Wie ein Krimi: Der Fall Jürgen Stenfert

Jürgen Stenfert (NED)

(© www.toffi-images.de)

Bei der Stute Sabrina des Niederländers Jürgen Stenfert wurde im März 2009 anlässlich eines Weltcup-Turniers das Psychopharmakon Reserpine im Blut gefunden. Jetzt hat die FEI ihr Urteil gefällt. Protokoll eines Pferdesport-Krimis.

Es war anlässlich des Weltcup-Turniers im s’Hertogenbosch vom 19. bis 22. März 2009, dass bei Sabrina das Dopingmittel gefunden wurde, das eigentlich aus dem Humanbereich stammt, stark beruhigend wirkt und auch eingesetzt wird, um „gefährliche“ Pferde handzahm zu machen. Am 17. April wurde Jürgen Stenfert daraufhin vorläufig für Wettkämpfe gesperrt.

Stenfert erklärte dem FEI-Tribunal, dass einer seiner Interims-Schüler, der Portugiese Milton Miguel Da Silva Agostinho, dem Pferd das Medikament Rakeline verabreicht habe, um sich an ihm zu rächen (Reserpin ist Bestandteil dieses Medikaments). Zusammen mit seiner Erklärung hat Stenfert dem FEI-Tribunal eine eidesstattliche Erklärung seines ehemaligen Schülers vorgelegt, nach welcher der junge Mann dem Pferd das Mittel gegeben habe, weil er wusste, dass es die ohnehin schon eher ruhige Sabrina in ihrem Leistungsvermögen bei den kommenden Wettbewerben beeinträchtigen würde. Er wollte Stenfert übel mitspielen, weil er sich von ihm ungerecht behandelt fühlte, als er noch als Schüler bei ihm tätig war. Unter anderem soll der niederländische Springreiter den Portugiesen vor den anderen Schülern wegen seines mangelnden Reittalents beleidigt haben.

Stenfert teilte dem FEI-Tribunal mit, dass er den Portugiesen wegen der Geschichte angezeigt habe, woraufhin dieser von der Polizei verhört wurde und ein Geständnis abgelegt haben soll. Auch legte er eine Erklärung seines Tierarztes vor, in der dieser zugab, eine Flasche mit Rakeline im Stall Stenfert gelassen zu haben, die aber gut weggeschlossen gewesen sein sollte.
Des weiteren legte Stenfert ein Statement des Tierarztes Dr. Peter Cronau vor, der in Jürgen Stenferts Auftrag bei der Öffnung der B-Probe als Zeuge anwesend war. Darin teilt der Tierarzt mit, dass es kontraproduktiv sei, einem ohnehin schon ruhigen Pferd ein so starkes Beruhigungsmittel wie Reserpine zu verabreichen. Das könnte letztendlich sogar eine Gefahr für Reiter und Pferd darstellen.
Nach diesen Ausführungen wurde die einstweilige Verfügung gegen Jürgen Stenfert Ende Juni 2009 vorläufig aufgehoben.
Am 29. Januar 2010 reagierte die FEI auf Stenferts Ausführungen und die seines Tierarztes. Dabei stellte sie fest, dass es für den Fall irrelevant sei, ob das Dopingmittel sich leistungsfördernd oder -mindernd ausgewirkt hat. Das sei höchstens von Bedeutung für die Frage, ob Stenferts Aussagen glaubhaft seien. Außerdem hat Stenfert auf jeden Fall fahrlässig und illegal gehandelt, dass er Rakeline im Stall hatte und es dazu noch nicht ausreichend vor unerlaubtem Zugriff geschützt hat.
Am 26. Mai sollte die finale Anhörung stattfinden. Stenfert legte dem FEI-Tribunal das Schreiben eines niederländischen Inkasso-Büros vor, das Milton Agostinho aufforderte, 1000 Euro Strafe für sein Vergehen gegen Herrn Stenfert zu zahlen. Sollte er das nicht innerhalb einer bestimmten Frist tun, müsse er laut dem Schreiben vor Gericht erscheinen.
Weil Agostinho die Frist versäumte, wurde ein Gerichtstermin für den 12. Juli anberaumt. Um das Urteil über Stenfert zu fällen, wollte die FEI diesen Termin noch abwarten.
Auf Nachfrage des FEI-Tribunals am 4. August, was denn bei dem Prozess gegen Agostinho vor dem niederländischen Gericht herausgekommen sei, teilte Stenferts Anwalt mit, dass Milton Agostinho im Juli 2010 wegen seines Sabotageakts zu einer Strafzahlung von 1000 Euro verurteilt wurde. Auf weitere Nachfragen seitens der FEI erklärte Stenfert außerdem, dass sein Tierarzt 4000 Euro zahlen musste, weil er das Medikament bei ihm im Stall gelassen hatte und er selbst 2000 Euro zu zahlen hatte, weil Rakeline auf seinem Hof verfügbar war.
All dies sah die FEI als genügenden Beweis dafür an, dass es tatsächlich der portugiesische Schüler gewesen war, der dem Pferd das Mittel verabreicht hatte. Nichtsdestotrotz habe Stenfert nachlässig gehandelt, weil er das Medikament nicht genügend vor unerlaubten Zugriff geschützt hatte. „Athleten müssen sicherstellen, dass Medikamente, die verbotene Substanzen enthalten (auch wenn diese ansonsten zugelassen sind) als extrem gefährliche Produkte behandelt werden.“
Als strafmindernd erkannte die FEI an, dass Stenfert ein Opfer „echter Sabotage“ geworden war.
Deshalb verurteilte man Stenfert am Ende zu weiteren zwei Monaten Startverbot (bis 4. November 2010) sowie zur Zahlung von 1000 Schweizer Franken Strafe, 750 Schweizer Franken Prozesskosten und 750 Schweizer Franken Kosten für die Laborkosten.