Hannoveraner Körung: 100 Hengste und ein T-Pferd

Von Staus, Hochfliegern und 1000 Körkommissaren

Es gibt verschiedene Themen auf Körungen: Das Hinterbein, die Einschienung, die Oberlinien und noch viele Dinge mehr, die Pferdezüchter interessieren, wenn sie sich einen potenziellen Hengst angucken. Denn angucken heißt ja auch immer mit anderen diskutieren. Körung ist wie Fußball-WM: Auf der Tribüne 1000 Körkommissare und Talentscouts, das ist ja das Schöne daran. Zu den besagten Standardthemen kommt in Verden aber noch ein Gesprächsgegenstand hinzu: die Autobahn. Präziser: Die Zeit, die man morgens auf dem Standstreifen vor der Autobahnabfahrt Verden-Ost gestanden hat. Ich bin relativ weit vorne: Mich hat der Stau an der Abfahrt lediglich 22 Minuten gekostet. 21 Minuten davon habe ich mich gefragt, warum es die Verdener Polizei nicht hinbekommt, die Ampel, die oben an der Abfahrt den Stau verursacht, nicht einfach abzuschalten und stattdessen den Verkehr per Hand zu regeln.
Schon bei der Weltmeisterschaft der jungen Dressurpferde im August hatte ich das Vergnügen, diesen Stau zu genießen. Wie gesagt, ich bin nicht allein mit meiner Stauerfahrung. Die letzte Stauminute zeigte mir dann auch: Ja, es gibt Polizei in Verden. Denn da standen Beamtinnen und Beamte und guckten fasziniert zu, wie es sich staute. Eine Mitarbeiterin des Verbandes verriet dann das Prinzip regionaler Infrastrukturplanung im Städtchen an der Aller: Jedesmal, wenn der Hannoveraner Verband eine größere Veranstaltung durchführt, versucht man in und um Verden herum möglichst viel Asphalt aus den Straßen zu reißen. Das Konzept funktioniert offensichtlich prächtig.
Die Niedersachsenhalle ist voll, das Lot hat viele gute Bewegungspferde. Um ein bisschen Abwechslung zu bekommen, haben die Organisatoren das Freispringen diesmal ein bisschen abwechslungsreicher gestaltet. Genau genommen haben sie bei der Zusammenstellung des Katalogs an das Sitzfleisch der über 1000 Körkommissare auf der Tribüne gedacht: Nach 27 Dressurhengsten kommen erstmal Springhengste 34 an der Zahl. Zum Nachmittag, quasi zum Fünf-Uhr-Tee, sind dann noch einmal 34 Dressurhengste aufgefordert. Erst 20, die auf Florestan zurückgehen, dann noch 14 aus anderen Linien Sandro Hit, Rubinstein und dann, ganz zum Ende: zwei mit holländischen Vätern. Totilas und United. Ja, genau am Ende dieses Tages wird es dann wohl den ersten in Deutschland gekörten Totilas-Sohn geben. Schwarz wie der Papa und aus einer Vollschwester des Moritzburger Landbeschälers Decurio v. Desperados-Rotspon gezogen.
Die ersten Körurteile sind auch schon gesprochen: Wer prämiert wird, wird später entschieden. Aber die Nummer 2, ein Ampere-Weltruhm-Sohn könnte schon der erste in der Premium-Kategorie sein, er wird hoch gewettet. Auch ein schicker Fuchs v. Desperados-Lanthan hat viele Freunde (Kat.Nr. 19). Bei den Springpferden flog ein Hengst besonders hoch: 42, ein Coupe de Coeur-Stakkato-Schimmel zeigte außerordentlich viel Respekt vor bunten Stangen. Dieser Überflieger mit der Holzallergie bekam durchaus Applaus, Moderator Bernd Hickert brachte es geschickt auf den Punkt: Hat im Springen alles gezeigt ein schöner Satz, der so viel bedeuten kann. Für den Schimmel hieß es: nicht gekört.