Kunst-Schaum: FEI erklärt Maul-Tricksereien in der Dressur den Krieg

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Kunst-Schaum an der Oberlippe: Dressurpferd im WM-Viereck. (© Pauline von Hardenberg)

„Künstlicher“ Schaum macht’s möglich: Das Maul offen, die Zunge mitunter violett, aber dennoch viel weiß an den Lippen. Wer nicht reiten kann, versucht es mit Schaum aus der Dose. Das will der Weltreiterverband (FEI) nun verbieten.

Satter Schaum vorm Maul, ein Pferd, das zufrieden kaut. Die Anlehnung leicht, das Pferd in Selbsthaltung. Der Reiter oder die Reiterin, bevorzugt im Frack unterwegs, hat kaum mehr in der Hand als das Gewicht der beiden Zügelpaare. Das ist die Theorie. So soll Dressurreiten aussehen, tut es aber meistens nicht.

Nun gibt es Pferde, die mehr speicheln und solche die weniger Schaum entwickeln. Und es gibt„tote Mäuler“, solche, die keinerlei Bewegung zeigen, sowie „trockene Mäuler“. Bei denen ist die Anlehnung, zumindest mitunter, vollkommen in Ordnung. Nur dass das Pferd diesen Umstand nicht mit genüsslichem Schmatzen auf den Gebissen quittiert. Schaum? Fehlanzeige.

Ist das Schaum am Maul?

Nun liegt es in der Natur des Dressursports, dass hier auf Äußerlichkeiten peinlich genau geachtet wird. Von Richterseite, wenn Galoppsprünge und Piaffetritte gezählt, ungenaues Abwenden oder „Ankommen vor dem Punkt“ protokolliert wird. Auf Reiterseite genauso, nicht nur Stichwort „Bling, Bling“, Oufit und Ausrüstung. Es mag nicht alles Gold sein, was glänzt. Aber glänzen will man (frau genauso) schließlich und wenn schon nicht nur durch Leistung, dann doch jedenfalls mit Hilfe der Hersteller, die demnächst vermutlich die Bergkristall-Splitter aus den Alpen auch noch in Schweifsprays integrieren werden.

Blöd nur, wenn der Glanz im Maulbereich aufhört. Dann muss man nachhelfen, schließlich ist ein Maul ohne Schaum auch auf 60 Meter zu erkennen. Und das ist die Maximaldistanz, um die sich im Dressurviereck so einiges dreht. Was tun, wenn das Pferd kein „Natural born Sabberer“ ist? Was, wenn Schaum so gut wie gar nicht erscheint? Oder wenn, dann eher am treibenden Schenkel auf schweißnassem Fell? Dann hilft der Griff zum Hilfsmittel.

Es soll Zeiten gegeben haben, in denen Weltmeister junger Dressurpferde durchs Viereck trabten, das Buggelenk voller weißer Schaumflocken, und dabei einen Duft verbreiteten, der Männern, die sich nass, sprich mit Rasiergel oder -schaum, rasierten, doch recht geläufig war.

Wohl nicht zuletzt aus der Angst, dass die enthaltenen ätherischen Öle ein positives Dopingergebnis verursachen könnten, ist dieser frische Duft aus den Arenen mittlerweile verschwunden.

Aber nicht die Manipulation des Mauls ohne Schaum!

Marshmellow Fluff an der Lippe

Pferdemäuler, an deren Lippen eine weiße Substanz klebte, und zwar recht hartnäckig, sind Insidern schon länger aufgefallen. Die Dressur-Webseite Eurodressage hatte das Thema erstmals aufs Tableau gebracht. Bilder aus den Jahren 2016 bis 2020 dokumentierten die mittlerweile weit verbreitet Praxis.

Mit einer klebrigen Substanz, es soll sich um Marshmallow-Schaum, „Marshmallow Fluff“, handeln, wird den Pferden ein weißes Maul „geschminkt“. Sollte das besagte Pferd doch noch auch selbst Schaum entwickeln, ist die Paste aus Eischnee, Zucker- und Maissirup trotzdem so klebrig, dass sie sich kaum auf- bzw. ablöst. Der Schein bleibt also bewahrt. Das ist wichtig in diesem Sport.

Stewards waren die Hände gebunden

Für diverse Reiterinnen und Reiter, darunter auch durchaus viele, die für ihr feines Reiten auf Social Media Kanälen gefeiert werden, schien der Griff in die Dose mit dem weißen Klebezeug so selbstverständlich zum Auftrensen auf dem Turnier zu gehören wie das Einhaken der Kinnkette. Die Praxis fiel auch Stewards und Tierärzten bei der obligatorischen Gebisskontrolle auf. Kunststück – wer schon mal mit Einmal-Gummihandschuhen und klebrigen Substanzen gearbeitet hat, weiß welche Freude das sein kann. Allein: Es gab keine rechtliche Handhabe gegen den Fake-Schaum. Das soll nun anders werden. Die FEI hat einige Dinge in den Dressur-Regeln als „urgent repair“, also „dringend in Ordnung zu bringen“ eingestuft. Darunter auch unter der Überschrift „Gadgets“ („Vorrichtungen/Einrichtungen“) ein Hinweis, der der Praxis mit dem weißen „permanent Make Up“ einen Riegel vorschiebt.

Gelbe Karte für falschen Schaum

Gleich zweimal ist weiße Farbe nun ausgeschlossen. So sind weder farbige Wundsprays noch Pasten am Pferdekörper erlaubt. Und der Marshmallow Fluff in den Putzboxen sollte nun auch Schnee von gestern sein:

Es ist strengstens verboten jedwede weiße Substanz rund um das Pferdemaul zu verwenden, um Schaum zu imitieren. Dies stellt einen Betrugsversuch dar und verstößt gegen das Wohlbefinden des Pferdes, weil es Verletzungen an der Lippe überdecken könnte. Wer dies tut, wird verwarnt oder erhält eine gelbe Karte. (PROPOSAL FOR RULES CHANGES OF DRESSAGE RULES).

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