Abschied von einem Pionier des Distanzreitens – Bernhard Dornsiepen sen. ist gestorben

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Bernhard Dornsiepen (© Julia Rau)

Mit 85 Jahren verstarb am vorletzten Tag des Oktober 2020 Bernhard Dornsiepen sen., der Mann, der das Distanzreiten in Deutschland groß gemacht hat und – wie auch sein gleichnamiger Sohn – für das Gute in diesem Sport steht.

D wie Distanzreiten, D wie Dornsiepen. Der Name ist hierzulande so untrennbar mit der Langstreckenreiterei verbunden, wie Tempo mit Taschentuch. Nun ist Bernhard Dornsiepen sen. im Alter von 85 Jahren gestorben. Er war der erste, der eine Medaille für Deutschland im Distanzsport gewann. Insgesamt wurden es drei Bronzemedaillen bei Welt- und Europameisterschaften sowie eine Mannschaftssilbermedaille bei den Europameisterschaften 1985 in Österreich im Sattel von Drago.

Vor allem aber steht der Name Dornsiepen auch für die gute Art des Distanzsports, das Distanzreiten, statt -rennen. Das galt für den Senior, der später Ehrenmitglied des Vereins Deutscher Distanzreiter und -fahrer (VDD) wurde, und gilt noch immer für den Junior.

Unser großes Mitgefühl der Familie von Bernhard Dornsiepen sen.!


Wer die Dornsiepens und ihr Verständnis vom Distanzsport näher kennenlernen möchte, dem sei unsere Reportage über Bernhard Dornsiepen Jun. aus dem Jahr 2014 ans Herz gelegt.

Bernhard Dornsiepen – Gerade heraus!

Julia Rau

Bernhard Dornsiepen mit dem inzwischen 17-jährigen Rio, der seit 2010 internationale Distanzritte geht und noch letztes Jahr in Rotenburg über 160 Kilometer siegreich war.

Eine Reportage von Leah Laven

Wenn es im Reitsport Negativschlagzeilen gibt, dann haben sie oft mit dem Distanzsport zu tun. Bernhard Dornsiepen zeigt, dass es auch anders geht.

Sobald man die Autobahn in Richtung Tiefen des Sauerlands verlässt, ist man angekommen: Mitten in der Idylle würden die einen sagen, andere würden vom Niemandsland sprechen. Je weiter man sich in Richtung Balve-Eisborn, dem Heimatort von Bernhard Dornsiepen, vorkämpft, umso enger und kurviger werden die Straßen, größer die Wälder und Wiesen und höher die Berge. Die Hauptstraße führt in den kleinen Ort. Direkt an der Straße, allerdings ein, zwei Meter höher, liegt eine Stallgasse, „Ponyhof“ steht auf der Mauer geschrieben. Es ist Friede, Freude, Eierkuchen pur.

Der große Transporter des Distanzreiters steht auf dem Hof, am späten Nachmittag ist er fertig mit seinem Job als Hufschmiedemeister. Heute stand als letztes sein Spitzenpferd Rio auf seiner Liste. Der kleine Braune ist ein Trakehner-Araber-Mix.

Der Wallach wartet mit gespitzten Ohren auf seinen Reiter, Besitzer und Züchter. Den Hals legt er über die Boxentür und die Augen werden größer, als Bernhard Dornsiepen endlich um die Ecke biegt. Rio ist voller Tatendrang, den er aber nicht ausleben darf.

Eine Verletzung macht einen Strich durch seine Bewegungsfreude und die Weltmeisterschafts-Planungen von Bernhard Dornsiepen. Drei Monate muss der Wallach wegen einer Entzündung am Gleichbein pausieren. „Natürlich wäre ich gerne bei der Weltmeisterschaft dabei gewesen und es geht mir schon nah“, gesteht er ein. Die Zeit vor der Diagnose wäre viel schlimmer gewesen: „Es geht mir nicht gut, wenn ich nicht weiß, was er hat. Aber jetzt bin ich eher erleichtert, weil ich weiß, dass er wieder wird“, sagt er. „Es geht immer noch um ein Lebewesen. Wenn es nicht fit ist, geht es nicht!“

Deutliche Worte

Bernhard Dornsiepen ist ein Pferdemann, der mit seiner Meinung nicht hinterm Berg hält. Er lebt für seinen Sport und vor allem für die Pferde. Gerade deshalb beginnt sein Blut zu kochen, wenn er über die Reiter aus den arabischen Ländern spricht. „Die machen den Ruf unseres Sports kaputt und das macht mich wütend. Das Problem ist: Du bist da einfach ohnmächtig, die FEI reagiert oft nicht entsprechend. Ich als Sauerländer würde da mehr den
Holzhammer rausholen“, erklärt er.

Die machen den Ruf unseres Sports kaputt

Bernhard Dornsiepen über Distanzreiter aus dem arabischen Raum

Statt mit Werkzeug probiert er es mit Worten. In Gesprächen mit Offiziellen versucht er, Einfluss zu nehmen, spricht Klartext. Er will, dass die Internationale Reiterliche Vereinigung (FEI) vor allem gegen die Reiter der Ländergruppe VII aus den arabischen Ländern vorgeht. Sie sollten diesen Reitern Konsequenzen aufzeigen und sagen: Entweder du benimmst dich oder du wirst gesperrt, meint der Sauerländer.

Aber bislang ziehen nicht alle Offiziellen an einem Strang. Dornsiepen sieht aber auch Verbesserungen: Immer mehr FEI-Offizielle würden wach – zum Beispiel würde die deutsche Tierärztin Dr. Juliette Mallison hart durchgreifen. „Das ist es, was einen hoffen lässt, obwohl ja leider immer noch Pferde bei Ritten sterben“, sagt er. Man müsse immer wieder den Finger in die Wunden legen, damit die Rennen fair werden, „fair fürs Pferd“.

Er selber habe die Erfahrungen gemacht, dass die arabischen Reiter samt ihrem Gefolge, bestehend aus Trainerstab, Pflegern etc., sich zwar distanziert geben würden, zum Beispiel hätten sie auf Turnieren ihr eigenes Cateringzelt, aber dennoch freundlich seien.

„Wenn man ein Problem hat oder zum Beispiel langsamer reitet, fragen sie sofort, ob sie helfen könnten.“ Aber: „Sie meinen auch, sie dürften alles, weil sie alles sponsern.“

Dornsiepen selber sei schon mal auf der Strecke mit einem Reiter aus den arabischen Ländern aneinandergeraten, der ihn auf einem engen Weg im schnellen Tempo überholen wollte. Dem habe er seine Meinung gesagt und der Reiter aus dem Nahen Osten habe sich zurückgehalten.

So reagiert Dornsiepen auch, wenn Begleiter der Reiter mit ihren Wagen verbotenerweise auf der Strecke stehen bleiben. „Natürlich gibt es dann Diskussionen, aber man muss einfach standhaft bleiben“, sagt der Hufschmiedemeister, „und böse gucken“, und das könne er, fügt er lächelnd hinzu. „Da muss man einfach mal den Arsch in der Hose haben“, spricht er das aus, was viele denken.

Der Hufschmied erzählt von einem weiteren Erlebnis, das zeigt wie ungeniert die Distanzreiter aus den arabischen Ländern auftreten. Vor zwei Jahren organisierte er in Luhmühlen die Deutsche Meisterschaft der Distanzreiter. Als er zwei Tage nach der ­Veranstaltung die Stallzelte aufräumte, machte er in dem der arabischen Reiter eine unschöne Entdeckung. „So viele Spritzen wie da habe ich noch nie auf einem Haufen gesehen“, berichtet er, „die werfen die einfach auf den Boden.“

Aber was tun? Zwei Tage nach der Veranstaltung? Nichts – ist die Antwort, wenn, dann hätte Bernhard Dornsiepen die Übeltäter auf frischer Tat ertappen müssen. Wenn während eines Turniers etwas passiert, kann man es der Ground Jury melden, die dann einen Bericht an die FEI formuliert. „Mehr kann ich nicht machen“, sagt er.

Den Spaß an seinem Sport lässt sich Dornsiepen nicht vermiesen, ganz nach dem Motto „ich lasse die Araber laufen und mache mein Ding“. Nachdem er Rio fertig beschlagen hat, packt er sich Sattel, Trense, Gamaschen und eine Bürste in seinen Transporter und fährt los, in noch tiefere Tiefen des Sauerlands. Wenige Kilometer von seinem Stall entfernt sind seine Distanzpferde auf einer Wiese mit Offenstall untergebracht, von dort kann er direkt in das Gelände starten, ohne vorher über asphaltierte Straßen reiten zu müssen. Hier verbringen die Pferde die warme Jahreszeit – etwa acht Wochen vor einem Ritt werden sie in den Stall geholt und bekommen Heu zugefüttert, damit sie pünktlich zum Ritt fit sind.

Vor einem Wettkampf steht viermal in der Woche ein 20 Kilometer langer Ausritt an, berghoch, bergrunter, 160 Kilometer sind im Wettkampf gefragt (s.u.). Einmal in der Woche wird auf einer Galoppbahn eine Stunde lang galoppiert und an den übrigen zwei Tagen steht Dressur- bzw. Handarbeit auf dem Programm.

„Jedes Distanzpferd sollte dressurmäßig geritten sein, es sollte vorwärts-abwärts gehen, die Seitengänge beherrschen und an den Hilfen stehen“, erklärt der Fachmann, daran würde es in seinem Sport etwas hapern. Wenn die Pferde so geritten seien, sei es zum Beispiel kein Problem, gesetzt einen Berg herunter zu galoppieren.

Mit Plan in den Wettkampf

Für Don’t Touch, einen blutgeprägten Fuchs, geht es heute ins Gelände. Der Wallach ist ängstlich. Fremden beäugt er kritisch. Zu Bernhard Dornsiepen hat er aber Vertrauen.

Diese Partnerschaft ist dem Hufschmied wichtig. Nach einem beendeten Ritt könne er sich erst über eine Platzierung freuen, wenn er am nächsten Tag sehe, dass sein Pferd die Strecke unbeschadet überstanden habe.

Im Vergleich zu früher seien die Ritte auch immer schneller geworden. „Viele fahren auf einen Ritt und wollen gewinnen.“ Und dafür wird natürlich Gas gegeben – manchmal auf Kosten der Pferde. Der Hufschmied hingegen legt sich eine Strategie zurecht. Sie sieht vor, dass er im gleichmäßigen Tempo reitet: „An den Plan halte ich mich und reite nicht auf Gewinnen.“

Viele Teilnehmer, die anfangs schnell starten und teilweise mit 22 Stundenkilometern unterwegs sind, holt Dornsiepen mit seinem Konzept – er reitet im Schnitt bei einem gut trainierten Pferd 16 Stundenkilometer – wieder ein.

Zurzeit trainiert er verschiedene Pferde, unter anderem für die Deutsche Meisterschaft. Wenn er aber nicht mehr im Sport mitmischt, will er einen Lehrgang besuchen, um Offizieller zu werden. Dann will er sich durchsetzen und Missstände sofort aufzeigen.