Kommentar Bundeschampionat 2020: Wir brauchen andere Noten!

Kommentar-Jan-Toenjes

Bundeschampionat 2020 (© www.st-georg.de)

Die Startfelder der Dressurpferdeprüfungen beim Bundeschampionat ufern aus. Und die Richter platzieren viele Starter auf demselben Platz. Sie können gar nicht anders, weil wir andere Noten brauchen.

Vermutlich ist es eine Auszeichnung, wenn man als Richter zum Bundeschampionat eingeladen wird. Das ist ein Job, bei dem man viel Verantwortung trägt. Sicherlich sollte jedes Richterurteil, auch das in einer E-Dressur oder einem A-Stilspringen, wohl durchdacht sein. Aber die Juroren, die in Warendorf zum Einsatz kommen, sind Trendsetter. Was sie gut finden, bzw. gut bewerten, das setzt Standards. Und nebenbei ist es natürlich eine doppelte Marketingbotschaft, die von den Noten ausgeht. Hengste werden zu Viel-Deckern, Championatsfinalisten steigen im Wert. Zumindest im Dressurbereich. Im Springen ist es nach wie vor so, dass man sich mit dem Qualitätssiegel „qualifiziert“ begnügt. Das sagt etwas aus über das Springpferd. Aber dessen Leistungszenit liegt zeitlich noch relativ weit entfernt. In Aachen ist es egal, ob jemand mal „stangenkotzend“ eine 9,2 als Fünfjähriger erhalten hat. Eine Neun in einer Dressurpferdeprüfung mit vielen Zuschauern, Atmosphäre und Trubel ist da schon dichter dran am richtigen Leben eines zukünftigen Sportlers.

Im Finale der sechsjährigen Dressurpferde gab es beispielsweise drei Achtplatziert, drei Elfte, zwei 14. und zwei 17. Bei den Fünfjährigen waren es zwei Vierte, zwei Sechste, zwei Achte und sechs Zehntplatzierte. Vorne war das Differenzieren einfach, auch weil die Favoriten den Richtern das ein oder andere Moment bescherten, das hilfreich war, um das Feld auseinander zu bekommen.

Dressurpferdeprüfungen solange noch Tageslicht da ist

Die Teilnehmerfelder der fünf- und sechsjährigen Dressurpferde sind die größten im Bereich der Vierecksentscheidungen. Gerade ein Außengalopp und eine Kurzkehrtwendung stellen noch keine zu große Klippe dar. Da wird bei den Qualifikationen landauf, landab auch mal die Acht gezückt – „qualifiziert“, entzückend. 49 Sechsjährige und sage und schreibe 76 Fünfjährige. Darf’s noch ein bisschen mehr sein? Bitte nicht!

Um nicht falsch verstanden zu werden. Es geht nicht darum, die Leistung derjenigen, die es nach Warendorf geschafft haben, zu schmälern. Viele haben einfach Spaß an der Reise ins Münsterland. Die grünen Maisfelder rund um das Gelände des Olympiastützpunkts sind für viel das, was die Palme vor dem Stammhotel auf Mallorca ist: Ein untrügliches Anzeichen, dass der Jahresurlaub begonnen hat. Man hat doch gerne Konstanten im Leben. Noch andere wiederum, erleben ein besonderes Warendorf: Erstmals qualifiziert, wo möglich noch mit einem eigenen Zuchtprodukt oder einem Pferd, das man komplett selbst ausgebildet hat. Das ist was Besonderes.

Und gerade diese Momente verdienen eben auch besonders guten Richtens. Nein, es folgt keine Richterschelte. Aber auf dem Terrain des zuschauerbefreiten Corona-Bundeschampionats hört man noch häufiger als sonst Gesprächsfetzen – zwar nicht nur Masken, aber mit Abstand, versteht sich. Tenor: „Jetzt haben DIE“, turniererfahrene Menschen wissen, gemeint sind die Richter, „den Vierten mit ner 8,3“. Recht scheinen diejenigen zu haben, die sich fragen, ob es denn nicht differenzierter geht. Aber Moment! Wie soll denn differenziert werden, bei dem zur Verfügung stehenden Instrumentarium?

Darum brauchen wir andere Noten

Zur Erinnerung: Die Richter dürfen nur ganze oder halbe Noten geben. So ist das einmal beschlossen worden. Die Erfahrung nicht nur dieses Bundeschampionats aber zeigt: Das reicht nicht. Nicht zu differenzieren. Konkret: Ein Pferd trabt auffällig, locker, über den Rücken, der Takt bleibt auch auf gebogenen Linien erhalten. Links allerdings etwas weniger gut als rechtsherum. In dieser Trabtour gibt es Momente für ein 9,0, auch welche für eine 8,0. Die sehr guten (9,0) überwiegen Aber die Momente auf der rechten Hand sind eben auch da. Es fühlt sich für die Richter an wie eine 8,7 – schon fast „sehr gut“. Fast. Mit dem aktuellen Bewertungssystem bleibt nur der Griff zur 8,5. Da haben die Richter vermutlich nur ein bedingt gutes Gefühl. Erst recht wenn sie wissen, dass sie doch drei Ritte zuvor einen 8,3-Trab-Kandidaten ebenfalls mit einer 8,5 bedacht haben. Sprich:

Selbst wenn die Richter differenzierter bewerten wollten, bindet ihnen das bestehende System die Hände.

Nun wird es solange auch nur ein Dressurpferd sich in irgendein Viereck verirrt immer Diskussionen über die Richterurteile geben. Geschmack, Politik, Inkompetenz … Hinlänglich bekannte Argumente in diesen Gesprächen. Für die Qualifikationsprüfungen reicht die bestehende Regel aus. Aber im Finale ballt sich die Qualität. Da muss es andere Möglichkeiten der Beurteilung geben.

Ganz sicher würde beim Heranziehen der kompletten Notenskala auch dann diskutiert werden. Sicherlich wird sich jemand fragen, ob die 8,6 im Trab des Ritts um 9.22 Uhr nicht eher wie die 8,4 des 17.43 Uhr-Ritts aussah.

Aber auf diese Diskussionen sollten wir uns einmal einlassen, meinetwegen zunächst probehalber. Alle aktiven Vier- und Zweibeiner hätten es verdient.

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  1. Müller

    Eine gute Idee Herr Tönjes!
    Doch bevor man an ein anderes Notensystem denkt, sollte man vorab vielleicht lieber einmal darüber nachdenken, neutrale Richter im Einsatz zu haben, die auch lahmende Pferde richtig beurteilen und vor allem nicht die Reiter, Trainer und Besitzer der Pferde, die sie beurteilen, nach der Käuflichkeit fragen.

  2. Carmen Fischer

    Natürlich kann man das Notensystem überdenken, oder aber auch die Starterfelder begrenzen…..
    Ich finde wir sollten uns durchaus die Frage stellen, ob das menschliche Hirn wirklich fair und genau über viele Stunden richten kann.
    Es ist nunmal schwierig, den 1. Ritt nach 3-4 Stunden noch wirklich objektiv mit dem letzten Ritt, auf die Nachkommastelle, vergleichen zu können. Deswegen ja nur halbe und ganze Noten…..
    Da beißt sich die Katze irgendwann in den Schwanz.
    Vieleicht beides?
    Kleinere Starterfelder und dann differenziertere Noten?
    Und einen gut dotierten Sonderpreis für vorbildliches Reiten (Prüfungs- und Abreiteplatz) in jeder Prüfung bitte, vieleicht sieht man dann noch mehr schöne, faire Bilder 😉

  3. Jan Tönjes

    Volle Zustimmung. Was die viel zu großen Startfelder anbelangt – deswegen die Aufzählung der Starterzahlen. Den Sonderpreis gab es in jeder Prüfung. Wir haben ihn nur nicht jedesmal extra erwähnt. Entscheidender ist, dass auch schon bei den Qualifikationsprüfungen so auf dem Arbeitsplatz und dem Prüfungsviereck hingeschaut wird, als ging es auch hier primär darum, einen Preis für vorbildliches Reiten.

  4. Berndride

    Mehrfachplazierungen sind hier unvermeidlich! Wenn ich auf dem BUHA 100 Pferde habe die alle in der Vorauswahl korrekt mit 8,0 bis 9,0 bewertet wurden, dann müssen bei Noten mit einer Nachkommastelle jeweils 10 auf einem Platz sein. Selbst wenn wir annehmen, dass es da immer noch eine statistische Verteilung zugunsten kleinerer Noten gäbe, ist es unvermeidlich mehrere auf denselben Platz zu setzen. Natürlich kann man jeweils 5 Noten geben und die dann mitteln. Dadurch enstehen noch mehr Nachkommastellen. Das führt aber nur zu der Aussage, dass ein Pferd mit 8,53 besser ist als eines 8,52. Ist das sinnvoll?
    Je mehr Pferde wir nehmen, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich manche nicht mehr wesentlich in der Qualität unterscheiden. Bei 1000 Pferden mit über 8,0 wird es einfach viele geben die nun mal gleich gut sind!
    Bei rein sportlichen Leistungen in einer schweren Prüfung entscheiden noch Tagesform, Präzision, Glück, Können der Reiter usw. wer heute die Nase vorn hat, aber beim BUCHA soll ja die Qualität der Pferde beurteilt werden, und da sind nun mal viele sehr gut.


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