Klimasünder Pferd?

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

In der Schweiz haben sich Wissenschaftler mit dem ökologischen Fußabdruck von Haustieren beschäftigt. Die Ergebnisse sind in etwa so nutzbringend wie Feuerwerk an Silvester.

Als Reiter und Pferdehalter ist man es inzwischen ja gewöhnt, von selbst ernannten Tierschützern mit Dreck beworfen zu werden. Die betreffen nicht nur real vorhandene Missstände, wie schlechte Haltung, zu wenig Bewegung und rücksichtsloses Reiten, die selbstverständlich auch von den Pferdeleuten selbst bekämpft werden – mit deutlichen Erfolgen. Es gibt sogar Leute, die es für eine Zumutung halten, wenn ein Pferd vor eine Kutsche gespannt wird oder einen Reiter tragen muss. Aber es gibt auch Wind aus anderer Richtung.

Rechenbeispiele

Bereits vor einigen Jahren haben die beiden neuseeländischen Autoren Brenda und Robert Vale den „ökologischen Fußabdruck“ von Haustieren untersucht, angefangen bei Hund und Katze. Kurzfassung: Ein Hund ist so was wie eine Ökokatastrophe, schlimmer als ein großer PKW in puncto Verursachung von Klimaschäden. Aber der schlimmste Umweltsünder sei das Pferd, wie jetzt eine Praktikumsarbeit in der Schweiz verkündete. „Wir haben gemerkt, dass es für Haustiere bisher noch keine wirklich gründliche Ökobilanz gab“, wird Niels Jungbluth, Geschäftsführer von ESU-Services, einem Unternehmen, das sich auf Ökobilanzierung spezialisiert hat, in der Süddeutschen Zeitung zitiert. „Nun haben wir das für einige ausgewählte Tierarten untersucht.“

Dabei wurde die Ökobilanz von sechs Haustierarten (Pferd, Hund, Katze, Kaninchen, Ziervogel und Zierfisch) erstellt. Es wurden alle relevanten Einflüsse auf die Umwelt erfasst: Fütterung, Unterbringung, Fäkalien, PKW-Fahrten, Anschaffung von Zubehör. Bewertet wurden die Belastung der Umwelt durch oben genannte Faktoren und der Beitrag zur Klimaveränderung. Erkenntnis Nummer eins – Achtung Überraschung: Größere Tiere machen mehr Dreck als kleine. Goldfischbesitzer können also aufatmen. Pferdehalter nicht, denn laut den Berechnungen von Jungbluth und seiner Mitarbeiterin Jasmin Annaheim verursache die Haltung eines Pferdes über ein Jahr eine Umweltbelastung vergleichbar einer 21.500 Kilometer langen Autofahrt. (Der durchschnittliche Deutsche fährt pro Jahr nur etwa 13 000 Kilometer.)

Mit Statistiken kann man bekanntlich vieles beweisen, auch diese Plattitüden: Große Tiere fressen und trinken mehr als kleine. Günstig ist es, wenn mehrere Personen, etwa eine Familie, das Tier gemeinsam halten. Das verbessert die Pro-Kopf-Bilanz (des Menschen). Auch die Fütterung spielt eine Rolle für die Umweltbilanz. Wenn jeder Ballen Heu durch die Schweizer Berge chauffiert werden muss, weil vor Ort zu wenig wächst, ja dann macht das am Ende mehr Kilometer und damit CO2-Ausstoß  als der Familienausflug per PKW. „Es ist zwar nicht zu erwarten, dass ein Pferd bei optimal umweltfreundlicher Haltung auf das Niveau eines Hundes kommt“, sagt Annaheim. „Aber werden anstelle von Stroh als Streu lokale Hobelspäne verwendet, sinkt die Umweltbelastung immerhin um fast 30 Prozent.“ Nett gedacht, aber Stroh ist für den Verdauungsapparat des Pferdes in vielen  Fällen besser als Späne. Und dass Pferdemist nicht nur einfach Dreck ist, sondern gefragter und nützlicher Dünger, das steht da auch nicht.

Was man tun kann

Man sollte aber nicht nur hohnlachend die eidgenössischen Rechenspiele zur Kenntnis nehmen. Natürlich müssen wie uns wie in allen Lebensbereichen nach ökologischen Sünden fragen. Muss das besondere Heu wirklich aus Südfrankreich per LKW bis nach Norddeutschland gekarrt werden, wie ich es schon erlebt habe? Und ist das industriell nach ausgeklügelten Rezepten aufbereitete Fertigfutter, das natürlich eine schlechtere Ökobilanz hat als Hafer, Mais und Gerste wirklich das Nonplusultra, als das es uns angepriesen wird?

Aber wir lassen uns nicht weismachen, dass unsere Pferde eine Gefahr für Umwelt und Klima sind. Wo Pferde weiden, ist der Boden naturbelassen und nicht verdichtet, wer reitet, dem bleibt keine Zeit für andere, wesentlich umweltfeindlichere Freizeitvergnügen. Kein Sport bringt Natur und Mensch so zusammen wie die Beschäftigung mit dem Lebewesen Pferd.

Und das, was Pferde für uns Menschen leisten, findet sich ohnehin in keiner Ökobilanz: Freude, Bewegung, Wärme, Vertrauen. Pferde sind Mutmacher, Tröster und fast beste Freunde. Sie ersetzen Sportgeräte und Psychotherapeuten, sie geben Kranken und Behinderten neue Lebenskraft, ermöglichen jungen und nicht mehr so junge Menschen sportliche Erfolgserlebnisse. Aber das wissen wir ja alles, es muss vielleicht nur mal jemand den Ökobilanzierern sagen. Jedes noch so kleine Lebewesen „verbraucht“ Umwelt: Wasser, Luft, Nahrung. Dagegen hilft nur, gar nicht erst geboren zu werden. Wer lebt, ist ein Umweltsünder. Nur Steine sind keine.

Übrigens: Jungbluth hat errechnet, dass alle Haustiere – berechnet für die Schweiz – zusammen nur 1,2 Prozent der totalen durch Konsum verursachten Umweltbelastung ausmachen; Mobilität, Ernährung und Wohnen sind die Hauptprobleme. Da darf man wohl von Peanuts sprechen, oder?

Gabriele Pochhammer


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