Die neuen Leitlinien und die Körungen der Zukunft – Interview mit Dr. Klaus Miesner

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Impression von der Holsteiner Körung 2020 in den Holstenhallen von Neumünster. (© Janne Bugtrup)

Die neuen Leitlinien für Tierschutz im Pferdesport sind inzwischen in Kraft getreten. Wie wirkt sich das nun auf die Junghengstkörungen der Zukunft aus? Darüber haben wir mit Dr. Klaus Miesner gesprochen, dem Leiter der FN-Abteilung Zucht.

St.GEORG: Nun sind die neuen Leitlinien zum Tierschutz im Pferdesport in Kraft. Eigentlich könnten demnach keine zweieinhalbjährigen Hengste mehr zur Körung vorgestellt werden – zumindest nicht, wenn sie vor den Vorauswahlen auch vorbereitet werden sollen. Wie wird das denn nun gehandhabt?

Dr. Klaus Miesner: Die Zuchtverbände haben sich unter dem Dach der FN ausführlich mit den Inhalten der neuen Leitlinien auseinandergesetzt. Eine Arbeitsgruppe hat das bisherige Körsystem hinsichtlich Anforderungsumfang, Vorbereitungsintensität und Art der Präsentation bei Vorauswahlen und Körungen hinterfragt. Im Ergebnis sind vier zeitlich und inhaltlich unterschiedliche Szenarien für die zukünftigen Körungen entwickelt und notwendige Konsequenzen mit Blick auf die Leitlinien zusammengetragen worden. Konkret geht es um folgende vier Szenarien, die sich alle hinsichtlich Zeitpunkt und Anforderungen voneinander unterscheiden, beginnend bei einer Herbstkörung von Zweieinhalbjährigen an der Hand (Herbst I: Zeitpunkt frühestens ab November und keine Teilnahme von im Juli oder später geborenen Hengsten), einer Frühjahrskörung von Dreijährigen an der Hand (Frühjahr I), einer Frühjahrskörung von Dreijährigen unter dem Sattel (Frühjahr II: Zeitpunkt frühestens ab April) sowie einer Herbstkörung von Dreijährigen unter dem Sattel. Auf dieser Basis werden die Zuchtverbände nun ihre Entscheidungen in ihren Gremien treffen.

 

St.GEORG: Unseren Informationen nach gibt es bei den Verbänden sehr unterschiedliche Pläne. Welche sind das und wieso konnte man sich da nicht einigen?

Dr. Klaus Miesner: Nach einer ersten Umfrage bei den Zuchtverbandsvertretern in der Dezembersitzung 2020 hat sich für mich auch ein unterschiedliches Meinungsbild ergeben. Zu dem Zeitpunkt waren die meisten Verbände allerdings noch in der Diskussion. Zum jetzigen Zeitpunkt kann die FN deswegen nicht genau sagen, welches Szenario von welchem Verband umgesetzt werden wird. Wir wissen aber, dass alle Varianten im Gespräch sind: von der Verschiebung um wenige Wochen bis zur Verschiebung um ein Jahr. Die auf demselben Markt konkurrierenden Zuchtverbände können und wollen die Zuchtverbände für das eigene Zuchtprogramm ihre Entscheidung selber treffen.

 

St.GEORG: Was wäre der Vorschlag der FN?

Dr. Klaus Miesner: Grundsätzlich sind aus Sicht der FN alle vier Szenarien geeignet, sofern die Regelwerke und Richtlinien der FN sowie die Leitlinien des BMEL beachtet und eingehalten werden. Bei den Szenarien Herbst I (Körung an der Hand) und Frühjahr II (Körung unter dem Sattel) ist natürlich besondere Sorgfalt und Achtsamkeit gefordert, damit Überlastungen körperlicher und psychischer Art bei den jungen Hengsten unterbleiben. Deswegen waren sich die Zuchtverbände beim Szenario Herbst I einig, dass es neben der zeitlichen Verschiebung auf frühestens November auch einer Reduzierung der Inhalte und Intensitäten bei den Vorauswahlen und der Körung bedarf und ein Umdenken bei der Durchführung und für die Vorbereitung von Körungen erfolgen muss.

Idealerweise lassen sich bei einer Körung die natürlichen Anlagen eines Hengstes und dessen Genetik in Bezug auf die gewünschten Leistungsmerkmale möglichst genau erfassen. Die Herbstkörung früherer Jahre war eher eine „Exterieurkörung“ mit erster Einschätzung des Bewegungsablaufes im Schritt und Trab, bei der sich die qualitative Eignung als Reitpferd häufig nur sehr ungenau vorhersagen ließ. Über die Jahre wurde das Körsystem deswegen immer wieder überdacht. Die Abläufe beim Freilaufen und beim Freispringen wurden verändert und auch das Longieren wurde hinzugenommen. Alle Maßnahmen zielten darauf ab, ein genaueres Bild über die qualitative Veranlagung des Hengstes als späteres Reitpferd zu bekommen. Gleichzeitig veränderten sich allerdings auch Art und Umfang der Vorbereitung der Hengste. Damit wurde die Beurteilungsgenauigkeit wieder geringer, weil die tatsächliche Qualität oftmals durch die perfekte Vorbereitung und Präsentation überdeckt werden konnte. Insofern gibt es sicher gute Argumente dafür, potentielle Vatertiere in der Reitpferdezucht erst unter dem Sattel zu selektieren. Allerdings wird auch dann die Vorbereitung und der Reiter einen Einfluss auf die Vorhersagegenauigkeit haben.

Gekörte Hengste gelangen bestenfalls erst dann in den Deckeinsatz, nachdem sie ihre Eignung als Reitpferd unter dem Sattel unter Beweis gestellt haben. Das ist vorstellbar durch eine Kombination einer Körung an der Hand mit anschließender Veranlagungs- oder Sportprüfung oder eben auch in Form einer Körung unter dem Sattel, bei der sich beides miteinander kombinieren lässt. Bei beiden Varianten kommt der Verantwortung für das junge Pferd eine besondere Bedeutung zu. Aus diesem Grund wurde bei der Erarbeitung der vier Szenarien neben der Frage nach dem „wann“ auch immer die Frage nach dem „wie“ hervorgehoben. Angefangen bei der Haltung der jungen Hengste im Vorbereitungsstall, bei der gleichzeitig für ausreichende Möglichkeiten zur freien Bewegung zu sorgen ist. Bis hin zu Art und Umfang von Ausbildung und Training während der Vorbereitung, die altersangemessen und maßvoll erfolgen müssen. Ebenso ist bei der Überprüfung der Beurteilungsmerkmale bei der Körveranstaltung, egal ob an der Hand oder unter dem Sattel, darauf zu achten, dass die natürlichen Anlagen des jungen Hengstes erkennbar bleiben. Durch altersangepasste Aufgabenstellungen sind Überlastungen auszuschließen und unnatürliche Bewegungsabläufe strikt zu kontrollieren und zu sanktionieren.

 

St.GEORG: Es handelt sich ja „nur“ um Leitlinien, also nicht um Gesetze. Was aber, wenn sich Protagonisten nicht an die Leitlinien halten? Welche Folgen könnte das haben?

Dr. Klaus Miesner: Die FN ist davon überzeugt, dass sich alle Zuchtverbände ihrer Verantwortung und über das bei einer Junghengstkörung entstehende Spannungsfeld von züchterischer Selektion, Tierschutz und Vermarktung bewusst sind und in irgendeiner Form handeln werden. Alle Verbände waren sich schließlich einig, dass etwas passieren muss. Das Nicht-Einhalten von Leitlinien könnte zur Folge haben, dass von behördlicher Seite vermehrt Kontrollen durchgeführt werden. Allen Zuchtverbänden muss bewusst sein, dass sie mit der Körung unter Beobachtung stehen – von außen, aber auch von innen, also durch andere Verbände, Züchter, Reiter und potentielle Käufer. Insofern ist die FN zuversichtlich, dass der im letzten Jahr teilweise schon beschrittene Weg eines strengeren Hinsehens, was die Vorbereitung und Präsentation der Hengste betrifft, erst der Anfang war. 

Vielen Dank für das Gespräch!

FN/Thoms Lehmann

Dr. Klaus Miesner ist Geschäftsführer des Bereichs Zucht unter dem Dach der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN).

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