Blog aus Aachen: Abschied von der Soers und seltsamen Grußangewohnheiten

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Abschied der Nationen, CHIO Aachen 2019 (© www.st-georg.de)

Kein Milchpulver, kein ordentliches Grüßen aber grenzenlose Loyalität seitens der Pferde. Das Fazit von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer nach fünf Tagen in Aachen.

Der Sonntag von Aachen ist der Höhepunkt des Turniers, aber immer liegt schon ein Hauch von Abschied über der Soers. Selbst wenn der eigentliche berühmte „Abschied der Nationen“, bei dem die Zuschauer mit ihren Taschentüchern auf Wiedersehen winken, noch warten muss, bis der Große Preis von Aachen entschieden ist. Das ist jedes Jahr wieder ein Gänsehautmoment. Aber die ersten LKW rollen schon heimwärts, mit den Pferden, deren Reiter sich weder für die Dressurkür, noch für den Großen Preis oder eines der letzten Randspringen qualifizieren konnten.

In der Pressestelle ist das Milchpulver ausgegangen, das heißt, die Optionen Cappuccino und Latte Macchiato wurden gestrichen, beziehungsweise abgeklebt. Aber schwarzer Kaffee tut es ja auch. Vom Essen im Reiterclub habe ich ja schon gestern gesprochen, aber auch sonst klappt hier das meiste besser als anderswo, vor allem das Internet. Ohne WLAN fühlt man sich als Journalist wie auf einer Pazifikinsel, auf der man sich nur mit Palmwedeln den vorbeidampfenden Schiffen verständlich machen kann. Man wird in Aachen auch nicht darauf hingewiesen, dass man mit dem WLAN-Zugang keine Pornos herunterladen darf. Ist neulich einer Freundin auf einem Turnier passiert, dessen Namen ich hier nicht verrate. Sonst wird man da im Land sauer … Da auf besagtem Turnier das WLAN ohnehin meist nicht funktionierte, blieb das Verbot theoretisch.

Nettes Nicken oder forsche Faust

Interessant ist zu beobachten, wie sich die Grußtechnik auf dem Viereck entwickelt hat. Seitdem Springreiter feste Kappen mit Kinnriemen tragen, können sie natürlich zum Gruß nicht den Helm herunterfummeln und belassen es deswegen bei freundlichem Nicken in grobe Richtung Richterturm oder Ehrentribüne.

In der Dressur wurde die Sitte, dass Herren den Zylinder ziehen, abgeschafft, ist ja ein Nachteil gegenüber den weiblichen Mitbewerbern, also gar nicht gendergerecht, vor allem wenn das Pferd ungern steht. Seitdem auch im Dressurviereck die Reitkappe bei vielen den Zylinder abgelöst hat, bei der Siegerehrung ist sie ja sogar Pflicht, können die Richter in ihren Häuschen froh sein, wenn sie überhaupt noch gegrüßt werden. Ein knappes Nicken muss oft genügen, dabei steht der Jurypräsident bzw. die Präsidentin doch jedesmal auf, um der Form Genüge zu tun.

Das wird mit einer von mehreren Varianten quittiert. Der Reiter reißt entweder die Arme hoch, blickt gen Himmel und lässt sie mitsamt seinem Oberkörper wieder den Hals des Pferdes fallen, klatsch, klatsch, das hast du toll gemacht, ich hab’ dich sooo lieb. Oder der Reiter stößt den Arm mit der geballten Faust in die Höhe, um zu signalisieren: Yippie, war doch toll, oder? Dritte Möglichkeit: der Reiter streckt beide Daumen nach oben und blickt triumphierend um sich. Schlacht gewonnen. Oder er zeigt mit beiden Zeigefingern auf sein Pferd, will sagen, eigentlich hast Du ja hier geschwitzt. Was ja irgendwie stimmt.

Schade, dass das Pferd meist keine Ahnung hat, was der Reiter ihm sagen will. Wäre so schön, wenn man den Pferden alles erklären könnte, denn die meisten sind ja von einer unbeschreiblichen Loyalität und würden uns jeden Gefallen tun, solange es sich irgend machen lässt. Wie sagte der Bundestrainer der Vielseitigkeitsreiter, Hans Melzer, nachdem im Gelände mehrere Pferde an einer Buschhecke über die viel höhere, nicht ausgeflaggte rechte Seite sprangen, weil ihre Reiter ihnen nicht klar den richtigen Weg gezeigt hatten: „Pferde sind so gnadenlos mutig.“

Tschüss Aachen, wir kommen wieder im nächsten Jahr und zwar schon Anfang Juni. Dann sind alle schon im Prä-Olympiafieber, im Juli 2020 ruft Tokio!


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