CHIO Aachen: Dressurküren ab Platz sechs – Ernie, Digby und Co.

Isabell Werth und El Santo

(© Julia Rau)

Kürreiten auf allerhöchstem Niveau, das war heute in der Aachener Soers zu sehen. Deswegen die weiteren Platzierten hier auch in Einzelkritiken.

Platz sechs: Isabell Werth und El Santo v. Ehrentusch
Piano plätschert zum Einreiten in Schritt. Nanu? Der Trend zur undefinierten Einlullmusik, sollte er auch bei Isabell Werth angekommen sein? Nach dem Gruß gibt es eine musikalische Antwort: Nein, mitnichten! David Bowies 80er-Jahre Partyhit Lets dance, dazu geht es gleich in die Passage-Traversale rechts, nach links dann flüssig im versammelten Trab. Zur ersten Piaffe klingt kurz der prägnante Bass des Queen-Hits Under pressure, darauf in die nächste Passage-Traversale, Sweet, sweet music tönt es aus den Boxen an der kurzen Seite. Jetzt ein dynamischer starker Trab, die Nase vor der Senkrechten, der Rahmen erweitert, wieder Piaffe –  wieder Under pressure. Auf einer Diagonalen eine von Ernies besten Piaffen aber immer noch keine, die einen ins Schwärmen geraten lässt. Aber, wie dieses erst zehnjährige Pferd in seiner ersten wirklich internationalen Saison (den einen Weltcupstart 2009 lassen wir mal unter den Tisch fallen) eine Kür mit derart hohem Schwierigkeitsgrad bewältigt, das ist schon was! Der starke Schritt mit sehr langem Zügel geritten, da guckt Ernie ein bisschen in die Gegend, losgelassen, zufrieden. Aus dem versammelten Schritt galoppiert Isabell Werth an, nahezu direkt in eine Pirouette, auf die Zweierwechsel folgen, starker Galopp und dann geschieht das Unerwartete: Statt einer Pirouette macht Ernie beinahe eine Vollbremsung. Die anschließende Pirouette glückt dank der Routine der Reiterin dann wieder, auch die folgenden Zweierwechsel gelingen. Auch bei der nächsten Linie gibt es aus dem starken Galopp eine leichte Störung vor der Pirouette, abermals ist die Harmonie bei den guten Einerwechseln wieder voll da. Am Ende Passage, und auf der Mittellinie dann starker Trab, da macht Ernie den Hals vielleicht eine Idee zu lang, weil Isabell einhändig reitet, aber sie lacht. 78,726 Prozent Platz sechs, da gibt es Buhrufe und Piffe von den Tribünen und bei der Siegerehrung, als Ernie durch das Stadion federt, donnert der Applaus.

Platz sieben: Nathalie zu Sayn-Wittgenstein (DEN) und Digby v. Donnerhall-Sandro
Westside Story Bernstein, die Kür, mit der das Paar Zweite beim diesjährigen Weltcup wurde. Es geht los mit Tonight und Passagen. Galopp zu I want to be in America, Zweierwechsel, eineinhalbfache  Pirouette, Zickzacktraversalen in Richtung A, dann doppelte Pirouette und schnurgerade Einerwechsel auf der Mittelline, punktgenauer Übergang zu einem sehr guten starken Schritt Theres a time for us, der Schmachtfetzen zum Tod von Toni, dem männlichen Protagonisten der Westside Story. Irgendwie müsste es bislang nur Achten hageln, denn alles klappt super. I feel pretty erklingt, dazu wieder gelungene Galopplektionen. Alles äußerst präzise. Maria dazu Trabtraversalen und Passagen und Piaffen. Toll, was das kleine Pferd O-Ton Prinzessin Nathalie über Digby, den sie mit ihrer Mutter selbstgezogen hat wieder einmal alles zeigt. Feines Reiten plus Musik und unterm Strich steht Kürreiten, vom Allerfeinsten! 78,2 Prozent.

Platz acht: Juan Manuel Munoz Diaz (ESP) und Fuego de Cardenas v. Utrerano VII
Kastagnetten, Klatschen ein Hauch von Spanien kommt in die Soers. Piaffen, Passagen, Trabverstärkungen, das Pferd immer in derselben, zu engen Halseinstellung. Pianomusik zum Schritt, der Hals darf länger werden, Fuego tritt beinahe einen halben Huf über. Mit flotter Gitarrenmusik gehts in die Galopptraversalen, wobei die Musik eher untermalt als dass sie auf bestimmte Lektionen abgestimmt ist. Das ändert sich bei den (großen) Pirouetten, da wird geklatscht und kastagnettet, was das Zeug hält Olé! Zweierwechsel auf gebogener Linie. Tolle Einerwechsel auf der Mittellinie einhändig geritten das ist das Highlight. Und am Ende dann noch mal richtig spanische Gitarrendynamik zur ausdrucksstarken Passage. Dem Applaus nach zu urteilen, bislang der Publikumsliebling. 78,00 Prozent.

Platz neun: Edward Gal (NED) und Sisther de Jeu v. Gribaldi
Auftakt Lady Marmelade mit der Texzteile Hey sister, go sister. Passagetraversale mit Anlehnungsproblemen, die Stute wackelt mit dem Kopf hin und her. Piaffen gut im Takt, auch die Trabverstärkung lockerer als beispielsweise im Weltcupfinale von Leipzig, die Linienführung wenig extravagant, viel über die Diagonalen. Sisther de Jeu ist entspannt, wird nicht so hektisch vorgestellt. Klavier und Violine zum starken Schritt, der am hingegebenen Zügel geritten wird. Auch im Galopp mit gut zentrierten Pirouetten, die allerdings mit vier und fünf Galoppsprüngen etwas knapp in der Sprungzahl bleiben. Gute Einerwechsel, in den Zweierwechseln einmal ein Kick nach dem Sporn. In der letzten Piaffe ist die Ruhe nicht mehr ganz gegeben, das Pferd hat eine leichte Tendenz im Sprunggelenk hoch und nach hinten heraus zu fußen. 77,125 Prozent.

Platz zehn: Tinne Vilhelmson-Silfven (SWE) und Favourit v. Fidermark
Achtziger Jahre Hits, Traversalen und starker Trab Walking on broken glass . Kleiner Widerstand ein Piaffepirouette, daraus in die Passage-Traversale, Schritt zu Why von Annie Lennox über zwei halbe Diagonalen, dann Galopp: Trommeln, Eurythmics wieder mit „Its allright starker Galopp auf der Mittellinie, alle Übergänge mit Fingerspitzengefühl geritten, gute doppelte Pirouetten, traumhafte Einerwechsel, das Paar strahlt eine faszinierende Ruhe aus, am Ende Passage Sweet dreams are made of the years, da wieder ein kleines Steigen in der Piaffe was wäre das für ein Traumritt, wenn da nicht die zwei kleinen Steigansätze in der Piaffe gewesen wären! 74,975 Prozent.

Platz elf: Hans Peter Minderhoud (NED) und Tango v. Jazz-Contango
Spanische Melodien, bombastisch mit Bläsersätzen aufgepeppt. Dann wieder ein bisschen mexikanisch anmutende Mariachi-Gitarren, hol schon mal den Sombrero raus, Juanito! Viel Passagen, Piaffen die recht unholländisch eher zäh und klebend ausfallen und daraus immer wieder starker Trab. Kastagnetten zum Galopp. Das Pferd eigentlich nie in Versammlung, häufig die Kruppe hoch, das Tempo zu frei. In diesem Tempo gelingen die fliegenden Wechsel schnurgerade, die Pirouetten allerdings sind zu groß. Zum Abschluss noch einmal viel Passage die Lektion, die der Hengst mit Abstand am besten beherrscht. 74,075 Prozent.