Olympische Reitsportanlage unter Rotzverdacht

EIn Wassersprung der olympischen Testvielseitigkeit

EIn Wassersprung der olympischen Testvielseitigkeit

Wieder einmal wirft eine Seuche einen dunklen Schatten über den olympischen Reitsport. Exakt heute in einem Jahr werden die Olympischen Spiele in Rio eröffnet. Auf dem Gelände, auf dem die Reitwettbewerbe ausgetragen werden, findet ab morgen das vorolympische Testevent statt. Jetzt kam heraus: Pferde, die auf dem Deodoro-Militärgelände gestanden haben, wurden vor wenigen Wochen eingeschläfert, wegen Rotz. Hunderte Pferde werden getestet, beim Deutschen Olympiade Komitee für Reiterei (DOKR) wurde man vergangenen Montag über die Situation informiert.

Bereits im April, so schreiben viele englischsprachige Internetportale übereinstimmend, sei bei mindestens zwei Pferden, die auf der dem brasilianischen Militär gehörenden Deodoro-Reitsportanlage standen, Rotz diagnostiziert worden. Die beiden Pferde waren daraufhin wie in solchen Fällen üblich eingeschläfert worden. Dieser Umstand kam aber erst am vergangenen Wochenende ans Licht. Weder die brasilianische Behörden noch das Organisationskomitee der Olympischen Spiele hatten es für notwendig erachtet, über den Auftritt der hochansteckenden Bakterieninfektion in den Ställen des Olympiastadions zu berichten. In Deutschland ist Rotz anzeigepflichtig, positive Blutproben bei mehreren Pferden hatten in diesem Frühjahr für Unruhe gesorgt, Turniere waren abgesagt, Ställe prophylaktisch gesperrt worden.

Auch international ist Rotz meldepflichtig, die Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) muss benachrichtigt werden. Dies ist aber bislang nicht geschehen, weil, so schreibt es der New Zeeland Herald in seiner Onlineausgabe, Rotz an anderen Stellen in Brasilien grassiert, sei die Frist für eine solche Meldung länger als im Falle eines ersten Auftretens der hochansteckenden Krankheit. Die OIE hat bislang lediglich eine informelle Mitteilung seitens der brasilianischen Behörden erhalten. Eine offizielle Mitteilung werde, so heißt es, innerhalb der kommenden Tage im Rahmen der regelmäßigen, halbjährlichen Meldung erwartet. Knapp 600 Pferde aus den Stallungen in Rio und umliegenden Reitanlagen würden derzeit untersucht. Ergebnisse wird es erst später geben.

Im Februar hatte das Militär die Anlage, die für die Panamerikanischen Spiel 2007 erbaut und anschließend von den Streitkräften genutzt wurde, geräumt, so dass die Quarantänemaßnahmen für die nun anstehenden Test-Prüfungen beginnen konnten. Brasilien ist als Rotz-Gebiet bekannt, gilt also nicht als seuchenfrei. Deswegen hilft man sich, in dem man 180 Tage vor Anreise der ersten Pferde die bisher am Veranstaltungsort beheimateten Pferde plus diejenigen, die auf dem Weg vom Flughafen zum Ort des Geschehens stehen, aus der Region entfernt. Dann gilt diese Region als seuchenfrei. Die Sportpferde können dann nicht nur zu den Sportveranstaltungen anreisen, sondern auch im Nachhinein das Land wieder problemlos verlassen, ohne dass andere Nationen die Einreise aus dem Seuchenland verweigern könnten.

Im April wurden die positiven Testergebnisse von einem Polizeipferd aus den Stallungen in Deodoro publik, auch bei zwei anderen Pferden wurde der Erreger nachgewiesen. Symptome zeigte keines der Tiere. Sie standen mittlerweile 680 Kilometer entfernt von Rio de Janeiro. Da die Pferde sofort getötet wurden, konnte kein weiterer Test durchgeführt werden, so dass es nicht ganz klar ist, wann sich die Pferde wo infiziert hatten. Erst später wurden weitere Testreihen durchgeführt. Deren Ergebnisse stehen noch aus. Sie werden erst Ende kommender Woche, also nach Abschluss des vorolympischen Testevents, an dem allerdings nur brasilianische Pferde und Reiter teilnehmen, erwartet. Die anderen Nationen schicken nur Abordnungen in die Olympia-Metropole.

Aus Deutschland machen sich DOKR-Geschäfstführer Dr. Dennis Peiler, der Koordinator für Dressur und Springen André Schoppmann, die Bundestrainer Hans Melzer und Chris Bartle sowie der Mannschafts-Tierarzt der Vielseitigkeitsreiter Dr. Carsten Rohde auf den Weg an den Zuckerhut. Vor Ort würde man wohl etwas erfahren, hieß es im Vorfeld des Abflugs. Am 7. August soll eine Informationsveranstaltung in Deodoro stattfinden.

Dr. Michael Düe, Veterinär der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) sagte gegenüber St.GEORG online, er sei am Montag vom Weltreiterverband FEI über die Situation in Rio informiert worden. Er schätzt die Situation für die Sportpferde als „ziemlich sicher“ ein. Bereits gestern hatte FEI-Präsident Ingmar de Vos gegenüber der britischen Webseite Horse&Hound gesagt, das brasilianische Landwirtschaftsministerium habe die FEI informiert, dass weder Testevent noch die dort startenden Pferde in Gefahr seien. „Wir gehen davon aus, dass alles seinen korrekten Weg geht“, so de Vos weiter. Und im typischen euphorischen Ton der FEI-Pressemitteilungen legt Catrin Norinder, FEI-Direktorin für Vielseitigkeit und Olympia heute nach. „Der weltgrößte Sportevent ist jetzt nur noch ein Jahr entfernt. Das Stadion in Deodoro ist absolut atemberaubend.“ Bleibt zu hoffen, dass das nur im übertragenen Sinne der Fall sein wird.

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  1. Maike Blessenohl

    Kleine Korrektur: Rotz ist in Deutschland anzeige-, nicht meldepflichtig. Meldepflichtige Tierseuchen werden lediglich beobachtet (Häufigkeit, Verlauf, etc.), es finden aber bei ihrem Ausbruch keine tierseuchenrechtlichen Maßnahmen seitens der Behörden statt. Bei anzeigepflichtigen Tierseuchen wie dem Rotz kommt es zwangsläufig zu in entsprechenden Verordnungen vorgeschriebenen Maßnahmen. Rotz-positive Pferde werden eingeschläfert.


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