Das große Geld im Pferdehandel – worüber man nicht spricht

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Spätestens seit der Causa Holsteiner Verband ist das Thema Provisionszahlungen beim Pferdehandel wieder in aller Munde. Gabriele Pochhammer hat sich umgehört, welche Erfahrungen es gibt mit Auktionen und sonstigen Pferdekaufs- und -verkaufsgeschäften.

Am Ende waren es zweifelhafte Provisionsversprechungen für Vorstandsmitglieder, die das Erdbeben bei den Holsteiner Züchtern auslösten. Es endete, wie man weiß, mit dem Rücktritt des Vorstands. Inzwischen werden die Scherben zusammengefegt und Konzepte entwickelt, wie es in Zukunft besser laufen könnte.

Das Thema Provisionen ist tatsächlich heikel, nicht nur in Holstein, und ist mit verantwortlich für das zweifelhafte Image des Pferdehandels, selbst wenn die Akteure keine Rosstäuscher sind. Aber irgendwoher muss diese betagte Bezeichnung für Leute, die mit Pferdehandel ihr Geld verdienen, ja kommen. Da wurde auf der Welle des jüngsten Tiefs im Norden so einiges nach oben gespült, alter Groll, von Leuten, die sich übers Ohr gehauen fühlen.

Der Züchter steht da wie der Dumme

Etwa die Geschichte von einem befreundeten Züchter, der ein Pferd über die Auktion in Neumünster verkaufte. Eine sechsjährige Stute, die nach einem Fohlen einen geraden Weg in den Sport gegangen war bis hin zu Platzierungen in Springpferdeprüfungen Klasse M. Die Ausbildung – der Züchter reitet nicht selbst, hat weder eine Anlage noch reitende Kinder – war nicht billig gewesen, kann sie auch nicht, wenn der Ausbilder seine Sache ordentlich macht. Kurz vor der Auktion wurde der Züchter von einem ihm unbekannten Mann angesprochen, das Pferd werde bei 19.000 Euro zugeschlagen. Da staunt man ja schon mal. Ich dachte immer, da bieten mehrere Leute, wer am meisten bietet, kriegt das Pferd, Ende offen.

Das Pferd wurde dann tatsächlich flugs für genau den Preis zugeschlagen, zu dem Auktionsaufgeld kam dann noch eine Provision für den Vermittler, am Ende wurden dem Züchter 13.000 Euro überwiesen, womit er gerade mal eines von zwei Ausbildungsjahren finanziert hat.

Wie schön, dass die meisten Züchter mit dem berühmten Milchmädchen verwandt sind, nicht allzu genau rechnen, sondern sich ihre Pferde als kostspieliges Hobby gerne leisten. Ob man auf diesem Modell langfristig eine gesunde Zucht aufbauen kann, ist eine andere Frage, die sich spätestens beim nächsten Generationswechsel stellt.

Inzwischen üblich

Zusatzprovisionen, also über das Auktionsaufgeld hinaus, sind inzwischen bundesweit üblich, wie mir versichert wurde. Sonst kommen die Zwischenhändler mit ihren Interessenten gar nicht erst. Fünf Prozent werden dafür quasi offiziell erhoben. Doch das reicht oft nicht. Eine Züchterin, die einen gekörten Hengst verkaufen wollte, erzählte, wie ein ungarischer Händler zu ihr kam und zehn Prozent zusätzlich verlangte. Sie hat gezahlt, man will ja nicht in Händlerkreisen als unzuverlässiger Kantonist verschrien sein. Gerade in diesem Metier sieht man sich immer zweimal.

Viele Gerüchte, die sich um die Auktionen ranken, sind nicht beweisbar, werden aber auch nicht dementiert. Von dem Telefonkäufer aus Übersee, der nur als kleiner Mann im Ohr des Auktionsassistenten existiert und kräftig den Preis hochtreibt. Oder von dem astronomischen Preis, zu dem ein Pferd angeblich zugeschlagen wurde. In Wirklichkeit war es zu einem bedeutend niedrigeren Kurs längt vor der Auktion fest verkauft. Dumm für den Interessenten, der guten Glaubens auf ein Pferd steigert, das längst nicht mehr zu haben ist. Hotelkosten, Flugticket, Mietwagen – ist doch sein Problem.

Lukrative Telefongespräche

Und dann ist da noch die Geschichte von dem Mittelklasse-Dressurpferd, das zwar alle Grand Prix-Lektionen im Programm hatte, aber eher im letzten Drittel der Ehrenrunde galoppierte. Es stand bei einem Ausbilder in einem Dressurstall im wahren Norden, der natürlich monatlich Geld für den Beritt bekam. Als die Besitzerin das Pferd verkaufen wollte, versprach er, die Dinge in die Hand zu nehmen. Der erste Schritt: Die Besitzerin durfte das Reiterstübchen nicht verlassen, wenn Leute kamen, das Pferd anzusehen und auf keine  Fall mit ihnen reden. Jeder direkte Kontakt wurde unterbunden, das ist in dieser Szene im Sinne der Preisgestaltung ganz wichtig.

Dann wurde eine Telefonkette in Bewegung gesetzt. Der Ausbilder, nennen wir ihn Trainer 1, rief Trainer 2 an, der wiederum Trainer 3, der kannte einen in USA, Trainer 4 hatte einen Freund, Trainer 5,  und der hatte eine Schülerin, die suchte ein Grand Prix-Pferd, wahrscheinlich in der Hoffnung, in vorderster Linie mitreiten zu können. Der Handel kam zustande, die Verkäuferin erhielt den vorher abgemachten Preis, die Käuferin zahlte das Doppelte und für Trainer eins bis fünf hatte sich das Abheben des Telefonhörers mehr als gelohnt. Wohl gemerkt: Vier von ihnen kannten das Pferd gar nicht, auch nicht die Reiterin, von „Vermittlungsarbeit“ kann also keine Rede sein. Und im Spitzensport tauchte das Pferd natürlich auch nie auf. Aber die neue Besitzerin soll es sehr geliebt haben, das ist ja auch was wert.

Natürlich muss ein Reitlehrer, der seine Schülerin beim Pferdekauf berät, für seinen Aufwand entschädigt werden und meinetwegen auch vom Verkäufer eine Provision erhalten. Vorausgesetzt, das wird vorher klar besprochen und der Trainer vermittelt nicht das Pferd, bei dem er das meiste Geld verdient, sondern das, was am besten passt.

Das meiste Geld wird natürlich bei den „High-Ende-Pferden“ verdient, mit denen Milliardärstöchter im Spitzensport mitspielen wollen. Fragte mich ein Freund neulich: „Glaubst Du etwa, wenn ein Pferd für fünf Millionen Euro verkauft wird, dass der Vermittler wirklich nur die üblichen zehn Prozent, abgreift?“ Nein, glaube ich nicht.


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  1. Line

    Ach wie schön. Gerüchte, Hörensagen und Mutmaßungen. Das ist natürlich Qualitätsjournalismus…
    Auch überhaupt nicht schädlich sowas unreflektiert auf Plattformen, die eigentlich für Berichte und Dokumentationen zu verbreiten.

  2. Berndride

    Interessant wird das alles erst wenn es zu einer Rückabwicklung kommt. Dann muss der Verkäufer den Kaufpreis erstatten, kann das aber gar nicht, da er keinen Zugriff auf die Provisioinen hatte. Dann viel Spaß vor Gericht.

  3. Matti

    Ich habe privat letztes Jahr privat ein neues Pferd gekauft- bis dahin war mir überhaupt nicht klar gewesen, was da hinter den Kulissen abgeht.

    Ich habe ein Pferd ausprobiert in einem anderen Stall, das passte nicht so gut, bereitwillig riet mir die Bereiterin aber doch, ihre Bekannte zu kontaktieren. Die wiederum war die Bereiterin für den Besitzer.

    Verwundert über den relativ hohen Preis (aber zu 100 prozentig sicher- Traumpferd gefunden) hakte ich nach. Und siehe da- im Endeffekt musste der Züchter nicht nur die Provision der Bereiterin zahlen, sondern auch an diejenige, die mir geraten hatte, mich dort zu erkundigen UND noch eine weitere Person als Zwischenmensch, von dem ich bis heute nicht weiß, wer das überhaupt gewesen sein soll.

    Jetzt gerade habe ich es anders rum- ich möchte meine zweite Stute verkaufen, weil sie nicht mehr reitbar, aber zur Zucht geeignet ist. Neulich hatte ich dabei mal eine Konstellation, da hätte ich sogar drauf zahlen müssen…. weil jemand einen kennt der einen kennt…. Finde ich echt gruselig und ehrlich gesagt besonders bitter für die Züchter….


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