RTL: Barr-Video – FN erstattet Anzeige gegen Unbekannt

Übertrieben vorsichtiges Springen

Zu viel Respekt vor den Stangen? Der Verdacht des Barrens steht dann im Raum (© www.paulinevonhardenberg.com)

1990 erlebte der Reitsport ein historisches Tief: Ein Video zeigte, wie im Stall Schockemöhle Verkaufspferde „präpariert“ wurden. Ihnen wurden Holzstangen beim Springen an die Beine geschlagen. Die „Barr-Affäre“ brachte den Reitsport in Verruf und Paul Schockemöhle in Erklärungsnot. 2021 könnte sich das Szenario wiederholen, glaubt man dem TV-Sender RTL, der gegenüber der FN behauptet hat, Bilder vom Barren vorliegen zu haben.

Gibt es eine erneute Barr-Affäre? Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) sagt, der TV-Sender RTL plane einen Fernsehbeitrag mit dem Thema Barren. Barren bezeichnet eine verbotene Trainingsmethode, bei der dem Pferd beim Springen mit einer Stange an die Beine geschlagen wird. Das soll bezwecken, dass das Pferd höher springt und mehr Respekt vor den Stangen hat. 1990 hatte ein Video, aufgezeichnet bei der Erstellung eines Verkaufvideos von Pferden aus dem Besitz von Paul Schockemöhle, einen Skandal ausgelöst. Schockemöhle musste sich verantworten, saß unter anderem in der Sendung Stern TV, die damals noch von Günther Jauch moderiert wurde.

Welches Barr-Material hat RTL?

Die FN hat in einer Pressemitteilung bekanntgegeben, dass dem Sender Videomaterial vorliege, das möglicherweise tierschutzwidriges Verhalten zeige. Das Material ist der FN aber nicht ausgehändigt worden. Deswegen geht der Dachverband jetzt in die Offensive, weil „trotz mehrfacher Aufforderungen“ RTL das Material der FN bisher nicht für eine Überprüfung zur Verfügung gestellt habe, heißt es in der Pressemitteilung. Der Verband hat nun Anzeige gegen Unbekannt erstattet, um „seiner Verantwortung für den Tierschutz im Pferdesport“nachkommen zu können.

Barren oder Touchieren?

Eine Konsequenz aus der Barr-Affäre war, dass das Reglement überarbeitet wurde. Seitdem ist „Touchieren“ erlaubt, dabei kommt eine leichte Stange, beispielsweise aus Bambus, zum Einsatz. Wer mit massiven Holzstangen zu Werke geht, der „barrt“ und das ist tierschutzrelevant.

In der Pressemitteilung wird die Position der FN wie folgt umrissen, hier im Wortlaut:

„Das Wohl der Pferde steht im Pferdesport über allen anderen Interessen. Um unsere Verantwortung für den Tierschutz wahrnehmen zu können, haben wir RTL mehrfach gebeten, uns das vollständige Videomaterial zur Verfügung zu stellen. Wir möchten herausfinden, ob tatsächlich verbotene Trainingsmethoden angewendet wurden. Wir haben ebenfalls dazu aufgefordert, uns die darin gezeigten Personen zu benennen, damit wir den Sachverhalt prüfen und gegebenenfalls verfolgen können. Unseren mehrfachen Bitten und Aufforderungen, das vollständige Material vorzulegen, ist RTL nicht nachgekommen. Wir vermuten, dass es RTL mit seinem Beitrag nicht um das Wohl der Pferde geht oder darum, eventuelles Fehlverhalten aufzudecken, sondern rein um die Skandalisierung der ihnen vorliegenden Szenen. Deshalb haben wir bei der Polizei Anzeige gegen Unbekannt erstattet, damit die Behörden dem Sachverhalt nachgehen können. Wir erhoffen uns von der Anzeige, dass sich die Behörden im Zuge ihrer Ermittlungen das Videomaterial verschaffen und aufklären, ob hier das Tierschutzgesetz verletzt wurde“, sagt FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach.

Bereits im Juli 2020 war die RTL-Redaktion mit einer Anfrage zum Einsatz von eventuell tierschutzwidrigen Methoden im Pferdesport an die FN herangetreten. Die FN gab Auskunft darüber, welche Vorgaben das Tierschutzgesetz, die „Leitlinien zu Umgang mit und Nutzung von Pferden unter Tierschutzgesichtspunkten“ des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft sowie die Richtlinien und Regelwerke der FN dazu machen. Nach weiteren Gesprächen mit RTL stellte sich heraus, dass der Redaktion Videomaterial vorliegt und sie einen Beitrag zum Thema Barren vorbereitet.“

Die FN hat zu dem Thema ein Interview mit Soenke Lauterbach online gestellt.