Krankhaftes Kopfschütteln – Headshaking bei Pferden

Wenn ein Pferd wegen eines kranken Zahns zum Headshaker wurde, lässt sich das Problem meist einfach lösen. Schwieriger ist es beim klassischen Headshaking, wenn der Nerv das Problem ist. Je nach Pferd helfen unterschiedliche Maßnahmen.

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Linderung für viele Headshaker schaffen Netze für die Nase oder komplette Fliegenmasken für den Kopf. (© www.toffi-images.de)

So geht der Tierarzt vor

„Bei einem Therapieversuch gehen wir immer den Weg von wenig invasiven zu invasiveren Therapieversuchen. In leichten Fällen von Headshaking kann durch eine Optimierung des Managements (Reiten in der Halle) und den Einsatz von Nasennetzen oder Augenmasken bereits eine Verbesserung des Headshakings beobachtet werden, da auslösende Reize wie Sonnenlicht, Wind oder Insekten vermieden oder reduziert werden“, so die Tierärztin Verena Kopp von der Klinik für Pferde der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Beruht das Headshaking des Pferdes auf einer Allergie, sollten zusätzlich Allergene wie Staub, Pollen, Vorratsmilben oder Pilzsporen vermeiden werden.

Außerdem sollte der Pferdebesitzer auf eine ausgeglichene und artgerechte Pferdehaltung und Pferdefütterung sowie auf einen passenden Sattel und eine gut sitzende Trense achten. „Sollte dies keinen Erfolg zeigen, wird meist zuerst zur PENS-Therapie geraten, bei der kaum Nebenwirkungen bekannt sind“, so die Tierärztin. Schlägt diese nicht an, kommen Medikamente zum Einsatz.

Letztendlich sind diese Entscheidungen aber wieder abhängig vom Patienten. „Eine Coilembolisation oder Glycerolinjektion sollte erst durchgeführt werden, wenn kein Erfolg durch eine vorhergehende Therapie erreicht werden kann (und ein weiteres Halten des Pferdes ohne Therapie nicht vertretbar ist). Diese Eingriffe haben ein deutlich erhöhtes Komplikationsrisiko.“

Selbstverständlich kann zur Therapie von Headshaking auch die Homöopathie mit Kräutern oder Globuli eingesetzt werden.

Massnahmen, die der Pferdebesitzer ergreifen kann

In der Halle reitenWer beobachtet, dass sein Pferd vor allem an sonnigen Tagen Probleme auf dem Reitplatz hat, sollte ausprobieren, ob sich sein Pferd in der Halle besser reiten lässt. Bei vielen Pferden lässt das Headshaking im geschlossenen Raum nach.
Nasennetze, OhrenhaubenHelfen manchen Pferden, da sie auf den Tasthaaren liegen und die Nerven quasi leicht blockieren. Dadurch werden andere Reize, wie zum Beispiel Sonnenlicht, weniger stark zum Trigeminus weitergeleitet.


+ Vorteil:
kostengünstig, lässt sich leicht anwenden. Die britische Forscherin Veronica Roberts analysierte bisherige Studien zum Headshaking und fasst zusammen: Etwa einem Viertel der Pferde geht es mit einem Nasennetz besser.

– Nachteil:
nicht immer dauerhafter Erfolg.

AugenmaskenUV Masken können bei Pferden mit Headshaking helfen. Licht stimuliert die Nervenäste des Trigeminus. Ist dieser überreizt, kann ein Lichtreiz ausreichen, dass der Nerv überfordert wird und schmerzt. Masken reduzieren den Lichteinfall ins Auge.

+ Vorteil:
günstig, einfach anzuwenden

– Nachteil:
nicht immer dauerhafter Erfolg.
Magnesium geben„In Einzelfällen zeigte sich, dass sich beim Einsatz von Magnesium die Symptome verbesserten“, berichtet Veronika Kopp.
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Einfache Maßnahme, die vielen Headshakern hilft: das Reiten in der Halle. (© www.slawik.com)

Headshaking bei Pferden – Therapien mit Tierärztlicher Betreuung.

Elektrische Stimulation (PENS)

Bei der perkutanen elektrischen Nervenstimulation wird bei dem sedierten Pferd eine Spinalkanüle an einen Ast des Gesichtsnervs platziert sowie eine zweite Nadel zur Erdung ein bis zwei Zentimeter entfernt davon. 25 Minuten lang wird der Nerv mit wechselnder Frequenz (2 bis 100 Hz) und Spannung (0,1 bis 10 Volt) angeregt, wodurch er weniger sensibel werden soll. Zu Beginn sollten drei Therapien im Abstand von drei bis vier Tagen erfolgen, danach wird diese Methode eingesetzt, wenn das Headshaking wieder schlimmer wird.

Voraussetzung für diese Methode: Durch vorhergehende Diagnostik sollte sichergestellt sein, dass es sich nicht um symptomatisches Headshaking handelt.

+ Vorteil: günstig, nur kleiner Eingriff, Turniereinsatz möglich. Bisher vielversprechende Therapieerfolge in einem Test der Universität Bristol mit sieben Pferden: Sechs zeigten nach der PENS-Behandlung zwei bis zehn Monate lang kein Headshaking mehr.

– Nachteil: muss wiederholt werden.

Medikamente aus der Humanmedizin

Für Pferde mit Headshaking gibt es keine speziellen Medikamente. Man greift zu Wirkstoffen, mit denen man beim Menschen mit einem Trigeminus-Problem gute Erfahrungen gemacht hat. Sie alle sollen die Sensibilität des Nervs dämpfen. Das funktioniert allerdings nicht bei jedem Pferd, bei manchen aber hilft es.

Bei Cyproheptadin handelt es sich um ein Antihistaminikum wie es auch zur Therapie von Allergien eingesetzt wird. Carbamazepin nimmt Einfluss auf die Reizweiterleitung am Nerv. „In der Literatur werden sehr unterschiedliche Erfolgsraten zum Einsatz von Cyproheptadin und Carbamazepin beschrieben. Durch die Kombination beider Medikamente kann eine höhere Erfolgsrate erreicht werden“, so Tierärztin Kopp.

Der Wirkstoff Gabapentin hat beim Menschen in hoher Dosierung ebenfalls einen dämpfenden Effekt auf den Nerv. Manchem Pferd hat dieser Arzneistoff schon geholfen. „Ob ein Patient mit Medikamenten therapiert wird, hängt vom einzelnen Pferd, den Befunden und Symptomen ab“, erklärt Veronika Kopp. „Dies sind also immer Einzelfallentscheidungen. Es gibt auch keine feste Reihenfolge, welches der Medikamente zuerst eingesetzt wird. Bei medikamentöser Therapie muss dem Besitzer bewusst sein, dass es zu möglichen unerwünschten Nebenwirkungen kommen kann, die je nach Medikament variieren.

+ Vorteil: kein chirurgischer Eingriff.

– Nachteil: dopingrelevant, keine Turnierteilnahme möglich, evtl. Nebenwirkungen.

Operation (Coilembolisation)

Eine Maßnahme, die meist nur im Notfall bei den Pferden eingesetzt wird, die sonst eingeschläfert werden müssten, ist das Einsetzen einer Metallspirale im Bereich des Gesichtsnervs. Der Nerv soll durch den konstanten Druck dauerhaft geschädigt werden. Nach einmaligem Eingriff zeigten in einer Studie der Universität Liverpool mit 24 Pferden mehr als die Hälfte der Tiere eine Verbesserung, bei wiederholter Behandlung waren es sogar 80 Prozent.

+ Vorteil: kann das Pferd vor dem Einschläfern retten.

Injektion von Glycerol in den Nerv

Teilweise gute Ergebnisse bei Headshaking durch geschädigten Trigeminus.

+ Vorteil: kann das Pferd vor dem Einschläfern retten.

– Nachteil: risikoreich, es kann zum Beispiel eine schwere Ataxie auftreten.

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In manchen Fällen kann eine Injektion von Glycerol signifikante Verbesserung der Symptome bewirken. (© www.slawik.com)

Weisheiten der chinesischen Medizin

Gerade bei Headshaking kann auch die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) helfen. Voraussetzung ist eine sorgfältige Anamnese. Dann können gezielte Akupunktur und ausgewählte Kräuter viel Gutes bewirken. Wenn Dr. Sabine Vollstedt ein Pferd mit Headshaking vorgestellt wird, gilt es zunächst, eine umfassende Bestandsaufnahme zu machen: Wie „shaked“ das Pferd? Handelt es sich um einen „echten“ Headshaker, geht die Suche weiter. Dr. Vollstedt erklärt: „Das Headshaken ist ja ein Symptom. Um ein vollständiges Behandlungskonzept zu finden, suche ich nach der konstitutionellen Schwäche des Pferdes, die oft die Ursache für das Problem ist.“ Unverzichtbarer Teil der Anamnese in der Traditionellen Chinesischen Medizin sind das Pulsnehmen und die Untersuchung der Schleimhäute.

Die konstitutionellen Schwächen sind es, bei denen Dr. Vollstedt mit ihrer Therapie ansetzt. Prinzip der TCM ist es ja, dass es zu bestimmten gesundheitlichen Problemen Akupunkturpunkte gibt, über die man Einfluss nehmen kann. Dr. Sabine Vollstedt behandelt zum einen mit Hilfe der Akupunktur die erkannten Ursachen. Zum anderen setzt sie Nadeln im Umfeld des Trigeminusnervs. Auf diese Art und Weise wird dort die Durchblutung gefördert, um Entzündungsstoffe besser abtransportieren zu lassen.

Außerdem können die Nadeln die Nervenleitungen direkt beeinflussen und übermäßige Aktivitäten des Nervs beruhigen. Der Schmerz bzw. der Reiz, der das Shaken auslöst, kann dadurch zumindest gelindert werden. Dr. Vollstedt berichtet: „Gerade Headshaker lassen sich eigentlich nur ungern am Kopf anfassen – und dann komme ich und will sogar Nadeln setzen. Aber es ist deutlich erkennbar, dass schon nach ein bis zwei Nadeln die Entspannung bei den Pferden einsetzt.“

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Akupunktur wirkt  entspannend. (© www.slawik.com)

Allroundtalent aus der Natur

Auch mit der Phytotherapie, bei der Chinesische Kräuter zum Einsatz kommen, hat Dr. Vollstedt sehr gute Erfahrungen gemacht. Es gibt pflanzliche Schmerzstiller, pflanzliche Antihistaminika etc. Welche Rezeptur das Pferd genau braucht, ist individuell verschieden. „Hier muss genau abgewogen werden, was wir wie erreichen wollen“, so Dr. Vollstedt. „Einige Pflanzen wirken beruhigend, andere lindern Beschwerden. Grundsätzlich wirken sie am Ursprung des Mangels.“ Daher ist eine Kombination von Akupunktur und Chinesischen Kräutern auf jeden Fall sinnvoll.

Die TCM verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz. Das bedeutet, man geht davon aus, dass im Organismus alles miteinander zusammenhängt. Umso wichtiger sei es, dass die Anamnese und die Behandlung von erfahrenen Tierärzten mit Zusatzausbildung TCM durchgeführt werden, betont Dr. Vollstedt. Diese Mdiziner können die Zusammenhänge zwischen Ursachen und Wirkungen im Organismus erkennen.

Dazu gehört auch, dass man sich alle Vorerkrankungen schildern lässt. Denn mitunter kann z. B. eine verschleppte Bronchitis auch Jahre später noch Probleme bereiten und die eigentliche Ursache für das Kopfschlagen sein.

Krankhaftes Kopfschütteln

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