Projekt Escobar, der „Bio-Hengst“: Körung und pferdegerechte Aufzucht – geht das?

Foto Fohlen Stand

Escobar mit wenigen Wochen auf der Weide im Züchterstall. (© Privat)

Dr. Eva Miersch ist Tierärztin und Pferdewirtin. Als sie sich letztes Jahr in ein Hengstfohlen verliebte, kam bei ihr eine Idee für ein Projekt auf, das wir begleiten dürfen.

Es geht um Escobar, nun ein Jahr alt, braun mit Stern, ein Sohn des Erdinger und damit ein Escolar-Enkel. Die Mutter mit Namen Die kleine Prinzessin stammt ab v. Delamanga-Donatelli. Bestes Dressurblut also. Dr. Eva Miersch war nicht unbedingt auf der Suche nach einem Pferd, aber in diesem Fall konnte sie nicht anders, sie kaufte den Kleinen.

Dr. Miersch ist überzeugt, Escobar hat das Zeug zur Körung. Aber ihn einem professionellen Hengstaufzüchter zu geben, kommt für sie nicht infrage. Stattdessen keimte in ihr die Idee für ein Projekt: Kann man einen Junghengst artgerecht aufziehen und ihn trotzdem fit machen für den Tag X?

Genau das versucht sie nun mit Escobar, und wir dürfen das Projekt begleiten. Regelmäßig werden wir hier auf www.st-georg.de, aber auch im Magazin über Escobars Entwicklung berichten.

Dr. Eva Miersch wird als Tierärztin zudem auch allgemeine Tipps für die Aufzucht von Jungpferden geben, von der Fütterung über Hygiene- und Impfmanagement bis hin zur Auswahl eines Aufzuchtstalls, Erziehung usw..

Hier nun also Dr. Mierschs erster Blog darüber, wie Escobar ihr Leben von Tag eins an auf den Kopf gestellt hat.

Escobar – Start in unser gemeinsames Leben

Ich stehe am Rand des kleinen Reitplatzes und kann es nicht fassen. Eine Woche ist der Erdinger-Sohn erst alt und ich habe ihn gerade per Handschlag gekauft. Noch etwas wackelig ist er, hat endlos lange Beine, eine schräge Schulter und der Rest sind eigentlich nur Gelenke. Braun ist er, ein Holsteiner Braun mit kleinem Stern. Ich wollte nie wieder ein Pferd kaufen. Eigentlich. Das hat ja einwandfrei geklappt. Der kleine Spaßvogel will bereits an meinen Fingern herumkauen.

Genau zwei Minuten nach meinem Handschlag mit der Züchterin turnt mein Fohlen auf dem Platz herum, frisst die Vlieshäcksel der Reitplatzeinstreu, schluckt sie herunter und arbeitet die Fressversuche mit seinen langen Beinen zu Yogaübungen aus. Beim zweiten Versuch überschlägt er sich fast und weicht nur um Haaresbreite einem gepflegten Genickbruch aus. Allerdings verlieren die Vliesstückchen daraufhin seine Aufmerksamkeit. Jetzt prüft er die marode Reitplatzbegrenzung auf ihre Haltbarkeit.

Schnell ist die Entscheidung gefallen, den angrenzenden betonierten  Paddock für die nächsten Tage zu nutzen, da die Hauswiese nach dem Kalken noch kein Regen abbekommen hat.

Nach unserer Umgestaltung des Paddocks, bei der Holzpaletten alle „Durchkletter-Versuche“ an den Engstellen zunichte machen sollten, gleicht der Auslauf einem Hochsicherheitstrakt.

Zugegeben, bis uns aufgefallen ist, dass das Fohlen ständig mit der Tränke spielt, und deswegen auch nach Ende der mütterlichen Fohlenrosse noch Durchfall hat, sind ein paar Tage vergangen. Also muss sich etwas ändern.

Nach dem ersten Regen, der den Wiesenkalk endlich in den Boden gespült hat, wird die Wiese am Haus zusätzlich mit rot-weißem Flatterband eingefasst, teilweise werden neue Litze gespannt und die Stromleistung erhöht.

Inzwischen lässt sich mein Fohlen brav das Halfter an- und ausziehen – allerdings passt nur das rosafarbene, das blaue oder grüne wäre für einen Hengst ja auch zu schön gewesen …

Auf dem Weg zur Wiese muss sich mein Fohlen um den ganzen Hof herum hinter seiner Mutter herführen lassen. Bis zum Betonpaddock geht alles gut, aber als Mama weitergeht, verlässt ihn der Mut. Der ganze Stall wiehert, Mama wird ungeduldig und wiehert auch. Endlich auf der Weide angekommen, lässt er sich brav das Halfter ausziehen, ist aber sichtlich eingeschüchtert. Doch als Mama loslegt, macht er natürlich mit. Die junge Stute lässt ihrer Freude freien Lauf, bockt, tobt und keilt aus – immer dicht am Kopf meines Fohlens vorbei …

Eine halbe Stunde später schleicht der kleine Mann am Strick neben mir her. Im Gehen fallen ihm die Augen zu. In der Box angekommen, lässt er sich widerstandslos alle vier Hufe hochheben – er ist zu müde zum Steigen und Wehren. Zugegeben es war nicht ganz fair, aber was Hänschen nicht lernt … Völlig ermattet schläft er wenige Minuten später tief und fest im Stroh.

Zwei Tage später – Mutter und Kind sind schon draußen – komme ich um die Ecke. Mein Fohlen hört mich, reißt den Kopf hoch und kommt wiehernd auf mich zu galoppiert. Kann man das Gefühl jemandem beschreiben, der noch nie etwas mit Pferden zu tun hatte?

Ich fahre zur nahegelegenen Jährlingswiese und verbringe drei Tage damit, neue strahlend weiße breite Litze zu ziehen und die Wiese mit Flatterband einzufassen. Die drei Jährlingsstuten und das Pony Sarah verfolgen meine Arbeit auf Schritt und Tritt – was geht hier vor?

Sechs Wochen nach der Geburt ist es dann soweit. Der Anhänger steht auf dem Hof, Mutter und Kind sollen umziehen. Da die Mama das Verladen kennt, steigen beide fast problemlos ein. Die Züchterin fährt die wenigen Kilometer zur neuen Wiese. Mein Fohlen hat beim Abladen kein einziges nasses Haar – endlich passiert was Neues.

Wir führen die zwei zum Offenstall, aber als Mama sich nicht sofort durch die Paddocktür traut, gehe ich mit dem kleinen Mann vor. Er hat keine Zeit zu warten, hat die anderen Pferde schon gesehen und will etwas erleben. Wir nehmen ihnen die Halfter ab und die Toberei geht los. Die junge Mutter versucht, ihr erstgeborenes Fohlen von den anderen abzuschirmen, aber bereits nach wenigen Minuten rennt mein Fohlen allen vorneweg und die ganze Herde folgt ihm. Nach zehn Minuten beginnt er das Spiel: Wenn alle hinter mir sind, springe ich durch die offene Tür in das Paddock hinein, renne in den Offenstall und verstecke mich hinter dem großen Holztor des Stalles. Während Mama panisch schreiend über die Wiese rennt, steht mein Fohlen zusammen mit dem Pony Sarah im Offenstall – ich schwöre es: Er hat dabei gegrinst!

 Zwei Tage später komme ich zum Offenstall und das große Holztor hängt nur noch windschief in den Angeln. Mein Fohlen kommt angerannt und zeigt mir wie toll man sich dort scheuern kann, während ich Angst habe, dass er von dem drei Meter hohen Tor erschlagen wird.

Mein Sohn kommt und repariert am gleichen Abend noch das große Tor, setzt Verstärkungen ein und bohrt ein Loch in den Beton, um einen zusätzlichen Sicherheitsriegel einzusetzen.

Ich habe inzwischen einen Striegel gekauft und stehe in der Mitte der Herde – eigentlich um mein Fohlen zu schrubben. Allerdings drängeln sich alle Pferde abwechselnd dazwischen. Jeder möchte gestriegelt werden. Ich muss lachen. Wie einfach lernt mein Fohlen gerade, dass geputzt zu werden das Tollste von der Welt ist!

Nachdem ich mir die Arbeit meines Sohnes ansehe und wir mit aller Kraft zum Test versuchen, das riesige Holztor aus den Angeln zu heben, steht der Name meines Fohlens fest: Escobar. Was hatte ich alles überlegt: Erdings‘ son, Escadon, Earl of Covid – wir befinden uns gerade im ersten Corona Lockdown Deutschlands. Aber „Don Pablo“, der kolumbianische Drogenbaron Escobar, kann sein Umfeld nicht weniger terrorisieren, als dieser kleine braune Hengst inzwischen mein Leben im Griff hat … Ich liebe ihn!

Allgemeine Informationen zum Thema Fohlengeburt, -aufzucht und -erziehung finden Sie hier.

  1. Klick

    Traurig, dass die Frage „Kann man einen Junghengst artgerecht aufziehen und erfolgreich durch die Körung bringen“ überhaupt stellen muss… artgerechte Pferdehaltung (soweit in menschengemachter Umgebung möglich) sollte selbstverständlich sein.

  2. Carmen Fischer

    Also ich hab meinen Junghengst mit 3 anderen Junghengsten bis 3 auf der Weide gelassen.
    Resultat, neben all den Bisswunden und Blessuren auch eine Lahmheit und OP, die den Kleinen 6 Monate außer Gefecht gesetzt hat.
    Versteht mich nicht falsch, aber der hätte 3 oder auch 4 Jährig zu keiner Körung gehen können.
    Was der kleine Kerl bis 4 an Tierarztrechnungen gekostet hat, ist noch ein ganz anderes Thema, nennen wir es mal Lehrgeld!
    Wenn man Junghengste nach der Geschlechtsreife zusammen auf der Weide laufen lässt, können die sich verletzen, mitunter auch schwer oder tödlich.
    Drücke dem kleinen Estobar die Daumen, das es bei ihm besser läuft.
    Ich habe fast den Eindruck manche leben eher in einer Wendy-Welt, wo alles nichts kostet, sich keiner verletzt und keiner dabei drauf geht.
    Welche Erfahrungen habt ihr denn mit euren Junghengsten in Herden/Weidehaltung gemacht?


Schreibe einen neuen Kommentar