Das Pferd hustet – Atemwegserkrankungen erkennen

Der Husten des Pferdes und die tierärztliche Diagnose

Bevor irgendein medizinisches Instrument zum Einsatz kommt, sind Ohren, Auge, Nase und der Tastsinn des Tierarztes gefragt. Bei der sogenannten Adspektion betrachtet der Tierarzt das Pferd und beobachtet, ob es beim Atmen entspannt ist oder sich anstrengen muss. Er tastet die Lymphknoten ab und prüft, ob sich vielleicht schon eine Dampfrinne gebildet hat. Ein vertrautes Bild ist für viele Pferdebesitzer das Abhören der Atemwege und der Lunge mit dem Stethoskop (Auskultation) in der Ruhe und nach Belastung.

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Wenn das Pferd hustet, ist zur genauen Abklärung die tierärztliche Untersuchung wichtig. (© fotolila)

Tierärzte können anhand der Geräusche oft beurteilen, ob die Atemwege entzündet sind, sich Schleim gesammelt hat oder ob sich die Bronchien verengt haben. Um auch schlecht hörbare Atemgeräusche zu erkennen, erhöhen manche Tierärzte den Luftstrom, indem sie dem Pferd die Nüstern zuhalten. Das Pferd bekommt weniger Luft und muss danach einmal tief einatmen.

Den Hustenreflex auslösen

Da der Klang und die Stärke des Hustens oft Hinweise auf die Erkrankung geben, löst der Tierarzt diesen Reflex durch einen kurzen, kräftigen Druck auf den Kehlkopf oder die ersten Knorpelringe der Luftröhre aus. „Wird die Krankheitsursache im Bereich der tiefen Atemwege vermutet, kann zunächst eine Lungenperkussion durchgeführt werden. Hierbei werden die Größe des Lungenfeldes und die Qualität des Lungenschalls durch ein Abklopfen des Brustkorbs (Perkussion) bestimmt“, erklärt Dr. Lehmann.

Endoskopie zur inneren Ansicht und Sekretanalyse

Auch ein Blick ins Innere der Atemwege kann im Zweifelsfall weiterhelfen. Bei der Bronchoskopie kann sich der Tierarzt mit einem Endoskop die Schleimhaut der Atemwege ansehen und erkennen, wie viel Schleim sich gebildet hat und wie dieser beschaffen ist – zäh oder flüssig.

Dem Pferd wird dazu ein dünner, flexibler Schlauch mit einer Kamera in die Luftröhre eingeführt. Zur Sicherheit seziert man unruhige Pferde. Mit dem rund 1,80 Meter langen Endoskop kann man den Nasengang, den Kehlkopf und die Luftröhre bis zu Abzweigung in die beiden Hauptbronchien untersuchen. Bei einem Verdacht auf Kehlkopfpfeifen spiegelt der Tierarzt das Pferd, um die Funktion des Kehlkopfs zu überprüfen.

Gleichzeitig kann der Tierarzt auch Schleim, also Sekret, entnehmen, der im Labor auf bestimmte Krankheitserreger hin untersucht wird (Sekretanalyse). Es können Nasensekret, Tracheobronchialsekret aus der Luftröhre oder Proben aus den Luftsäcken auf Viren und Bakterien untersucht werden. Dazu nimmt der Tierarzt Proben des Luftrührenschleims, um diese ins Labor einzugeschickt. Der bakterielle Erreger, sowie das richtige Antibiotika, lässt sich mit Hilfe eines Antibiogramms bestimmen.

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Mit einer Bronchoskopie kann man ins innere der Atemwege genau hineinschauen und eventuelle Probleme feststellen. (© www.slawik.com)

Bronchoalveoläre Lavage (BAL) für Proben der tiefen Bronchien

Bei diesem Verfahren wird dem Pferd mit dem Endoskop eine Kochsalzlösung in die Bronchien gespritzt und wieder aufgesaugt. „Dadurch erhält man Proben aus der Tiefe der Bronchien, die man sonst diagnostisch kaum erreichen kann. Sie werden im Labor auf ihren Keimgehalt untersucht“, erklärt Dr. Genn. Die BAL wird vor allem bei chronischen Atemwegs- und Lungenerkrankungen angewendet.

Röntgen – hat das Pferd einen Atemwegstumor?

Wenn diese Untersuchungen keine Ergebnisse liefern, kann man auch ein Röntgen anschließen. Die Lunge besteht überwiegend aus Luft. Veränderungen erkennt man an dicken Knoten. Kopf- und Rumpfaufnahmen können Umfangsvermehrungen der Luftsäcke, Verdichtungen oder Frakturen z.B. des Zungenbeins zeigen. Auch Tumore, Abszesse oder Zwerchfellrupturen lassen sich erkennen.

Sonographie (Ultraschall) bei Atemgeräuschen

Besteht der Verdacht auf Blutungen oder, dass das Pferd eine Lungenentzündung haben könnte, so zieht der Tierarzt oft eine Ultraschalluntersuchung hinzu. „Mit Hilfe des Ultraschalls kann die Lunge auf Abszesse, Flüssigkeitsansammlungen oder Fibrosen (krankhafte Vermehrung des Bindegewebes) untersucht werden“, berichtet Dr. Genn. Oft ist die Ultraschall-Untersuchung aussagekräftiger als Röntgenbilder der Lunge.

„Wenn Atemgeräusche in Belastung auftreten, empfiehlt sich die Durchführung einer Endoskopie auf dem Laufband oder einer ‚Overground-Endoskopie‘“, erklärt Dr. Lehmann. „Hierbei wird die endoskopische Untersuchung in der Belastungssituation (auf der Rennbahn, unter dem Reiter) durchgeführt und die Bilder per Funk auf einen Bildschirm übertragen.“

Blutgas Analyse – Einschränkung der Lunge?

Bei der arteriellen Blutgasanalyse wird untersucht, wie viel Sauerstoff und wieviel Kohlendioxid im Blut vorhanden ist – bei einer Bronchitis z.B. funktioniert der Gasaustausch in der Lunge nicht richtig. „Anhand der Werte können wir erkennen, inwieweit die Lunge in ihrer Funktion eingeschränkt ist“, erklärt Dr. Annette Wyrwoll. Sie dient zur Diagnostik, wenn Pferde trotz fehlender Symptome wie Husten und Unauffälligkeit beim Abhören, leistungsmäßig abbauen.

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Bei einer bakteriellen Infektion ist der Nasenausfluss oft gelblich und schleimig. (© www.slawik.com)

Wo kommt der Husten des Pferdes her: Virale oder bakterielle Infektion?

Der Klang des Hustens lässt meistens bereits Rückschlüsse auf den entzündeten Bereich zu. Ein trockener Husten deutet auf Reizhusten oder eine Virusinfektion hin – tiefer, feucht klingender Husten eher auf eine Verschleimung, also eine bakterielle Infektion.

Auch das Aussehen des Nasenausflusses ist unterschiedlich: Helles, dünnflüssiges und wässriges Sekret, gekoppelt mit erhöhter Temperatur, spricht für eine Virusinfektion, gelblich-grünlicher und schleimiger Nasenausfluss für eine bakterielle Infektion.

Der virale Husten: das Pferd hustet trocken

Auslöser von Virusinfektionen, die oft kürzer, aber heftiger verlaufen, sind meist Influenza- oder Herpes-Viren (HV 1 und 4). Auch Adeno-, Parainfluenza-, Reo- und Rhinoviren zählen zu den Auslösern. Viren besiedeln die Schleimhäute der Atemwege und zerstören die Zellflora, indem sie die körpereigenen Zellen verändern. Denn Viren haben keine eigene Zellstruktur, sie benötigen Wirtszellen zur Fortpflanzung. Der Körper reagiert mit vermehrter Schleimbildung und Durchblutung, die dadurch auftretende Entzündung kann in verschiedenen Bereichen des Atemsystems sitzen.

Behandelt können virale Infektionen nicht mit Antibiotika, jedoch sind diese oft die Ursache für eine zusätzliche bakterielle (Super-)Infektion, die dann antibiotisch behandelt werden muss. Therapiert sollten reine Virusinfektionen mit einer einhergehenden Stärkung des Immunsystems.

Ein Pferd mit bakteriellem Husten benötigt oft Antibiotika

Bakterien kommen in jedem Körper vor, viele erfüllen lebenswichtige Aufgaben. Im Darm bauen sie eine gesunde Darmflora auf, die beispielsweise nach einem Antibiotika-Einsatz zerstört werden kann. Schädliche Bakterien hingegen setzen Giftstoffe frei, die im Körper Entzündungen hervorrufen. Dazu zählen beispielsweise Streptokokken, die Druse auslösen, Staphylokokken oder die für Fohlen gefährlichen Rhodokokken. Oft folgt auf eine virale Infektion eine Bakterielle, da der zuvor produzierte Schleim den Bakterien einen idealen Nährboden bietet.

„Eine bakterielle Infektion wird erst mit einem Breitband-Antibiotikum behandelt, das möglichst viele Bakterienarten abtötet“, erklärt Dr. Genn. „Schlägt das Antibiotikum nicht an, entnimmt der Tierarzt eine Schleimprobe aus den Nüstern und bestimmt die Keime unter Laborbedingungen. Daraufhin kann das passende Antibiotikum bestimmt werden.“

Akuter und chronischer Husten beim Pferd

Umgangssprachlich wird chronisch oft mit unheilbar gleichgesetzt – das ist aber nicht korrekt. Denn entscheidend ist die Dauer der Krankheit, nicht die Prognose. Akut bedeutet, die Erkrankung ist gerade entstanden und dauert etwa bis zu zwei Wochen – sie kann je nach Art der Erkrankung heilbar aber auch unheilbar sein. Eine chronische Atemwegserkrankung dauert zwar bereits länger als etwa vier bis sechs Wochen an, eine Heilung kann aber dennoch möglich sein.

Da hilft meist Ruhe und Abhusten – Das Pferd hat eine akute Bronchitis

Sie tritt plötzlich auf, ist gut zu erkennen und wird meistens durch Viren wie Influenza und Herpes, seltener durch Bakterien wie Streptokokken (Druse) oder Lungenwürmer ausgelöst: eine akute Bronchitis. „Die Pferde haben in der Regel Fieber und bzw. oder verdickte Lymphknoten oder gerötete Schleimhäute“, erklärt Tierärztin Dr. Anette Wyrwoll.

Der Husten klingt in dieser Phase oft rau und kräftig, der Nasenausfluss ist häufig noch klar. Die Pferde wirken erschöpft. „Es ist der Erkältungs-Klassiker, der anders zu behandeln ist als die häufigere Form des Hustens, nämlich die chronisch obstruktive Bronchitis. Bei einer akuten Bronchitis braucht das Pferd Ruhe, entsprechende Medikamente und eventuell Antibiotika.“

Die Chronische Bronchitis beim Pferd

Manchmal aber sind die Probleme kaum wahrzunehmen: „Leistungsabfall, immer wieder kehrender Husten oder Nasenausfluss sind typische Symptome einer chronischen Bronchitis, die häufiger auftritt als akuter Husten mit Fieber“, erklärt Dr. Wyrwoll. Eine sofortige Behandlung des chronischen Hustens ist dringend notwendig,  denn im schlimmsten Fall kann er zu schwerwiegenden und irreparablen Veränderungen im Körper führen.

Die Tierärztin kennt den chronischen Husten als eine Krankheit mit vielen Gesichtern, da sich viele Probleme unter diesem Oberbegriff zusammenfassen lassen: Chronischer Husten kann mit einer Allergie einhergehen, er kann mit einer Infektion oder Parasiten zusammenhängen und er kann durch eine verschleppte Krankheit entstehen.

St.Georg

Angestrengte Atmung: Auch Pferde mit Atemwegserkrankungen blähen die Nüstern besonders weit auf. (© St.Georg)

Was versteht man unter IAD, COB, RAO und COPD bei Pferden?

Wenn Tierärzte von immer wiederkehrendem Husten sprechen, fällt oft der Begriff COB (chronisch obstruktive Bronchitis) bzw. die englische Bezeichnung dafür, COPD (chronic obstruktiv pulmonary disease) – Begriffe, die lange alle chronischen Hustenprobleme vereinten. Manche Tierärzte halten diese Einteilung allerdings für zu ungenau und verwenden die internationalen Begriffe RAO (Recurrent Airway Disease) und IAD (Inflammatory Airway Disease).

IAD – Inflammatory Airway Disease

„Eine IAD liegt vor, wenn bei einem Pferd verminderte Leistungsfähigkeit, Husten und eine Entzündungsreaktion in der BAL-Zytologie nachzuweisen sind. Eine IAD kann vollständig ausheilen“, erklärt Tierärztin Dr. Beatrice Lehmann. „Die Begriffe COB und RAO bezeichnen zwar dieselbe Erkrankung, aufgrund ihrer unterschiedlichen Definitionen sind sie aber nicht synonym anwendbar.

RAO – Recurrent Airway Disease

Bei der RAO treten die Symptome in Schüben auf. Für die Diagnose einer RAO-Erkrankung ist laut der Expertenkommission des letzten `Internationalen Workshops Chronischer Atemwegserkrankungen` notwendig, dass das Aufschütteln verschimmelten Heus zu einer Verschlimmerung führt, dass in der BAL-Zytologie mindestens 25 Prozent neutrophile Granulozyten vorhanden sind und dass eine Verschlimmerung der Symptome durch ein anderes, klinisch evidentes Scoringsystem belegbar ist.“

COB – chronisch obstruktive Bronchitis

Bei einer COB gilt: „Das Pferd hat keinen akuten Infekt und die Symptome wie Husten und Schnupfen liegen seit mehr als sechs Wochen vor. Im Blut eines Pferdes mit COB lassen sich außerdem mehr als 30 Prozent weiße Blutzellen finden“, so Dr. Lehmann.

Husten bei Pferden und irreparable Schäden als Folge

Eine Infektion mit Husten schädigt die natürliche Reinigungsfunktion des Pferdekörpers und das Pferd braucht einige Wochen, um sich zu erholen. Eine vollständige Wiederherstellung der Reinigungsfunktion, ist nach Ausheilung der Krankheit möglich.

Falls die Therapie zu spät beginnt, kann es zu Veränderungen im Körper kommen: Die Schleimhaut in den Bronchien und Bronchiolen schwillt an und erschwert den Durchzug der Luft. Der Körper reagiert: Er sondert entzündliche Sekrete ab, die den Durchgang weiter einengen. „Es kommt zur Dyskrinie, d.h. es wird zu viel und zu zäher Schleim gebildet“, erklärt Dr. Wyrwoll. Der zähe Schleim bedeckt die Flimmerhärchen, die dann irgendwann abbrechen können. Auch Bakterien haben jetzt auf diesem eine gute Wachstumsgrundlage.

Im Verlauf der Krankheit können dann die Muskeln der Bronchiolen verkrampfen und schnüren die Bronchiolen so ein, dass kaum oder keine Luft mehr hindurchströmt – Tierärzte sprechen dann von einem Bronchospasmus. Beim Atmen müssen die Bauchmuskeln mitpressen und eine Dampfrinne kann sich bilden. Dabei blähen sich die Lungenbläschen auf und die ganze Lunge überdehnt sich. Erfolgt eine schnelle Therapie, ist einer Erholung der Lunge, zurück zur alten Form, möglich.

Ohne Therapie platzen die Lungenbläschen und lassen sich nicht wieder herstellen. Das Pferd ist dämpfig und die Lunge hat an Elastizität verloren. Das bedeutet eine irreparable, gesundheitliche Schädigung!

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Seite 2: Diagnose und verschiedene Hustenerkrankungen

Seite 3: Vorbeugung und Alternativmedizin & Hustenkräuter

Seite 4: Häufige Fragen & Karenzzeiten

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