Olympia-Doping: Wieder Hongkong, diesmal Kutscher – Droht deutschem Springsport neuer Dopingfall?

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Marco Kutscher und Clinton-Sohn Cornet Obolensky hier bei den Olympischen Spielen in Hongkong. (© Rau)

War auch Marco Kutschers Pferd Cornet Obolensky in Hongkong gedopt? Wie Spiegel online berichtet, ist der Schimmelhengst während der Olympischen Spiel nach einer Injektion kollabiert. Unter anderem soll dem Pferd Lactanase, ein Präparat gegen Muskelkater, verabreicht worden sein. Der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) war der Vorfall bekannt, sie zog es aber vor, zunächst die Öffentlichkeit nicht in Kenntnis zu setzen.

Neben Lactanase sei Cornet Obolensky nach der ersten Runde des Nationenpreises (mit 13 Strafpunkten hatte die Kombination das Streichergebnis geliefert) mit Arnika behandelt worden, bestätigte Marco Kutscher dem Sportinformationsdienst (sid). Kutschers Chef Ludger Beerbaum hatte den Vorfall dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel bestätigt und gesagt, Mannschaftstierarzt Dr. Björn Nolting sei zugegen gewesen, als der Schimmel nach Verabreichung der Präparate einen Schwächeanfall erlitten hatte. Ob die Behandlung offiziell angemeldet war, wisse er nicht, sagte Kutscher dem sid. Auf dem Mannheimer Maimarktturnier, dessen Turnierchef Peter Hofmann auch Vorsitzender des Springausschusses des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei (DOKR) ist, wurden die Vorwürfe bekannt. Hofmann gegenüber dem sid: „Wir müssen jetzt erst einmal ermitteln, ob die Medikation angezeigt war oder nicht.“
Kronzeuge für die bislang nicht bekannten Vorkommnisse während der Olympischen Spiele in Hongkong ist der Bochumer Tierarzt Dr. Peter Cronau, selbst mehrere Jahre Mannschaftstierarzt deutscher Equipen. In einem Brief hatte der Veterinär nicht nur von der Lactanase-Injektion und Cornet Obolenskys Schwächeanfall berichtet, sondern will auch wissen, dass beim Verladen aus den Sattelschränken von Beerbaum und Kutscher in Hongkong das Präparat Equi-Block heraus gefallen sei – jenes Capasaicinhaltige Pflegemittel, das maßgeblich für das olympische Dopingdilemma der Reitsportwettbewerbe 2008 verantwortlich ist. Christian Ahlmann, bei dessen Pferd Cöster Capsaicin nachgewiesen wurde, war nach einer milden Strafe des Weltreiterverbandes (FEI) auf Antrag der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) durch den Internationalen Sportgerichtshof (CAS) bis zum 20. April 2009 gesperrt worden. Dass auch Ludger Beerbaum Equi-Block in seinem Reisegepäck hatte, habe, so Cronau in seinem Schreiben, Mannschaftstierarzt Björn Nolting schon vor Monaten Funktionären der FN mitgeteilt. Geschehen sei allerdings nichts. Nolting, der auf eigenen Wunsch zunächst nur noch für die Dressurreiter verantwortlich war und der diesen Job Anfang vergangener Woche auch abgegeben hatte, habe diese Version bestätigt, heißt es auf Spiegel online. Ganz anders wird Ludger Beerbaum beim sid zitiert: „Das ist nicht richtig“. Seine Pflegerin habe sich nur bei der Pflegerin von Ahlmann über Equi-Block erkundigt. „Das Mittel kam aber bei den Pferden von Marco und mir in Hongkong nicht zum Einsatz“, so Beerbaum. Allerdings kam das Mittel auch im Stall Beerbaum zum Einsatz. Cash, unter Marco Kutscher u.a. Sieger in der ersten Qualifikation zur diesjährigen Global Champions Tour, sei 2007 in einer Turnierpause mit der Capsaicinpaste behandelt worden, sagte der Reiter dem sid.
Unabhängig vom Umgang des umstrittenen Equi-Block im Stall Beerbaum, steht eines fest: Die FN weiß schon lange, dass es möglicherweise einen zweiten Dopingfall – eben im Stall Beerbaum – gegeben hat. In einer ersten Pressereaktion heißt es, die Auswertung verschiedener Aussagen deuteten darauf hin, „dass im Umfeld der Springmannschaft über den Fall Ahlmann hinaus Handlungen vorgenommen wurden, die weder dem Regelwerk noch der Vorstellung von sauberem Sport entsprechen„. Erste Informationen über derartige Vorgänge hätten Verantwortliche von FN und  dem Deutschem Olympiadekomitee für Reiterei (DOKR) noch in Hongkong und in den Wochen danach erreicht. Weiter heißt es in dem Pressetext verklausuliert: „Eine Aufarbeitung des Geschehenen war in tatsächlicher (eindeutige Feststellungen hinsichtlich des tatsächlichen Geschehensablaufes) und rechtlicher Hinsicht mit einem derart ungewissen Ausgang der Gesamtaufarbeitung behaftet, dass es konstruktiver war, die gesamte Kraft in die Erarbeitung der auf den Weg gebrachten Maßnahmen zu stecken.“ (Den kompletten Wortlaut der Pressemitteilung lesen Sie im Infokasten, unter diesem Text).
Währenddessen stand der Leiter der FN-Abteilung Veterinärmedizin Dr. Michael Düe der Deutschen Presseagentur (dpa) Rede und Antwort. „Es muss die Frage geklärt werden, ob die Behandlung erlaubt war“, sagte der FN-Veterinär. Und weiter: „Lactanase ist nicht ohne. Man muss wissen, was man tut und darf nicht daneben spritzen“. Genau davor warnt auch die offizielle Homepage des Präparats. Lactanase dürfe nur in die Vene verabreicht werden, es sei extrem reizend, wenn es außerhalb des Blutgefäßes gelange. Wie die dpa berichtet, hat eine Pflegerin Cornet Obolensky die Spritze verabreicht. Zur Erinnerung: Als nach den Olympischen Spielen von Athen 2004 bei Ludger Beerbaums Pferd Goldfever der verbotene Wirkstoff Betamethason gefunden wurde, hatte es geheißen, die Dopingsubstanz sei in einer Salbe enthalten gewesen, die eine Pflegerin dem Hannoveraner verabreicht hätte. Nach dem Betamethason-Fund war der deutschen Springreiterequipe die Goldmedaille aberkannt worden.