfallen!“ Diesen Wunsch erfülle ich Doktor Kemnitz nur zu gerne.

Da mit den selbstauflösenden Fäden wirklich an alles gedacht wurde, sitze ich schneller im Flieger zurück nach England als ich es zu träumen gewagt hätte. Im Gepäck mein maßangefertigter neuer Freund: „Die Neoprenweste“.  Das blauorangene Ding sitzt wie eine zweite Haut, ist wasserdicht von außen (hervorragend geeignet bei englischem Landregen) und von innen (nicht so geeignet bei sommerlichen Temperaturen auf der Insel), riecht wie Neopren eben riecht und fixiert meine Schultern etwas. Nur ausziehen kann ich die Weste nicht alleine. Das beste Feature ist die Schlaufe am linken Arm die verhindert, dass ich diesen besagten 90-Grad-Winkel einnehme.


Pferdewirtschaftsmeister Jörn Warner ist mit seinen Pferden für sechs Monate nach England ausgewandert, um mit Olympiareiter und Burghley-Sieger Christopher Burton zu trainieren. In seinem Blog erzählt er aus seinem neuen Leben, von Turnierstarts im Mutterland der Vielseitigkeit, den besten Tipps eines internationalen Profis und britischen (Stall-) Gepflogenheiten.


In den ersten Tagen bin ich wirklich noch sehr artig und bleibe überwiegend am Boden. Dadurch habe ich etwas Zeit meiner näheren Umgebung mal einen Besuch abzustatten, denn wir wohnen hier in einer wirklich schönen Gegend. Oder auch als Tourist zu den British Eventing Open Championships nach Gatcombe zu fahren. Eins der anspruchsvollsten Events, die ich bis jetzt auf diesem Niveau gesehen habe. Gemeinsam mit Burto gehe ich die Strecke für das CCI4*-S ab und merke, wie gerne ich diese Prüfung geritten wäre und wie sehr es mir in den Fingern juckt selbst wieder aufs Pferd zu steigen.

Nach dem Wochenende hält mich nichts mehr zurück und ich sitze endlich wieder im Sattel. Die Schulter macht dabei überhaupt, fast gar keine Probleme und die verordneten Kühlpacks lassen sich hervorragend unter „Die Neoprenweste“ schieben. Zum Glück isoliert das Ding ja in alle Richtungen. Mal gucken, wie lange mich die Dressurarbeit auf der Ebene fesseln kann, bevor ich den ersten Sprung anreite. Ich habe ja versprochen, nicht runterzufallen!

Cheers, Jörn

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