Weltcup Las Vegas: Guerdats erster Titel, Ärger über schlechten Aufbau

Dreimal ist er als Führender ins Finalspringen geritten, zweimal mustte er um den Sieg stechen, gewonnen hat er noch nie: Olympiasieger Steve Guerdat hat den Weltcup in Las Vegas gewonnen. Dabei wäre er fast am letzten Hindernis zu Fall gekommen. Weniger erfolgreich liest sich die deutsche Bilanz.

Als er als letzter Starter in den entscheidenden Parcours der besten 20 Reiter einritt, hatte Steve Guerdat den komfortablen Vorsprung von zwei Springfehlern auf seine beiden ärgsten Konkurrenten, den Iren Bertram Allen und die Französin Pénélope Leprevost. Guerdat machte es spannend. Ein Flüchtigkeitsfehler ließ den Abstand auf vier Strafpunkte schmelzen. Dann kam der letzte Sprung, aus einer Linkswendung an der kurzen Seite heraus anzureiten. Ein mächtiger Oxer. Guerdat, den Sieg eigentlich schon in der Tasche, bekam keine Distanz. Die Stute Paille v. Kannan sprang viel zu früh ab, streckte sich, landete aber eher in als hinter dem Oxer. Entsprechend verdattert guckte Guerdat nach der Beinahe-Bruchlandung. Die Freude über den Sieg setzte erst später ein. Sie ist eine Kämpferin, will immer auf die andere Seite und nie einen Fehler machen, lobt der neue Weltcupsieger die Fuchsstute, die er seit elf Monaten reitet. Das Hofgut Albführen stellt ihm die Stute zur Verfügung, die übrigens eine väterliche Halbschwester zu seinem Olympiasieger Nino des Buissonnets ist.

Mit beständig guten Runden arbeitet sich die Französin Pénélope Leprevost nach vorne. Im Zeitspringen konnte sie mit dem zehnjährigen Hengst Vagabond de la Pomme noch nicht alles auf einer Karte setzen, aber im Verlauf der Prüfungen zeigte der Sohn des Weltmeisters von 2010, Vigo dArsouilles, seine ganze Klasse. Am Ende landeten die beiden, und das war eine der Überraschungen des Wochenendes, auf Platz zwei.

Knapp dahinter: Bertram Allen, der zweitjüngste Starter des Feldes, der mit Molly Malone V nach dem Zeitspringen in Führung gegangen war. Der 19-Jährige zeigte gute Runden, patzte aber am Finaltag. Noch ein paar Monate jünger ist der Belgier Jos Verlooy, der mit dem abgedrehten Wallach Domino ein praktisches, ehrgeiziges Pferd unter dem Sattel hat. Es sah so aus, als habe der junge Mann im letzten Moment Angst vor dem bevorstehenden Sensationserfolg bekommen. Im letzten Drittel des Parcours schienen ihn die mentalen Kräfte zu verlassen, schlussendlich wurde er Fünfter. Vor ihm landete mit der US-Amazone Beezie Madden eine der erfolgreichsten Reiterinnen des internationalen Turniergeschehens. Sie hatte den KWPN-Wallach Simon gesattelt, mit dem sie 2013 in Göteborg noch siegreich im Weltcup gewesen war.

Insgesamt waren die Amerikaner nicht so stark wie man das im eigenen Land vielleicht hätte erwarten können. Einer, dem viele die Daumen drückten, brach am letzten Tag ein: Richard, Rich, Fellers, Weltcupsieger 2012 in s-Hertogenbosch hatte mit Flexible, dem damaligen Siegpferd, das älteste Pferd der Konkurrenz gesattelt. Und der zähe irische Fuchshengst v. Cruising schlug sich wacker.

Weniger glorreich das Abschneiden der Deutschen. Nach dem frühzeitigen Ausscheiden von Marco Kutscher und Cornets Cristallo (Kolik) und Marcus Ehnings Singular (Aufgabe im Auftaktspringen), war es an Titelverteidiger Daniel Deußer und Hansi Dreher, die deutschen Fahnen hochzuhalten. Das gelang nur mäßig. Cornet dAmour und Deußer waren im Zeitspringen noch gut dabei, dann aber unterliefen ihnen wie auch Drehers sensationell springendem Schimmel Cool and Easy immer mal ein dummer Fehler. Der berühmte eine Fehler zu viel. Für Deußer, der sich jetzt auf die grüne Saison konzentrieren will, war das Abschneiden kein Mega-Problem. Vielleicht habe die schnelle erste Runde im kantigen Parcours in der engen Halle seinen Schimmel etwas verunsichert. Aber der letzte Parcours war schon wieder richtig gut, der eine Abwurf, der ihm auch dort unterlief, sei zu verkraften gewesen. Dreher stieß ins selbe Horn, am Ende habe einfach das Quäntchen Glück gefehlt. Bundestrainer Otto Becker sagte, mit Blick auf das Durcheinander zum Auftakt, er sei nicht abergläubisch, aber wenn es mal nicht läuft, dann kommen auch noch Flüchtigkeitsfehler hinzu, die man sonst nicht hat.

Einige Reiter machten in den sozialen Medien ihrem Ärger über den Parcoursaufbau Luft. So schreibt der US-Amerikaner McLain Ward auf seiner Facebook-Seite:

„Von Zeit zu Zeit lasse ich ein großes Truneir oder ein Championat auf Facebook Revue passieren, meistens, um Menschen und Pferden zu danken, die mir geholfen haben, erfolgreich zu sein. Normalerweise finde ich nicht, dass das hier der richtige Ort ist, um kontroverse Themen zu kommentieren. Aber rückblickend auf das diesjährige Weltcup-Finale muss ich sagen, dass dies der schlimmste Sport war, den ich in meiner Karriere je gesehen habe. Ich denke immer zuerst nach, was ich selbst dazu beigetragen habe, dass ich nicht erfolgreich war. Aber diesmal muss ich sagen, ich kann mich nicht erinnern, mich je so geschlagen gefühlt zu haben. Ich muss ehrlich sagen, ich habe keinen Weg gefunden, mit gutem, geschmeidigem Vorwärtsreiten die Aufgaben zu meistern, die uns hier präsentiert wurden. Und es hat den Anschein, dass die Mehrzahl der Reiter vor denselben Heruasforderungen standen wie ich. Sogar der letztendliche Champion ist auf seinem Weg zu einem wohl verdienten Sieg praktisch durch zwei Oxer hindurch gesprungen. Obwohl ich sicher bin, dass Steve begeistert ist, Champion geworden zu sein, bin ich auch sicher, dass das Finale und der Weg zum Sieg das waren, wovon er geträumt hat. Ich habe noch nie so viele Spitzenpferde anhalten, in Sprüngen landen und anscheinend völlig hilflos gesehen. Oder so viele Spitzenreiter, die ziehen und stechen mussten, einfach um eine gute Distanz zu bekommen. Das Problem waren nicht die Höhe oder die Weite, sondern das Anreiten vieler der Hindernisse. Der Kursdesigner diese Woche war ein großartiger Reiter und bislang ein top Aufbauer. Aber so wie wir als Reiter und Trainer reflektieren müssen, was wir tun, müssen das auch Parcousbauer tun, damit sie einen Kurs aufbauen, der nicht nur die Besten herausfordert, sondern auch großen und fairen Sport hervorbringt. Meine herzlichsten Glückwünsche an Steve, keiner hätte den Sieg mehr verdient gehabt, ein großartiger Typ und Reiter. Gut gemacht! Auf zum nächsten Mal.

Das kommende Weltcupfinale findet im schwedischen Göteborg statt.

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