„Beseelt von der Freude am Reiten und der Liebe zum Pferd“

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Gabriele Pochhammer,. Herausgeberin St.GEORG (© Toffi)

Warum die deutsche Reitlehre zum kulturellen Erbe unseres Landes gehört, ist in der renommierten Wochenzeitung DIE ZEIT nachzulesen. Gutes Reiten wird nie unmodern, auch wenn so manche falsche Propheten das gerne mal vergessen.

In einer ZEIT-Sonderausgabe zum 75. Geburtstag des Grundgesetzes gehen Beiträge aus allen Ressorts den beiden Fragen nach: Was muss sich ändern, was soll bleiben in unserem Land?  Da werden so hehre Dinge angeführt wie die Erinnerungskultur, geschrieben von der 103-jährigen Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer, oder so praktische wie der Rucksack. Und, ich traute meinen Augen kaum, die Politikchefin Tina Hildebrandt, selbst Reiterin, schreibt über die klassische deutsche Reitlehre als ein Erbe, das es zu bewahren gelte. Das scheint auf den ersten Blick aus der Zeit gefallen. Haben nicht längst die Gurus und Gurulinen aller Geschlechter es übernommen, uns Reitern zu erklären, wie mit Pferden umzugehen ist? Die es Ausbildung nennen, wenn man einem Pferd beibringt, rückwärts durch zwei Stangen zu gehen? Nichts gegen vertrauensbildende Maßnahmen, nichts gegen die Basics im Umgang mit dem Wesen Pferd, dessen Psyche sich natur-entfremdeten Menschen nicht so ohne weiteres erschließt. Aber mit Reiten hat das natürlich nichts zu tun. Auch nicht die Theorien über Reiten nach Mondphasen und Sternzeichen, mit und ohne Halsriemen.

Natürliche Anlage fördern

Die gute alte Reitlehre ist nach wie vor die umfassendste, logischste und vernünftigste Art, Pferde auszubilden, so wie Hildebrandt es richtig beschreibt. Nach der legendären HDV 12, der Heeresdienstvorschrift von 1882, werden seit fast 150 Jahren Pferde ausgebildet, zum Glück seit 79 Jahren nicht mehr für den Krieg.  Sie hat ihren Ursprung in den von Gustav Steinbrecht (1808 bis 1885), dem renommiertesten Ausbilder seiner Zeit, formulierten Grundsätzen mit dem allseits bekannten Kernspruch „Richte Dein Pferd gerade und reite es vorwärts“. Anders als den Autoren früherer Reitlehren geht es Steinbrecht nicht in erster Linie um den Verwendungszweck des Pferdes, sondern um sein Wesen, um seine natürlichen Anlagen, die es zu fördern gilt. Das war ein völlig neuer Ansatz, auch wenn es in der HDV 12 dann doch wieder um den Verwendungszweck ging, nämlich um den Einsatz im Krieg. Ihren Weg in eine militärische Dienstvorschrift fand Steinbrechts Lehre nicht aus reiner Tierliebe, natürlich nicht. Sondern aus der nüchternen Überlegung heraus, dass nur ein gut ausgebildetes Pferd in der Lage ist, einen Kavalleristen, der in voller Montur rund zwei Zentner wiegt, über lange Strecken zu tragen, gewandt und schnell reagieren kann, in vertrauensvollem Gehorsam, ohne sich unnötig zu verschleißen. Und damit lange einsatzfähig ist – ganz simpel eine Frage der Wirtschaftlichkeit.

Die Lehre hat überlebt, weil sie gut ist. Sie ist gut, weil sie auf die Psyche und die Physis des Pferdes eingeht und das Ziel hat, das Pferd lange gesund zu erhalten. Deswegen passt sie auch heute noch. Nach dem Krieg wurde sie in sechs Bänden als „Richtlinien für Reiten und Fahren“ zunächst in das deutsche Turnierreglement übernommen. Sie ist auch der Grundstein des Dressurreglements der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI). Sie legte auch die Basis für die außergewöhnlichen Erfolge deutscher Reiter aller Disziplinen.  Hildebrandt zählt sie auf: 95 Olympiamedaillen seit 1912, davon 44 goldene, mehr als in jeder anderen olympischen Sportart.

Allein durch ihre militärische Herkunft war und ist die HDV 12 vielen Leuten verdächtig. In Verruf geriet die Reitlehre unter anderem durch den nach dem Krieg noch verbreiteten Typus des herumbrüllenden Reitlehrers militärischer Provenienz. Der Kasernenhofton ist aus deutschen Reitschulen weitgehend verschwunden, zum Glück. Aber diese Reitlehrer der ersten Stunde waren trotz des rauen Tons in der Regel erstklassige Fachleute, die Generationen von Reitern das Rüstzeug für ihren Sport mitgegeben haben. Sie hatten auf Pferden gelernt, die oft weit weniger begabt für eine dressurmäßige Ausbildung waren als die jungen Pferde, auf denen die Reiter von heute sitzen. Tief angesetzte Hälse, Unterhälse, Hirschhälse, gebundene Bewegungen, schlechte Mäuler und problematische Rücken sind mehr oder weniger weggezüchtet, wie auch Pferde mit schwierigem Charakter einfach nicht mehr zur Zucht verwendet wurden. Daraus resultierte der Zuchtfortschritt, den man auf jeder Auktion bewundern kann.

Gemessen wurde und wird die Reitlehre von ihren Kritikern oft an den Leuten, die sie nicht beherrschen, an Zerrbildern von zusammengezogenen Pferden und grob einwirkenden Reitern. Das ist unfair und dumm.  Das hat die Reitlehre, die auf dem Weg zum immateriellen Weltkulturerbe ist, nicht verdient. Schon den Vätern der HDV 12 ging es nicht nur um Disziplin und Gehorsam, auch um Liebe und Gefühl. Tina Hildebrandt zitiert: „Der Krieg fordert vom Reiter die sichere Beherrschung des Pferdes im Gelände, vom Pferd Gehorsam, Gewandtheit und Ausdauer. Dieses Ziel zu erfüllen, ist das Ziel der Ausbildung von Reiter und Pferd. Dauernden Erfolg wird sie nur haben, wenn alle Vorgesetzten und Untergebenen von der Freude am Reiten und der Liebe zum Pferd beseelt sind.“

Gabriele PochhammerHerausgeberin

Herausgeberin des St.GEORG, den sie als Chefredakteurin von 1995-2012 als erste Frau auf dieser Position verantwortet hat. Als Berichterstatterin auf elf Olympischen Spielen und unzähligen Welt- und Europameisterschaften. Erfolgreiche Pferdezüchterin: Der von ihr gezogene Wallach Leonidas II war eines der besten Vielseitigkeitspferde seiner Zeit. Eines der Fachgebiete: internationale Sportpolitik, schreibt für die Süddeutsche Zeitung.

  1. Remling-Emmrich

    Alles wahr und richtig, Frau Pochhammer. Ich habe noch bei Kavalleristen gelernt und besuche bei Gelegenheit immer noch Fortbildungen zu Reiten und Pferdethemen. Ich finde es sehr traurig, daß vor einigen Jahren noch hundert und mehr Teilnehmer bei Veranstaltungen mit hochkarätigen anerkannten Lehrgangsleitern zu finden waren, heutzutage kommen gerade einmal 30-40 meist ältere Interessenten. Viele Jüngere „wissen“ schon alles (besser) oder schauen Videos im Netz, ohne auf Qualität und Kompetenz zu achten bzw. diese beurteilen zu können. Ich sehe leider schwarz für die Überlieferung und den Erhalt des über Jahrhunderte gewachsenen Pferdewissens.

  2. Anja Sieg

    Ich gehöre auch zu denen, die bei einem Ex-Kavalleristen (in Wilhelmshaven) gelernt hat. Auf Schulpferden, die zwar überwiegend im Ständer standen – wir reden von Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre – aber bestens versorgt wurden. Jedes Schulpferd hatte seine Pfleger und wurde mehr als nur ein bisschen betüdelt. Und der Unterricht war gut, ohne Kasernenhofton, aber anspruchsvoll, und vielseitig – Halle, Platz, Gelände. Was wir nie getan haben – den Unterricht in Frage stellen. Geschadet hat es ganz bestimmt nicht.


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