Blog 8: Burgfräulein-Feeling, der General und traurige Grand Prix-Bilder

Pochhamers Rio Blog3

(© Pauline von Hardenberg)

Es gibt Neuigkeiten aus Deodoro. Aber die sind total harmlos. Ehrlich!

Seit gestern leben wir in einer Festung, Soldaten mit gezückten Gewehren, wohin man blickt, doppelt so viele wie vorher. 5500 Mann passen nach den neuesten Vorfällen auf uns auf, jeder von uns hat also praktisch mindestens einen Bodyguard. Die Busse müssen jetzt erst eine Panzersperre passieren, bevor sie in die Straße zum Reitstadion einbiegen können. Bevor wir im Pressezentrum sind, haben wir schon zwei Kontrollen hinter uns. Die  Soldaten sind meist sehr freundliche junge Leute, die beim Lachen ihr mit Zahnspangen bestücktes Gebiss zeigen. Warum das Ganze? Es gab einen „Incident“, einen Vorfall im Stallbereich. So wurden wir vormittags offiziell informiert, keine weiteren Infos. Nur: keine Toten. Ist ja schon mal was. Im Pressezentrum war nach dieser Rumpf-Meldung natürlich die Hölle los. Vorfälle kann es ja viele geben. Vergewaltigung? Brandstiftung? Spritzen? Eine aus der Turnierkiste gefallene Dose Capsaicin?

Aus dunklen Kanälen erfahre ich, dass „was gefunden“ worden sei. Also, um es kurz zu machen, es war ein weiteres Projektil, in einem Schuppen, in dem Futter gelagert wird. Von demselben Kaliber wie das, das vor drei Tagen durchs Dach des Pressezeltes schoss. OMG – Ein Heckenschütze in Deodoro? Die nette irische Kollegin fordert, das ganze Reitstadion zu evakuieren, die Schüsse kämen aus den Favelas. Und sie kämen immer näher. Nachmittags dann eine weitere Sicherheits-PK mit unserem alten Freund, dem Kommunikationsschef  Mario Andrada. „Ich habe ihnen einen Gast mitgebracht“, verkündet er strahlend. Dann ein Wetten-Dass-reifer Auftritt. Bühne frei für unseren heutigen Stargast, Generalleutnant Luiz Ramos. Forschen Schrittes betritt der General im Kampfanzug das Podium. „Ich bin 60 Jahre alt, seit meinem 14. Lebensjahr in der Armee. Ich war auf der ganzen Welt im Einsatz und kommandiere die erste Division der brasilianischen Armee.“

Pauline von Hardenberg

Nur keine Aufregung, ihr Zivilisten, alles in Ordnung! Findet zumindest General Ramos. (© Pauline von Hardenberg)

Jawoll. Seit zwei Jahren befasst er sich mit der Sicherheit im Olympia-Areal Deodoro. „I got a very special position.“ Dann informiert er über die zweite Bullet im Stall. Sie war nicht nur dasselbe Kaliber wie das Projektil im Pressezentrum, sondern passt zu der Waffe, die ein Mann dabei hatte, der zwei Kilometer entfernt vor zwei Tagen festgenommen wurde. Ob die Kugel wirklich aus dieser Waffe gefeuert wurde, wird derzeit untersucht. Bei der Verhaftung gab es eine kleine Schießerei, es sei aber keiner verletzt worden. Der Typ ist jedenfalls erstmal aus dem Verkehr gezogen. Aber zwei Kugeln in zwei Tagen sind ein bisschen viel. Das findet auch der General. Auf das ständige Kanonengedonner rund ums Reitstadion angesprochen, meint er, dass auf Truppenübungsplätzen geschossen werde, sei schließlich normal. Die militärischen Schießübungen sollten für die Dauer der Spiele eingestellt werden, verspricht er. Heute morgen wurde aber munter weiter geballert. Im übrigen sollten wir uns nicht so anstellen, es sei ja nicht gezielt auf uns geschossen worden, sondern die Kugel sei nur durchs Dach geplumpst. Quasi aus Versehen. Wenn das keine Beruhigung ist! Eigentlich ein ganz guter Typ, dieser General. Pauline wollte eigentlich ein Selfie mit ihm machen, hat sich dann aber doch nicht getraut. Ihre Heimatzeitung berichtet übrigens morgen groß in einem Vierspalter von den „gräflichen Fotos“ aus Rio! Die sind ja auch klasse!

Pauline von Hardenberg

Wie jetzt, Heino für Japan? Nee, das ist Paul Schockemöhle im Team-Outfit. (© Pauline von Hardenberg)

Inzwischen sind ja auch die Springreiter angekommen, Pauline war heute Morgen beim Training. Dabei stieß sie auf Neu-Japaner Paul Schockemöhle, der zusammen mit Florian Meyer zu Hartum die Reiter aus dem Land der aufgehenden Sonne betreut. Knallrot, jedenfalls besser als der ukrainische Papageiendress aus London.

Gestern toller Grand Prix Auftakt für unsere Dressurreiter, aber ein Drama um den 19-jährigen Parzival von Adelinde Cornelissen. „Er fühlte sich leer“ an, sagte Cornelissen die nach den ersten paar Lektionen aufgab. Mit heraushängender Zunge verließ der hochverdiente Fuchs die Arena. Er war tags zuvor von einem Insekt gestochen worden, hatte Fieber bekommen, die Backe schwoll an und entzündete sich, das Blut voller Toxine. Das Pferd wurde stundenlang infundiert, konnte aber nicht regulär behandelt werden wegen Doping-Gefahr. Am Ende wurde der Fuchs vom Team-Vet als „Fit to Compete“ ins Viereck geschickt. Die erste Reaktion kam von der nichtreisenden Reserve Madeleine Witte-Vrees. Sie war mit ihrem Hengst mit Cennin v. Vivaldi-Donnerhall zuhause geblieben, weil sie für den wahrscheinlichen Nichtstart die lange Reise nicht auf sich nehmen wollte. Sie schrieb sinngemäß, dass man Parzival von vornherein nicht hätte mitnehmen dürfen und dass er immer die Zunge habe heraushängen lassen. Nach dem Motto „Ich hab’s ja gleich gesagt“. Also richtig nett. Von seiner Erkrankung wusste sie zu dem Zeitpunkt nichts. Damit hat sie sich in Sekundenbruchteilen zum meist gehassten Menschen in Holland gemacht, das Internet kocht, die Kommentare in Facebook, die jetzt auf sie niederdonnern möchte ich nicht bekommen. Aber verdient hat sie sie.

 


St.GEORG GRATIS LESEN!

Schnell, aktuell und auf einen Blick wissen, was Sache ist! Das bietet der
St.GEORG Newsletter. Jetzt abonnieren und Sie erhalten eine Ausgabe
St.GEORG als ePaper gratis - zum immer und überall lesen.