Deutsche Springreiter: Abstieg wegen Tierschutz?

Die deutschen Springreiter müssen ihre Entscheidung, auf den Nationenpreis in St. Gallen zu verzichten, um ihre Pferde zu schonen, womöglich mit dem Abstieg in die zweite Liga teuer bezahlen.

Wegen des nach tagelangem sintflutartigen Regen grundlos gewordenen Geläufs hatten Bundestrainer Otto Becker und seine Reiter Ludger Beerbaum, Christian Ahlmann, Marcus Ehning und Meredith Michaels-Beerbaum beschlossen, auf den Start im Nationenpreis zu verzichten. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits mehrere Prüfungen des CSIO-Turniers gestrichen, um den Boden zu schonen. Das Reglement sieht vor, dass Superleague- Mannschaften, die trotz Nennung im Nationenpreis nicht starten, alle Punkte der laufenden Saison verlieren, sich damit nicht fürs Finale qualifizieren und in die zweite Liga abrutschen. Das war den Deutschen vor dem Rückzug bekannt. Aber das Wohl der Pferde steht an erster Stelle, sagte Otto Becker, Wir dürfen nicht riskieren, dass sie sich verletzen. Letztendlich haben da auch die Besitzer noch en Wort mitzureden. Falls in der nächsten Saison nicht nur acht, sondern zehn Mannschaften in der ersten Liga starten, haben die Deutschen noch eine Chance, dabei zu bleiben. „Wir werden jetzt prüfen, was sich machen lässt,“ so Otto Becker.

Ludger Beerbaum zeigte sich vor allem enttäuscht über seine Reiterkollegen: Am Anfang waren mehrere Mannschaften der Ansicht, man könne unter diesen Bedingungen nicht reiten, aber als John Roche (Ressortleiter Springen der FEI, Anm. d. Red.) ihnen die Folgen vor Augen führte, sind sie eingeknickt. Besonders empörte ihn die Ansicht, dass den Zweitpferden die katastrophalen Bedingungen zuzumuten seien. Alles Gerede vom Welfare of the Horse wird doch dadurch total unglaubwürdig. Außerdem weist Beerbaum darauf hin, dass der Nationenpreis in St. Gallen in mehreren Punkten nicht regelkonform war: Eigentlich darf man keine Pferde noch zwei Stunden vor der Prüfung tauschen und auch nicht mehr den Ersatzreiter einsetzen. Im übrigen wurde sowohl die Dreifache als auch der Wassergraben herausgenommen, damit kann der Nationenpreis von St. Gallen nicht mal als Qualifikation für die WM gewertet werden.

Wie richtig die Entscheidung der Deutschen war, zeigte sich wenig später: Der zweite Umlauf wurde gestrichen und durch ein Stechen mit jeweils einem Reiter ersetzt. Am nächsten Tag wurde das ganze Turnier wegen untragbarer Wetter- und Bodenbedingungen abgesagt. Im Nationenpreis siegten die Briten, die allerdings nicht wie ursprünglich geplant ihre besten Pferde, sondern die zweite Garnitur sattelten. Dieser Sonderreglung hatten die Equipechefs am Abend zuvor zugestimmt. Offenbar gilt die Gesundheit des zweiten oder dritten Pferdes weniger als die des Top-Vierbeiners. Das Wohl des Pferds ist paramount, steht über allem so lautet der erste Satz des Code of Conduct der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI). Aber das wohl nur, solange die Interessen finanzstarker Sponsoren nicht berührt sind. In die Nationenpreise fließt seit dieser Saison saudiarabisches Geld. Wir haben versucht, höhere Gewalt geltend zu machen, sagt Otto Becker. Der in St. Gallen anwesende John Roche hatte sich telefonisch mit dem belgischen FEI-Generalsekretär beraten, der in St. Gallen nicht anwesende Ingmar de Vos lehnte es aber ab, die Wetterbedingungen als höhere Gewalt einzustufen. Worauf wartet er? Auf ein Erdbeben? Oder auf Attacken von Außerirdischen?

Gabriele Pochhammer

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