Ermelo: Dänemarks neue Weltmeisterin St. Paris und viele weitere schöne Ritte

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Weltmeisterin der fünfjährigen Dressurpferde und nun auch dänische Jungpferde-Championesse: St. Paris v. St. Schufro unter Victoria E. Vallentin. (© www.toffi-images.de)

Diese Weltmeisterschaft der jungen Dressurpferde 2022 in Ermelo anzuschauen, hat Spaß gemacht. Selten hat man so viele harmonische und schöne Ritte gesehen und dazu faires Richten, das am Ende ein Paar nach vorne gestellt hat, von dem man ganz sicher noch viel hören wird.

Victoria E. Vallentin ist zurück. In früheren Jahren kannte man die 24 Jahre junge Dänin mit Pferden von Helgstrand Dressage. Inzwischen steht sie auf eigenen Füßen, zusammen mit ihrem Freund, der als Hengstausbilder aktiv ist. Trainiert wird sie von ihrem Vater, Søren Vallentin – „schon immer und das wird auch immer so sein“, wie sie betonte. Wie gut das funktioniert, konnte man heute Abend bei den Weltmeisterschaften der jungen Dressurpferde erleben. Dort stellte Vallentin ihr eigenes Pferd vor, die elegante Rappstute Lyngbjergs St. Paris und machte sie mit einer Endnote von 9,12 zur Weltmeisterin. Das ist nicht die höchste je bei einer WM vergebene Note. Trotzdem hat es wohl nur wenige Weltmeister der Fünfjährigen in der Geschichte gegeben, die so überzeugt haben.

Nicht nur ihre schwarze Jacke hat St. Paris von ihrem Vater St. Schufro vom Gestüt Blue Hors geerbt (Muttervater: Blue Hors Rockefeller), der mit Nanna Merrald Rasmussen dieses Jahr sein internationales Grand Prix-Debüt gegeben hat und zur siegreichen Mannschaft beim Nationenpreis in Falsterbo gehörte, auch ansonsten kann man jetzt schon sehen, dass dies eines Tages ein Grand Prix-Pferd werden dürfte.

Die Stute bewegt sich super leichtfüßig und geschmeidig mit einem unglaublich aktiven und starken Hinterbein, ausbalanciert, und wunderbar leicht und gleichmäßig in der Anlehnung. Volle Kraft voraus in der Verstärkung, das grenzt schon fast an Eile, aber sie lässt sich auch gut wieder aufnehmen – und trabt dabei aktiv untertretend weiter. Das braucht man im Grand Prix. Der Schritt fällt gegen den Trab ab, ist sicher im Takt, aber in Sachen Vor- und Übertritt gibt es welche, die das besser können. Der Galopp – springend ins Bergauf, getragen von diesem immer aktiven Hinterbein, dazu super Übergänge mit deutlicher Lastaufnahme und raumgreifende Verstärkungen. Ein wunderbares Zügel aus der Hand kauen lassen mit gewünschter Dehnung und herrlich schwingendem Rücken rundete das Bild ab. Als die beiden auf die Mittellinie abbogen, wurden sie schon mit Applaus begrüßt. St. Paris nahm es gelassen.

Die Richter waren begeistert. Wie Chefrichter Henning Lehrmann nach der Prüfung sagte: „Da kam sie als letztes Pferd rein nach den großen Hengsten und im ersten Moment mussten wir – Entschuldigung – ein zweites Mal hinschauen. Aber dann sieht man diese Eleganz und dieses Hinterbein!“ Recht hat der Mann. Und so kommentierte auch seine Kollegin Monique Peutz die Vorstellung: „leichtfüßig, elegant, immer von hinten herangeschlossen. Der Mitteltrab war vielleicht etwas eilig, aber sie ließ sich gut zurückführen.“ Eine 9,5 gab es dafür. Im Schritt war die Jury großzügig mit einer 8,5.  Im Galopp wurde moniert, dass die Stute von Zeit zu Zeit etwas eng wurde, 9,3. In der Durchlässigkeit gab es die 8,8, in der Perspektive für das „wunderbar elegante Pferd mit unglaublich gutem Hinterbein die 9,5.

Für Victoria Vallentin war dieser Sieg heute eine Überraschung, damit gerechnet habe sie nicht, aber „als die Leute auf der Mittellinie anfingen zu klatschen, dachte ich ,okay, vielleicht war das gut heute‘.“ In der Tat. Reiterin und Pferd verbindet eine Geschichte. Victoria entdeckte die Stute aus der Zucht von Bente Børjesson als Zweijährige auf der Weide und schlug zu. Inzwischen wurde die Hälfte der Stute verkauft, aber Victoria ist sicher, dass sie sie behalten kann. Worüber sie nicht nur aus sportlichen Gründen froh ist. „Sie hat so einen tollen Charakter! Sie ist ein Pferd mit An- und Ausschalter. Wenn man sie im Stall besucht, schläft sie und wenn man dann sagt, dass es losgeht, ist sie bereit. Besser geht es nicht.“ Und mit all diesen Voraussetzungen dürfte man von diesem Paar noch viel hören.

Silber für den Liebling

Platz ging mit einer Endnote von 9,06 an Leonie Richter und den Hannoveraner Hengst Vitalos v. Vitalis-De Niro aus der Zucht von Josef Bramlage und in gemeinschaftlichem Besitz von Helgstrand Dressage mit der Schockemöhle Hengsthaltung.

Auch die beiden hatten einen guten Tag erwischt, besser noch als in der Qualifikation. Der Bundeschampion des Vorjahres war in der Trabtour gut vor den treibenden Hilfen der Reiterin, sehr gleichmäßig im Ablauf, allerdings immer wieder verworfen. Im Schritt kam er gelassen zum Schreiten. Phasenweise nahm er im Galopp schon richtig gut Last auf, vor den einfachen Wechseln sprang er allerdings nicht mehr ganz durch. Immer wieder lobte Leonie Richter Vitalos für seine Kooperation. Nach einem gelungenen Zügel aus der Hand kauen lassen bogen sie auf die Mittellinie und wurden ebenfalls mit rhythmischem Klatschen empfangen.

Auch hier waren die Richter begeistert: Der Trab sehr kraftvoll, sehr schön bergauf und gleichmäßig in der Anlehnung dabei von hinten herangeschlossen und locker durch den Körper, 9,8. Den Schritt hätten sie sich etwas mehr über den Rücken gewünscht (8,5), im Galopp sprachen sie den phasenweisen Verlust des klaren Durchsprungs an, 8,6. Bei der Durchlässigkeit wurde das Verwerfen zwar thematisiert, aber es gab dennoch ein glattes Sehr gut für die Durchlässigkeit und eine 9,4 für das „sehr schöne Pferd für die Zukunft“.

Spricht man Leonie auf Vitalos an, sprudelt es nur so aus ihr heraus: „Ich war am 1. April 2021 den allerersten Tag bei Helgstrand und hab dieses Pferd noch unter einem anderen Reiter gesehen. Da war der wirklich sehr grün, also quasi gerade angeritten und lief so in der Runde und alles noch sehr lang groß. Aber ich habe da hingeguckt und dachte, was ist das? Ich konnte mir den direkt vorstellen, wie der mal aussieht und das ist genau mein Typ Pferd. Ich war superfroh, dass ich ihn dann reiten konnte. Vom Charakter her geht es einfach nicht besser. Der deckt und ist Hengst, aber da würde ich ein kleines Kind mit in den Wald schicken. Der ist aber gleichzeitig so an und fokussiert und bei mir. Ich glaube, das gibt es ganz ganz selten und genau das braucht man auch für den Sport nachher. Ich bin superfroh, dass ich ihn reiten kann.“

Wie lange das noch der Fall sein wird, weiß sie freilich nicht. Schließlich stehen grundsätzlich alle Helgstrand-Pferde zum Verkauf. „Aber er gehört ja auch zur Hälfte Paul Schockemöhle. Das ist vielleicht ganz gut“, schmunzelt sie.

Bronze für den 1,90 Meter-Hünen

Die Sieger der Qualifikation, der Oldenburger Hengst Fashion Prinz v. Fürst Romancier-Sarkozy, aus der Zucht des Gestüts Lewitz und im Besitz des Hofs Kasselmann, holte schlussendlich Bronze mit Frederic Wandres. Mit einer 9,0 musste auch er sich nur hauchdünn geschlagen geben.

Die beiden begannen mit einer super Grußaufstellung und wenn der imposante Dunkelfuchs lostrabt, gefällt seine Elastizität. Aber leider war der riesige Hengst (Wandres: „Er hat so etwas über 1,90 Meter Stockmaß“) nicht so zufrieden im Maul heute, wurde zum Teil recht stark, dann verkroch er sich wieder und Wandres musste ganz schön lavieren, um ihn vor sich zu halten. Der Schritt ist ein absolutes Highlight: fleißig, raumgreifend mit Zug zur Hand. Im Galopp gelang es Wandres heute nicht, den Hengst auf dem Hinterbein zu halten. Für den Trab gaben die Richter eine 9,3, für den Schritt die 9,7. Im Galopp bemängelten sie unter anderem die hohe Kruppe und vergaben die 8,4. Die wurde es auch in der Durchlässigkeit. Aber in der Perspektive stand dann wieder die 9 – „wenn er mehr Kraft von hinten entwickelt“.

Dass Fashion Prinz eine „sehr gute“ Zukunft vor sich hat, ist auch Wandres‘ Überzeugung. „Wir werden über den Winter daran arbeiten, dass er bereit ist für die Sechsjährigen im nächsten Jahr. Ich weiß schon, was er zuhause kann. Und auch wenn es hier und da Stimmen gibt, die bezweifeln, ob er ein Sportpferd ist. Ich weiß, er kann das jetzt noch nicht zeigen, einverstanden. Aber ich weiß, was er kann und nächstes Jahr werden wir den Zweiflern zeigen, dass sie sich geirrt haben!“

Die weiteren Platzierten

Nicht nur die Top drei begeisterten heute. Vierte wurde mit 8,88 ein Paar aus den Niederlanden, Kirsten Brouwer und die Ferguson-Vivaldi-Tochter My Precious, die noch von Titan Wilaras gezogen worden war, dem ehemaligen Arbeitgeber der Brouwers. Der hat einen guten Riecher bewiesen bei der Anpaarung.

Die hübsche Dunkelfuchsstute bewegt sich sehr elastisch und schwingend im Trab in schöner Anlehnung und aktiv von hinten. Im Schritt gute Dehnung über den Rücken mit ausreichend Vor- und Übertritt und sicherem Takt. Im Galopp könnte sie eine ausgeprägtere Schwebephase gezeigt haben und wurde heute unruhig in der Anlehnung. Im Außengalopp nach links war sie dann fast konstant Travers. Dafür aber sehr schönes Zügel aus der Hand kauen lassen!

Fünfter wurde der beim BWP registrierte Racoon v. Hero-De Niro (Z. u . B.: Arjan Bekkers) mit Franka Loos im Sattel und der 8,82 auf der Anzeigentafel. Was war das für eine schöne Trabtour eines in perfektem Rahmen präsentierten Pferdes, das die Nase praktisch immer wie gewünscht vor der Senkrechten hatte und sich herrlich zufrieden präsentierte. In der Verstärkungen könnte er mehr unterschieben, aber das ist definitiv der richtige Weg. Im Galopp vermisste man allerdings Versammlung. Die Richter lobten die Reiterin für die schöne Vorstellung und den guten Rahmen, in dem sie den Hengst präsentierte.

Rang sechs ging wieder nach Deutschland, an Lena Waldmann und Chere Celine v. Governor-San Amour aus der Zucht und im Besitz von Gisa Löwe vom Gestüt Meyenburg. 8,78 wurden es hier. Auch hier: im Trab schön in der Anlehnung, super Takt, super elastisch durch den Körper, viel Abdruck und natürliche Kadenz. Die Verstärkungen sind allerdings eher laufend(9,0). Großzügiger Schritt mit guter Dehnung und über den Rücken (9,5). Warum die Richter für die Galopptour „nur“ eine 8,2 gaben, begründeten sie mit Balanceverlust im Außengalopp links.

Auch auf Rang sieben stand ein deutsches Pferd: die Bundeschampionesse vom letzten Jahr, Feine Bella v. Fürstenball-Bordeaux aus der Zucht der ZG Artmeier, Becker, Delling, Wibbecke, die nach ihrem Triumph in Warendorf an Helgstrand Dressage verkauft worden war. So steht nun diese Westfalen-Stute in Dänemark, hat mit Eric Guardia Martinez aber einen spanischen Reiter, der sich alle Mühe gibt, sie fein zu präsentieren. Trotzdem wünschte man sich, dass die Stute mehr über den Rücken von hinten in die Hand hinein schwingen würde. Vieles ist aber auch sehr schön, etwa der unerschütterliche Takt und die Leichtfüßigkeit im Trab und der raumgreifende Schritt. Alles in allem wurde es eine 8,68 trotz eines Ausfallens im Außengalopp und unruhiger erster Grußaufstellung.

Ein ganz beeindruckendes Pferd ist der Schwede Be Allex v. Ampere-Dalwhinnie unter der ebenfalls schwedischen Reiterin Jeanna Hogberg. Er war gleich zweites Pferd. Wäre er später dran gewesen, hätte er womöglich noch mehr Punkte bekommen. So wurden es 8,58 im Mittel. Wobei er gerade zu Anfang recht eng in Kopf- und Halseinstellung war. Aber er war trotzdem vor der Reiterin, schwang durch den ganzen Körper (und wie!) und wirkte keineswegs „gemacht“. Energisches Abfußen mit natürlicher Kadenz, dabei immer im Takt – außer in der letzten Verstärkung. Der Schritt ist großzügig, der Galopp wunderbar elastisch und springend. Im Außengalopp kam er leicht auf die Vorhand. Aber ähnlich wie bei der Siegerin gilt: Mit dem aktiven Hinterbein dürften ihm Piaffen und Passagen leicht fallen!

Auf Rang neun reihte sich mit 8,52 die Oldenburger Stute Fille d’Or unter Lisa Marie Koch ein, auch sie eine St. Schufro-Tochter, hier in der Anpaarung mit Don Schufro (Z. u. B.: Mireille Segatz-Bunte). Die kleine, feine Stute ist kein Bewegungswunder, bot mit ihrer gut sitzenden und fein einwirkenden Reiterin aber ein wunderschönes Bild. Explizit hoben die Richter die gute Ausbildung hervor und das gleich mehrfach.

Den Abschluss der Top Ten bildeten die niederländische WM-Bronzemedaillengewinnerin Dinja van Liere und der schicke KWPN-Hengst Mauro Turfhorst v. Zonik-Negro (Z.: Greve, B.: Reesink Horses/Stoeterij Turfhorst). Der Hengst zeigte sich taktsicher, elastisch, leichtfüßig und gleichmäßig sowie auch leicht in der Anlehnung. In der Galopptour kam er gegen Ende allerdings auf die Vorhand, worunter auch der letzte Wechsel litt. Alles in allem gab es eine 8,46 für die beiden.

Die weiteren deutschen Paare, Charlott-Maria Schürmann auf dem Hannoveraner Livaldon-Fürstenball-Sohn Life Time (Z.: , 8,38), Leonie Richter und In My Mind v. Ibiza (Z.: Franz-Georg Ottmann, 8,2) und Manuel Dominguez Bernal (okay, der ist Spanier, arbeitet aber in Deutschland bzw. bei Helen Langehanenberg) mit Gallerias Summerville v. Sezuan-Diamond Hit (Z.: 7,92) landeten auf den Plätzen 13 bis 15. Sowohl Life Time als auch In My Mind hatten heute nicht den besten Tag erwischt mit einigen Fehlern. Bernal und dem Sezuan-Sohn hätte man sich eine etwas großzügigere Notenvergabe gewünscht. Der Wallach wurde in wunderbarer Anlehnung präsentiert und Bernal ritt mit bewunderswertem Gefühl und Geschick.

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