Schenkelweichen – ein Baustein zur Gesamtdurchlässigkeit

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Beim Schenkelweichen ist die Vorwärtstendenz bedeutender als die Seitwärtsbewegung. (© www.toffi-images.de)

Es gibt in der Reiterei kaum eine Lektion, die ein solcher Tausendsassa ist wie das Schenkelweichen. Es schult und formt Reiter und Pferd gleichermaßen und wer das Schenkelweichen nicht für sich selbst und für das Pferd nutzt, verzichtet auf eine der wertvollsten Lektionen in der Ausbildung.

Der Grund für dieses Loblied ist einfach zu erklären. Beim Schenkelweichen lernen Einsteiger, wie wichtig es beim Reiten ist, seine drei wesentlichen Hilfen – Gewicht, Schenkel und Zügel – aufeinander abzustimmen. Sie finden heraus, dass nur bei gleichzeitigem Einsatz dieser drei wesentlichen Hilfen viele Dinge erst möglich werden. Mehr noch, sie lernen, dass niemals eine Hilfe allein, sondern immer diese drei Hilfen in Abstimmung miteinander gegeben werden müssen. Das Zauberwort, das damit Einzug ins Bewusstsein des Reiters findet, nennt sich: „diagonale Hilfengebung“.

Schenkelweichen richtig reiten

Schritt und Trab sind besonders geeignet zum Schenkelweichen. Da das Pferd in der Schrittphase auf die Reiterhilfen sensibilisiert und im Trab gymnastiziert werden kann. Die Richtlinien für Reiten und Fahren empfehlen beim Schenkelweichen eine 45 Grad Abstellung zum Hufschlag, maximal! Das Pferd ist dabei nur im Genick gestellt und nicht im Körper gebogen, Vorder- und Hinterbeine sollen kreuzen. Gleichzeitig müssen vier Hufschlaglinien frontal von vorne zu sehen sein beim Schenkelweichen. Das heißt, jedes Pferdebein folgt seiner eigenen Linie.

Um den Trainingseffekt zu steigern und das Pferd sensibler auf die Reiterhilfen zu machen, empfiehlt sich das Schenkelweichen in einem Wechselspiel aus 2-3 Pferdelängen seitwärts und gerade aus zu reiten.

Reiter und Pferd Schenkelweichen beibringen

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Am Anfang gelingt das Schenkelweichen am besten, wenn das Pferd mit dem Kopf in Richtung Bande blickt. (© www.toffi-images.de)

Das Schenkelweichen ist die erste Seitwärtsbewegung die junge Pferde oder Reitanfänger lernen. Zu Beginn sollte das Schenkelweichen mit dem Kopf zur Bande geübt werden. Um den richtigen Winkel von 45 Grad zu finden, reiten sie von Mitte der kurzen Seite gerne auf den Zirkelpunkt zu. Der äußere Schenkel treibt dann das Pferd seitwärts. Die Bande dient dabei als Begrenzung und hilft Reiter und Pferd die seitwärts-treibenden Hilfen zu verstehen.

Klappt diese Übung gut, können Sie den Schwierigkeitsgrad steigern und das Pferd Richtung Bahnmitte reiten. Nun lassen Sie das Pferd am inneren Schenkel weichen. Hierfür muss das Pferd nicht nur die seitwärts-treibende Hilfe akzeptieren, sondern auch das Abfangen mit dem äußeren Zügel. Steigern lässt sich das Ganze dann noch, indem Sie das Pferd von der Mittellinie aus in beide Richtungen dem Schenkel weichen lassen.

Warum Schenkelweichen nicht zu den Seitengängen beim Pferd gehört

Um den Unterschied zwischen Schenkelweichen und Seitengängen beim Pferd zu verstehen, ist es wichtig zu wissen, was eigentlich ein Seitengang ist. Als Seitengänge beim Reiten werden Vorwärts-Seitwärts Bewegungen bezeichnet, bei denen das Pferd gleichmäßig gebogen ist, wie zum Beispiel beim Schulterherein, Travers oder Renvers. Beim Schenkelweichen dagegen bewegt sich das Pferd zwar vorwärts-seitwärts, ist allerdings nicht gebogen. Der Rumpf des Pferdes bleibt gerade, weshalb es nicht zu den Seitengängen gehört.

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So sieht richtige Hilfengebung fürs Schenkelweichen aus. (© www.toffi-images.de)

Korrekte Hilfengebung beim Schenkelweichen

In der Lektion Schenkelweichen lässt sich erstmals für einen Einsteiger wunderbar fühlen, was die Formulierung „innerer Schenkel, äußerer Zügel“ überhaupt bedeutet: nämlich, dass das Pferd zwischen einer Schenkel- und einer Zügelhilfe eingerahmt werden kann und es damit für den Reiter sehr viel leichter wird, sein Pferd mit wenigen, dafür aber aufeinander abgestimmten Hilfen unter sich zu führen. Damit das Schenkelweichen seine volle Wirkung entfalten kann, muss der Reiter die richtigen Hilfen geben.

GEWICHTSHILFE

Beim Schenkelweichen kippt der Reiter sein Becken etwas nach vorne-innen, damit spürt er auf einem Sitzbeinhöcker mehr Last als auf dem anderen. Lässt er zum Beispiel dem rechten Schenkel weichen, bedeutet dies: das Pferd geht schräg-links nach vorwärts-seitwärts, der Reiter belastet dann den rechten Sitzbeinhöcker. Innen gibt er also eine einseitig belastende Gewichtshilfe.

Merke: Rechts weichen lassen, rechts sitzen!

SCHENKELHILFE

Grundsätzlich haben rechter und linker Schenkel beim Schenkelweichen völlig unterschiedliche Aufgaben, aber eines haben sie auch gemeinsam. Beide müssen unter anderem vorwärts treiben. Zusätzlich aber muss der innere Schenkel auch noch seitwärts treiben, der äußere Schenkel dagegen hat zusätzlich die Aufgabe zu verhindern, dass das Pferd mit der Hinterhand zu weit „herumschleudert“, d.h. dass die Abstellung zum Hufschlag plötzlich mehr als 45 Grad beträgt. Der äußere Schenkel liegt dafür verwahrend hinter dem Gurt.

Merke: Vorwärts-seitwärts treibenden inneren Schenkel und (vorwärts)-verwahrend äußeren Schenkel.

ZÜGELHILFE

Auch bei den Zügelhilfen haben innen und außen völlig unterschiedliche Funktionen. Der innere Zügel soll dem Pferd Stellung geben und diese erhalten, der äußere Zügel soll, ergänzend zum verwahrenden Schenkel, die Stellung zwar zulassen, aber ein Ausfallen über die äußere Schulter gleichzeitig verhindern.

Merke: Innen stellt, außen begrenzt.

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Zügelhilfen sind oft zu stark. Geben Sie nach! (© www.toffi-images.de)

Was passiert im Pferdekörper

Beim Schenkelweichen bewegt sich fast jeder Muskel im Pferd. Das macht geschmeidig. Alle Beuger und Strecker rund um Ellbogen und Buggelenk sollen durch das Schenkelweichen elastischer gemacht werden. Wenn es dabei gelingt, die Elastizität der Sehnen, Bänder und Faszien zu erhöhen, wird auch die so genannte „Schulterfreiheit“ besser.

Das Pferd wird bekanntlich beim Schenkelweichen nur gestellt, das heißt hinter dem Genick sollte der Rest des Körpers quasi wie auf Schienen relativ gerade bleiben. Jedoch ist es immer eine gesamte Muskelfunktionskette, von hinten nach vorne, die man als Reiter aktiviert, egal ob man Schenkelweichen, Traversalen oder eine ganze Parade zum Halten reitet.

Das Schöne am „Multifunktionstalent“ Schenkelweichen ist, dass es im gesamten Pferdekörper positive Prozesse auslösen kann. Das Anregen der schrägen und geraden Bauchmuskulatur hat zur Folge, dass die Hüfte des Pferdes in Bewegung gerät, über diverse weitere Muskeln passiert es im Idealfall, dass das Becken des Pferdes beim Schenkelweichen in Bewegung gerät. Wenn das innere Hinterbein beim Schenkelweichen kreuzt, wölbt sich das Becken auf, kippt nach vorne. Dies wiederum sorgt dafür, dass sich der Rücken des Pferdes an- und abspannt.

Immer wenn es seitwärts geht, egal ob beim Schenkelweichen oder in der Traversale, wird die lange Sitzbeinmuskulatur zur Arbeit aufgefordert. Wenn diese Muskeln effektiv angespannt werden, sieht das aus, als ob das Pferd eine Hose tragen würde. Darum sagt man auch: Dort, an der Hinterhand, sitzen die „Hosen“ des Pferdes. Ein positives Attribut: „Das Pferd ist gut behost“.  Gute Hosen entstehen unter anderem durch effektiv gerittenes Schenkelweichen!

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Schenkelweichen auf dem zweiten Hufschlag! (© www.toffi-images.de)

Fehler beim Schenkelweichen – wenn Hilfen nicht verstanden werden

Wenn beim Schenkelweichen die Hilfengebung nicht exakt abgestimmt ist, kann die Lektion nicht ihr volles Potenzial entwickeln. Der Reiter muss dafür den korrekten Zusammenhang der Diagonalen Hilfen herstellen. Linker Schenkel, rechter Zügel! Wichtig dabei ist: So viel wie der innere Schenkel macht, muss der äußere Zügel auch zulassen.

Das „In-die-Hand-nehmen“ zeigt sich oft beim zu starken Einsatz des inneren Zügels, selbst wenn die Reiterhand nicht über den Widerrist in Bewegungsrichtung weiterwandert. Der innere Zügel ist der Intitialzünder, keine Frage. Aber wenn er seinen Job gemacht hat (Stellung zu geben), sollte er „ausatmen“, das heißt: nachgeben!

Geht das Pferd nicht spurtreu, wandert oft die innere Hand über den Mähnenkamm. Der Einfluss der Hand sollte begrenzt werden, z.B. mit Reitbommeln.

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Knickt der Reiter im Becken ein resultiert ein Gewichtsfehler. (© www.toffi-images.de)

Gewichtsfehler

Die Gewichtshilfe spielt bei vielen Lektionen, so auch beim Schenkelweichen, eine entscheidende Rolle. Denn das Pferd versteht unsere Gewichtsverlagerung intuitiv! Das Problem: Die einseitige Gewichtshilfe kann schnell dazu führen, dass der Reiter es „zu gut“ meint und in der Hüfte einknickt. Damit belastet er dann beim Schenkelweichen nicht mehr den inneren, sondern durch das Einknicken in der Hüfte den äußeren Sitzbeinhöcker. Dass dies zu Missverständnissen führt, versteht sich von selbst.

TIPP: Probieren Sie zunächst im Halten, Ihr Becken einseitig etwas nach vorne zu schieben, diese Bewegung reicht schon aus, um eine einseitig belastende Gewichtshilfe zu geben. Nutzen Sie außerdem das anfängliche Schrittreiten, um am hingegebenen Zügel große, weite Bahnfiguren wie Zirkel oder einfache Schlangenlinien nur durch ihre Gewichtshilfe zu reiten. Das schult das Gefühl!

Schenkelfehler

Zwei typische Probleme können durch falsches Platzieren des Schenkels auftreten. Der innere Schenkel kommt nicht genug durch und/oder der äußere Schenkel hat keine begrenzende, verwahrende Wirkung. Damit der innere Schenkel vorwärts-seitwärts treiben kann, wird er minimal hinter dem Gurt platziert. Achten Sie darauf, dass Sie mit der Wade zum Treiben kommen, nicht mit dem Absatz.

TIPP: Drehen Sie die Fußspitze leicht nach auswärts, dann ist es leichter, mit der Wade zum Treiben zu kommen.  Der äußere Schenkel soll verhindern, dass das Pferd über die äußere Schulter ausfällt und soll außerdem dazu beitragen, dass das Schenkelweichen in einer ausgewogenen Mischung aus „vorwärts“ und „seitwärts“ geritten wird. Konzentrieren Sie sich besonders im Schritt auf das wechselseitige Treiben! So spürt das Pferd die Wirkung Ihres äußeren Schenkels besser!

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Der innere Schenkel des Reiters darf nicht nach hinten wandern. (© www.toffi-images.de)

Abwechslung reinbringen

Nicht nur für den Geist, auch für den Körper ist Abwechslung sehr wichtig. Das variantenreiche Arbeiten im Schenkelweichen macht das Pferd sensibel auf die Reiterhilfen, reaktionsschnell und geschmeidig. Um ein Pferd in jeder Lektion gut „am Schenkel“ zu haben, ist ein Wechselspiel zwischen Schenkelweichen, neuen Linien und anderen Lektionen hilfreich. Egal welche Lektion Sie am Ende reiten möchten, jede Lektion gelingt nur so gut, wie Sie Ihr Pferd zwischen den Hilfen haben.

Das Praktische am Schenkelweichen ist, dass es in der täglichen Arbeit immer wieder als kurzer, korrigierender Einschub genutzt werden kann. Stets mit dem Ziel, die diagonale Hilfengebung zu verfeinern und das Pferd dann in höheren Lektionen optimal zwischen treibenden und verwahrenden Hilfen zu führen. Viele Ausbilder reiten Schenkelweichen, um ihren Pferden mehr Ausdruck in der Vorhand zu verleihen. Dies wiederum macht sich dann in Traversalen, aber auch in der ganz normalen Trabarbeit bemerkbar. Lassen Sie Ihrer Kreativität freien Lauf in der Wahl der Linien.

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Das seitliche Verschieben des Pferdes im Galopp kann Wunder wirken (© www.toffi-images.de)

Seitwärts auch im Galopp?

Die Richtlinien für Reiten und Fahren empfehlen nur im Schritt und Trab Schenkelweichen zu reiten. Aber im Training darf man auch mal von den starren Vorschriften abweichen, denn der Weg ist schließlich das Ziel. Das Schenkelweichen im Galopp kann dem Pferd einen Weg zu mehr Balance im Galopp aufzeigen und wird von vielen Ausbildern genutzt, um den fliegenden Wechsel vorzubereiten.

Fazit für Sie: Versuch macht klug!

Schenkelweichen auch für Springreiter

Dressurarbeit steht nicht unbedingt bei jedem Springreiter ganz oben auf der Prioritätenliste. Doch ohne eine gute Dressurgrundlage wird kein Springen gewonnen! Man muss gar nicht den Großen Preis von Aachen als Ziel haben, eine Stilspringprüfung der Klasse A tut es auch schon. Je besser das Pferd in den diagonalen Hilfen eingerahmt werden kann, desto feiner kann auch die Linienführung im Parcours gestaltet werden.

Parcoursreiten besteht aus Geradeausreiten, über den Sprung reiten und Wendungen reiten. Je enger die Wendungen werden, desto wichtiger ist es, dass das Pferd schnell auf die Reiterhilfen reagiert und sich prompt versammeln lässt. Wer Schenkelweichen in die lösende Arbeit einbezieht, kann später leichter wenden! Nationenpreisreiter und Ausbilder Gilbert Böckmann erklärt: „Ich reite Schenkelweichen hauptsächlich mit den vier- und fünfjährigen Pferden, um zunächst die Durchlässigkeit zu verbessern um dann später im Parcours auch bessere Wendungen reiten zu können.“

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