Warnschuss in Richtung Wüste

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Eine kleine Regeländerung, über die die FEI im Herbst abstimmen muss, könnte große Wirkung haben. Dann könnten eine ganze Disziplin aus dem Weltverband ausgeschlossen werden. Und die Zukunft von Weltreiterspielen entscheidet sich nicht zuletzt daran, ob der „Uhrenkrieg“ in der FEI weiterhin die Oberhand über den Sport behält.

Die Weltreiterspiele in Tryon sind Geschichte. Irgendwann werden die hochfliegenden Pläne von Mark Bellissimo und seinen Milliardärsfreunden sicherlich Gestalt annehmen. Leider für andere als für die Athleten der Weltreiterspiele, wie einst versprochen. Die Tryon-Organisationsleiterin Sharon Decker hat schon keck angekündigt, dass man sich in einigen Jahren wieder bewerben werde, wenn alles fertig ist. Die Chuzpe muss man erstmal haben.

In der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) wird derweil überlegt, wie man das Konzept Weltreiterspiele retten kann. Oder ob man es überhaupt retten sollte. Ernsthafte Bewerbungen liegen derzeit nicht vor, es hätten aber verschiedene Veranstalter „Interesse gezeigt“, wie FEI-Generalsekretärin Sabrina Ibanez versicherte. Man kann davon ausgehen, dass kein vernünftiger Veranstalter mehr Lust hat, sich das Distanzreiten anzutun. Es ist ein Riesenaufwand mit mehr als 100 Pferden (in Tryon waren es 123). Und von Anbeginn an, seitdem die 160-Kilometer-Ritt zum Programm der Weltreiterspiele gehört, gab es Ärger, hohe Ausfälle und demzufolge schlechte Presse.

Auf diese medialen Misstöne, die allzu leicht auf den Pferdesport insgesamt übergreifen, kann jeder Veranstalter gerne verzichten. Mal ganz abgesehen von den mühseligen Vorbereitungen und der wachsenden Schwierigkeit, eine Strecke zu finden, mit der alle leben können: die Grundeigentümer, die Reiter, die Organisatoren und am Ende die Öffentlichkeit. Immerhin ist es schwer zu vermitteln, wenn nur ein Bruchteil der Teilnehmer das Ziel erreicht. Oder wenn ein hoher Prozentsatz der Pferde in Kliniken behandelt werden muss.

Das alles weiß die FEI und deswegen wird für die Generalversammlung Mitte November in Bahrain innerhalb der Statutenänderung ein Absatz vorbereitet, der es gestattet, sich von dieser Disziplin zu verabschieden. Die Generalversammlung soll ermächtigt werden, auf Empfehlung des Vorstands eine Disziplin zu streichen, heißt es da. Darüber wird im Paket mit anderen Änderungen abgestimmt, größere Diskussionen sind unwahrscheinlich. Alles ist ja auch sehr unverbindlich formuliert und es ist kaum zu erwarten, dass ausgerechnet in Bahrain, wo die FEI-Delegierten zu Gast bei ihrem Vizepräsidenten, Seiner Hoheit Scheich Khalid Bin Abdullah Al Khalifa, sind, die Scheich-Spezialdisziplin sofort rausgeschmissen wird. Das würde wohl als unfreundlicher Akt gewertet. Aber die Regel wäre erstmal geschaffen.

Zwischen Sport und Sponsoren

Das andere Problem ist das Sponsorengerangel innerhalb des Spitzenreitsports. Es geht um die beiden Uhrenhersteller Longines und Rolex. Erstere sind seit einigen Jahren mit der FEI verheiratet, die Nationenpreisserie, der Springreiter-Weltcup und auch die Weltreiterspiele laufen unter Longines-Flagge. Zu den Veranstaltern, die nicht bereit waren, die viel längere Partnerschaft mit Rolex aufzukündigen, und die deshalb nicht Teil der Nationenpreisserie sind, gehören  das CHIO Aachen und das CSIO Calgary. Beide Plätze zählen nach Experten-Ansicht zu den wenigen, wenn sie nicht die Einzigen sind, die Weltreiterspiele stemmen können. Aachen hat es 2006 bewiesen, dort spricht man von „schwarzer Null“ und hat es immerhin fertig gekriegt – unter anderem mit Hilfe von Steuergeldern – die gesamte Turnieranlage zu modernisieren und fit für die Zukunft zu machen.

Solange die FEI daran gebunden ist, die Weltreiterspiele passend zu den Sponsoren auszusuchen, solange der Sport also nur die zweite Geige spielt, wird es mit einer WEG-Neuauflage schwierig werden. Aber halt, manchmal siegen auch Vernunft und gesunder Menschenverstand. Als ich ein Jahr vor den Weltreiterspielen in Tryon war, prangten die Rolex-Banden an jeder Ecke. Für die zwei Wochen der Spiele hatte dann Longines das Sagen. Jetzt steht wieder Rolex ganz oben auf der Sponsoren-Liste. Geht doch. Wenn man wirklich will.


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