Bundeschampionat: Eivissa, die Königin des Reitpferdeplatzes

HKM Bundeschampionate 2022

Eivissa, Bundeschampionesse 2022 mit Jessica Lynn Thomas im Sattel. (© Sabine Wegener/Equitaris)

Nicht jedes Jahr, aber immer wieder gibt es Pferde beim Bundeschampionat in Warendorf, über die redet einfach jeder, egal, was sonst seine Lieblingsdisziplin ist. Dieses Jahr ist es Eivissa, die erst dreijährige Westfalen-Stute, die als Flaschenkind ins Leben startete und heute geradezu huldvoll den Applaus für die neue Bundeschampionesse entgegennahm.

Sechs Pferde wären eigentlich startberechtigt gewesen im Finale des Bundeschampionats der dreijährigen Stuten und Wallache, einer fehlte: der Escolar-Sohn Especially, der in Qualifikation ob des Zwischenapplauses für die spätere Siegerin aus dem Viereck gehüpft war. Dabei muss er sich einen Ballentritt zugezogen haben, berichtet Sebastian Horler auf Facebook. Darum hätten er und seine Frau Lisa, die Especially vorgestellt hat, entschieden, ihn streichen zu lassen. Das war schade. Aber Eivissa konnte am heutigen Tag ohnehin keiner gefährlich werden.

Wo die Escamillo-Wolkentanz I-Tochter einen Trabtritt macht, brauchen andere zwei. Wo sie einen Galoppsprung macht, brauchen andere zweieinhalb. Die Bewegungen sind aber nicht nur raumgreifend, sie sind dynamisch, kraftvoll, kadenziert und doch leichtfüßig. Ein absolutes Ausnahmepferd. „Ich gebe ehrlich zu, es macht Spaß, solche Pferde benoten zu dürfen“, begann Richter Wolfgang Egbers seinen Kommentar und fuhr fort: „Ein Trab, wie wir ihn uns vorstellen und wie wir ihn selten sehen – 10,0.“ Der Galopp – „leider können wir keine 12 geben, 10,0.“ Gut, der Schritt kann mit der Qualität der schwunghaften Grundgangarten nicht ganz mithalten. Bemerkenswert aber, dass er im Laufe der Aufgabe raumgreifender wurde. Eine 8,0 gab es hier. Im Bereich altersgemäße Erfüllung der Skala der Ausbildung, kurz Rittigkeitsnote, gab es eine 9,5. Losgelassenheit, Temperament, Anlehnung, natürliche Selbsthaltung – all diese Attribute sahen die Richter nahe des Ideals erfüllt.

Und wirklich, auch wenn Eivissa einmal umsprang im Galopp, wo ihre Altersgenossen nachvollziehbarerweise noch ihr Gleichgewicht suchen, mal schwanken, mal die Reiterhand zur Stütze suchen, mal eng werden, da präsentierte sich Eivissa stets ausbalanciert und im passenden Rahmen, ob im Arbeitstempo oder beim Tritte oder Sprünge verlängern, ob auf gerader oder gebogener Linie. Und da das alles „nicht von Ungefähr“ kommt, sondern aus einem entsprechenden Exterieur resultiert, gaben die Richter in diesem Bereich auch eine 9,5. Machte eine 9,4 in Summe. Es gab frenetischen Applaus, obwohl noch eine Abteilung kam. Aber eigentlich war von vornherein klar, dass Eivissa nicht zu schlagen sein würde.

Über Eivissa

Eivissa ist eine Tochter des Escolars-Sohnes Escamillo aus einer Wolkentanz I-Sir Donnerhall-Mutter. Schon diese Stute mit Namen Wolke kam bei Katharina Hadeler zur Welt. Eivissa ist eine Vertreterin jenes Mutterstammes, der beispielsweise auch Isabell Werths Amaretto gebracht hat. Die Stute wurde per Flasche groß gezogen. Aufgewachsen ist sie dann bei Arndt Schwierking, wo Grand Prix-Reiterin Bernadette Brune sie entdeckte. „Ich habe sie an der Longe gesehen und sagte sofort, ,Danke, ich habe genug gesehen‘. Alle waren verwirrt und fragten, ob sie mir nicht gefällt. Ich habe gesagt, ,Doch, ich kaufe sie‘.“ Kein Wunder, an der Stute vorbeizuschauen, ist schwierig.

In ihrem Sattel sitzt fast von Tag eins an die gebürtige Schwedin Jessica Lynn Thomas, die sich als Jungpferdereiterin in Deutschland ja unter anderem mit ihren Auftritten auf Secret einen Namen gemacht hat (der übrigens gerade so viel zu decken hat, dass es nebenbei nicht möglich ist, ihn auf Turnieren vorzustellen, wie sie erzählte. „Aber ich hoffe, dass ich ihn euch zeigen kann, wenn er so weit ist!“). Das Gefühl Eivissa zu reiten? „Leicht!“ Und ihr sonstiges Fazit dieses Wochenendes, das ihr ja bereits gestern eine Silbermedaille auf Segantini bescherte: „Ich bin sehr zufrieden mit all meinen Pferden. Das ist wirklich das erste Jahr, bei dem ich bei jedem Pferd das Gefühl hatte, dass es im Rahmen seiner Möglichkeiten sein Bestes gegeben habe und in dem es mir gelungen ist, es bestmöglich vorzustellen. Aber es können ja nicht alle sein wie Eivissa …“

Die bekommt nun erstmal Ferien auf Gestüt Brune in Westerstede, wo sie vermutlich Bernadette Brunes ganzen Spielpark mit Bällen, Regenschirmen & Co. kennenlernen wird. Danach soll sie, so der Plan, erst einmal zu Jessica Lynn Thomas zurückgehen.

Silber und Bronze nach Oldenburg

Silber ging an die noch sehr jugendliche Oldenburger Stute Marbella v. Foundation-Fürst Romancier, gezogen von Rainer und Angelika Ahlers und im Besitz von Sebastian Ahlers. Im Sattel saß Veronika Steinhof. Die konnte sich unter anderem über eine Ausbildungs- bzw. Rittigkeitsnote von 9,0 für die Vorstellung freuen und vor allem über die Worte von Egbers, dass es eine „hervorragende Leistung“ gewesen sei, wie sie die Stute „genau angemessen“ präsentiert hat. Den raumgreifenden, schwingenden Trab der Stute bewerteten sie ebenfalls mit 9, Galopp und Schritt mit 8,5. Fürs Gebäude, das mit langen Linien versehen ist, aber noch etwas kantig wirkt, gab es eine 8,0. Ergab unter dem Strich die 8,6.

Den Preis für die harmonischste Vorstellung hätte heute die Spanierin Judit Sarda für ihren Ritt auf der ebenfalls in Oldenburg eingetragenen Shadow Fairy Caledonia verdient gehabt. Auch sie ist eine Tochter des Foundation und gehört dem Gestüt Schafhof, wo ihr Vater ja im Deckeinsatz ist. Gezogen wurde Shadow Fairy Caledonia jedoch von der Schottin Reay Campbell aus einer Sir Donnerhall-Mutter. Die Stute besticht durch ihre Leichtfüßigkeit und Eleganz, vor allem aber durch die stets weiche, vertrauensvolle Anlehnung mit gespitzten Ohren und jenem Gesichtsausdruck, den man von einem „happy Athlete“ erwartet. Das wurde von den Richtern dankenswerterweise auch herausgestellt: „Dieses feine Reiten hat uns sehr gut gefallen, 9,0!“ Für Trab, Galopp und Gebäude gab es die 8,5, für den Schritt die 8,0. Wobei auch hier erwähnenswert ist, dass die Stute wirklich mit Anlehnung Schritt ging und genau wie gewünscht zur Hand hinzog.

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