Entfernte Welten – was Horsemanship woanders ist

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Gabriele Pochhammer, Herausgeberin St.GEORG (© Foto: Bugtrup, Montage: st-georg.de)

St.GEORG-Herausgeberin Gabriele Pochhammer über das, was Horsemanship ausmacht – und was nicht.

Wenn Briten von Pferdeleuten, von „Horseman“, sprechen, dann meinen sie jemanden, der Pferde intuitiv versteht, in ihre Seele blicken kann und auf Anhieb erkennt, was sie leisten können und was nicht. Eine Gabe, die nur bis zu einem gewissen Grad erlernt werden kann. Es spielt im Grund keine Rolle, mit welcher Sparte des Pferdesports sich der „Horsman“ beschäftigt, ob mit Springen, Dressur, Eventing, Rennen, Polo, Hunting oder Pferdezucht. Anders als bei uns sind die Pferde-Interessen der Briten oft übergreifend. Erklärte Rennbahn-Freaks reiten im Winter hinter den Hunden oder steigen selbst in den Sattel bei den Querfeldeinrennen, den Point-to-Points oder sind zugleich begeisterte Polospieler. Das eine schließt das andere nicht aus.

Hochadel mit Pferdefimmel

Die Royal Family macht es vor, Thronfolger Charles ritt in Windsor in Springparcours, folgte den Hunden im Jagdfeld  – bis die negative Presse ihn davon abhielt, zu Zeiten, als noch lebende Füchse gejagt wurden –  und holte sich auch in Hindernisrennen die eine oder andere blutige Nase. Er galt als guter Polospieler, wie auch seine Söhne William und Harry.

Prinzessin Anne war nicht nur eine Vielseitigkeitsreiterin von Weltrang, wurde Europameisterin und nahm an Olympia teil, man sah sie auch mit einem ihrer Sprösslinge am Führzügel in der Kinderabteilung des Jagdfeldes. Ihre Tochter Zara wurde Vielseitigkeitsweltmeisterin und gewann in London olympisches Silber.

Prinzgemahl Philip, der Herzog von Edinburgh wechselte nach seiner Polokarriere auf den Kutschbock eines Vierspänners, nahm an Weltmeisterschaften teil und fuhr so manches vierrädrige Museumsstück zu Bruch, was seiner Passion keinen Abbruch tat. Im achten Lebensjahrzehnt schließlich spannte er die leichter zu handhabenden Fell Ponys vor den Wagen und weiter ging’s solange es die Kräfte erlaubten.

Und erst die Queen selbst! Zwar nie eine Wettkampfreiterin, steigt sie doch noch bis heute regelmäßig in den Sattel. Inzwischen in den eines Fell-Ponys mit bequemer Widerristhöhe. Davor ritt sie wunderbare Vollblüter und zur Geburtstagsparade im Juni („Trooping the Colour)“ einen Rappen, Geschenk der Mounted Canadian Police. Der stand wie eine Mauer auf dem großen Paradeplatz Horse Guard Parade – da wo 2012 die Beach Volleyballer um olympisches Gold kämpften – während seine Reiterin im Damensattel und in der Uniform eines Garderegiments die Parade abnahm. In ihrem Gefolge Prinz Charles und Prinz Philipp mit Bärenfellmützen hoch zu Ross und heute auch Prinzessin Anne, seitdem sie Ehrenoberst eines Kavallerieregiments ist.

Dass sie nicht unbedingt ein stoisches Pferd braucht, zeigte die Queen, als ein Geistesgestörter in ihrer unmittelbaren Nähe beim Rückweg von der Parade zum Buckingham Palace, eine Bombe hochgehen ließ. Das Pferd scheute, aber die Queen behielt alles im Griff. Seit diesem Zwischenfall fährt sie in einer Kutsche zur Geburtstagsparade.

Daneben ist sie eine begeisterte und hoch erfolgreiche Züchterin von Rennpferden. Mehr als 600 mal galoppierte ein Pferd in den Farben der Queen als erstes durch Ziel. Nicht nur den Blütern gehört ihre Passion, auf ihrem schottischen Anwesen Balmoral züchtet sie Highland Ponys, die Rasse, die in den unwegsamen Bergen das Wild zu Tale schleppt. Und wer je gesehen hat, wie die Queen ein Pferd streichelt, es lobt, weil es für sie ein Rennen gewonnen hat oder für seinen Reiter eine andere Prüfung, der weiß was gemeint ist mit dem Begriff „Horseman“, der in diese Fall eine „Horsewoman“ ist.

Und hierzulande?

Mit solchen Qualitäten können unsere Staatenlenker nicht aufwarten – aber das ist ja auch ihr geringstes Problem. Doch Allround-Pferdeleute wie die Queen, die findet man bei uns auch unter Reitern selten oder gar nicht. Da schwört jeder auf seine Spezialdisziplin und hält seinen Way of Life mit Pferden für den besten, ja oft den einzig möglichen.

Wann verirrt sich ein Springreiter auf eine Dressur-Tribüne, das gab es nur zu Zeiten des hochgejubelten Totilas? Wann wagt sich ein Dressurreiter mit seinem Pferd ins Gelände? Er muss ja nicht gerade im Jagdfeld hinter den Hunden galoppieren, wie es einst der Reitmeister des letzten deutschen Kaisers, Otto Lörke, mit seinem Grand Prix-Pferd Fanal tat. Die Rennleute bleiben sowieso unter sich und zwischen Freizeitreiter und Turnierreiter tun sich oft Abgründe auf. Die einen fühlen sich als die wahren Pferdefreunde, verachten die anderen als ehrgeizige Tierquäler, die auf Kosten ihrer Pferde Selbstbestätigung und Maximalverdienst suchen, die anderen lächeln über die Feld-, Wald und Wiesenreiter mit ihren Ganzjahres-Offenställen.

Das ist ignorant und nicht sehr klug. Denn in den Zeiten, in denen sogenannte Tierschützer es bereits frevelhaft finden, überhaupt einen Sattel auf den Rücken eines Pferdes zu legen, geschweige denn ein Pferd vor eine Kutsche zu spannen, sitzen die Pferdeleute notgedrungen in einem Boot. Es gibt Horsemen in jeder Sparte und andersherum Menschen, bei denen jede Bewegung gegen das Pferd läuft und nicht mit ihm. Nur hier darf die Trennlinie verlaufen. Die Pferde werden es uns danken.

 


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  1. Maike B.

    Eine niederländische Pferdezeitschrift hat in jeder Ausgabe die Rubrik „Teste meine Disziplin“ – Dressurreiter besucht Vielseitigkeitsreiter, Distanzreiter im Springsattel etc. Der Gastgeber sucht Pferd und Aufgabe, der Gast gibt sein Bestes und man informiert auch über die gängigen Vorurteile.

    Liebe St. Georg – wie wärs?

  2. st

    Selten habe ich hier einen Beitrag gelesen dem ich so aus ganzem Herzen nur zustimmen kann.
    Wenn wir Reiter nicht das Verbindende sehen, werden wir sportlich mit unserem Partner Pferd nicht bestehen können und verschwinden.


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