Der Wahnsinn geht weiter

Deutsche Voltigierer mit Pferd aus Italien, Halluzinationen in der Pressestelle, ein TV-Interview, Rollstullfahrer als Zuschauer bei den Para-Reitern unerwünscht und Journalisten hinter Schloss und Riegel

Das war ja mal ganz etwas seltsames heute morgen in der Pressestelle. Es gab einen Tisch, auf dem Kaffee und Tee angeboten wurde, dann ein großer Korb mit knackigen normannischen Äpfeln, außerdem Schokomuffins, kleine Vanilleküchlein und Berge von Croissants. Kurz: Auf der Tischpatte stapelte sich in etwa die Kalorienmenge, die wir alle zusammengenommen in der vergangenen Woche über unterschiedliche Wege in Richtung Pressestelle geschafft hatten. Ich schwöre, es gab niemand, der dieses Umstand nicht kommentiert hätte. Die meisten waren der Meinung, sie würden nun allmählich von Wahnvorstellungen heimgesucht. Andere meinten, das seien vielleicht die Spätfolgen eines der Gläser Wein, zu der die FN uns deutsche Journalisten gestern Abend eingeladen hatten.
Mittags machte dann das gegenseitige Kneifen die Runde: Rolex hatte zum Lunch eingeladen und dafür extra die Plastikstühle aus dem Pressekonferenzbereich geräumt und ein paar Sofas sowie einen mobilen Tresen hineinräumen lassen. Voilà: Eine Lounge mit Fingerfood, Macarons und leckeren Schokoladenköstlichkeiten. Très bien!
Nicht ganz so happy waren die Voltigierer, bei deren Auslosung der Startplätze das nackte Chaos herrschte. Die Listen der Teilnehmer stimmten nicht mit den Angaben überein, die die Federationen fristgemäß nach Caen geschickt hatten. Also zückten die Equipechefs ihre Kugelschreiber und ergänzten erstmal überall die richtigen Namen. Und als dieses Chaos fertig war wurde dann gelost, dabei ging wieder etwas schief, bei den deutschen Voltis standen auf einmal die Namen der italienischen Voltigierpferde Völkerverständigung in allen Ehren, das geht dann doch zu weit.
Das dachten wohl auch die Securityordner in der Reininghalle am Samstagabend. Sie haben einfach mal abgeschlossen, ohne in die Pressestelle (die nicht AN, sondern IN der Abreitehalle untergebracht war) zu schauen. Kollegin Kim und der von ihr sehr geschätzten Ansager, der jede Pressekonferenz mit der Frage beginnt, dass es eine fantastische Leistung war und der/die Sieger(in) doch sicherlich wahnsinnig stolz auf das Erreichte sei, standen vor einer verschlossenen Tür. Und zwar richtig verschlossen: Eine fette Kette mit Vorhängeschloss ließ keinen Zweifel aufkommen: Hier ist dicht! Nach ein paar Minuten fanden sie dann jemand, der nach ein paar Minuten jemand fand, der einen Schlüssel hatte.
Mitten in der Nacht wurde der österreichische Para-Reiter Peppo Puch in seinem Wohnmobil aus dem Bett gescheucht er hat aufgrund seiner Behinderung eine spezille Matratze, deswegen ist er immer in diesem Auto unterwegs. Nachts um ein Uhr musste er umparken, warum hat ihm niemand verraten. Nur dass die Akkreditierungen seiner Tochter und seiner Frau nicht mehr galten, das erfuhr Familie Puch am nächsten Morgen, und dass das Büro zum Um- oder Neuakkreditieren nicht mehr besetzt sei.
Anderen Österreichern ist aufgrund von Kommunikationsproblemen auch schon mal das Gepäck vor die Tür oder in ein anderes Appartement geschleppt worden. Anfangs wurden unsere Nachbarn aus dem Alpenland noch hektisch, wenn sie in ein komplett leergeräumtes Zimmer kamen und ihr Gepäck spurlos verschwunden war. Jetzt beiben sie cool in irgendeinem anderen Zimmer wird es dann schon stehen. Bei den Para-Reitern gab es noch so einen unfassbaren Vorfall: Österreicher hatten ihren Sohn, der seit kurzem im Rollstuhl sitzt, mit einer Reise nach Caen überrascht. Vielleicht würde er ja beim Anschauen der Para-Wettbewerbe neue Energie schöpfen. Das musste er zwangsläufig, denn es gab keinen Platz für seinen Rollstuhl, er solle sich doch einfach auf die normale Tribüne besetzen, wurde ihm gesagt.
Von den organisatorischen Pannen sprechen nun auch die französischen Medien. Ein TV-Team von France 3 suchte heute eine Journalisten, der ihnen mal die größten Probleme aufzählt. Die Kollegen meinten, das sei ein Job für mich. Ich habe dann von Toilette bis Verpflegung, von Security Ordern und Menschen, die draußen die Straßen verstopfen, so dass Autos und Shuttlebusse nicht durchkommen, weil die Tore erst eine Stunde vor Prüfungsbeginn geöffnet werden, berichtet. Ich meine, in den Augen des französischen Interviewers eine Mischung aus Ungläubigkeit und Mitleid erkannt zu haben. Auf dem Weg zurück zu seinem Ü-Wagen griff er sich noch schnell einen Apfel. Mal sehen, ob die morgen auch noch da sind.


St.GEORG NEWSLETTER

Schnell, aktuell und auf einen Blick wissen, was Sache ist!
Das bietet der St.GEORG Newsletter.