„Atypical Findings“: Keine schlaflosen Nächte mehr?

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Zum Dopingsünder zu werden, weil ins Futter verbotene Substanzen gelangt sind? Ein Albtraum, sagen die Springreiter. Die FEI kam ihnen jetzt entgegen. Wer unschuldig ist, soll nicht mehr automatisch bestraft werden. Aber die Beweislast liegt beim Reiter.

Nur an einem Rosshaar hing das Schwert einst über dem schlemmenden Höfling Damokles, dem daraufhin prompt der Appetit verging. Seitdem steht das Damoklesschwert, das jeden Moment herabsausen kann, für eine unberechenbare Gefahr. Auch die Springreiter fühlen sich seit Jahren wie unter einer solchen Bedrohung. Dann nämlich, wenn bei einem ihrer Pferde eine verbotene Substanz gefunden wurde, deren Herkunft sie sich absolut nicht erklären konnten. Sie dürfen sich ein bisschen entspannen, das Schwert ist jetzt an ziemlich soliden Ketten aufgehängt. Bildlich gesprochen.

Ab 1. Januar 2021 gibt es einen neuen Begriff im Reglement für Doping und verbotene Medikation, den der ATF (Atypical Findings, Untypische Funde). Das sind verbotene Substanzen, die ohne Verschulden der Verantwortlichen Person, also in der Regel des Reiters, ins Pferd gelangt sind. Kann er das beweisen, drohen keine Konsequenzen mehr. Meist handelt es sich um Verunreinigungen in Fertigfutter. Im letzten Jahr hat es einige aufsehenerregende Fälle gegeben, in denen Spuren von Coffein, Theophyllin oder des in der Fleischproduktion in einigen Ländern eingesetzten Muskelaufbaupräparats Zilpaterol gefunden wurden. Immer waren Futterzusätze schuld, meist durch Beigaben von Apfeltrester oder Melasse, (siehe auch SG 11/2020, Dossier), die involvierten Futtermittelhersteller gaben ihre Fehler zu und zahlten Entschädigungen. So mussten fünf Rennpferde vom prestigeträchtigen Arc de Triomphe vor dem Start zurück gezogen werden, die britische Vielseitigkeitsreiterin Gemma Tattersall sagte vorsichtshalber ihren Start mit zwei Pferden beim CCI4* in Little Downham ab, weil Vortests positiv waren.

„Schlaflose Nächte & ständige Furcht“

Seit Jahren wehren sich die Reiter gegen ihrer Ansicht nach ungerechtfertigte Verurteilungen aufgrund von verunreinigtem Futter. „Das Risiko der Kontamination und mangelnd Stallsicherheit verursacht schlaflose Nächte, und noch schlimmer, enormen Schaden. Am schlimmsten ist, dass sie nicht alles kontrollieren können“, klagte der Internationale Springreiter Club (IJRC) im Juni diesen Jahres. Die Reiter lebten in ständiger Furcht, dass ein „großartiges Ergebnis durch einen positiven Test beschmutzt wird, und sich am Ende eines langen und mühsamen Prozess  herausstellt, dass es sich um Kontamination gehandelt hat“, so der IJRC. „Ein Albtraum.“

Die FEI kam nun den Reitern mit der neuen „ATF-Politik“ entgegen. Der Reiter muss allerdings akribisch beweisen, dass er unschuldig am positiven Befund seines Pferdes ist. Er muss zum Beispiel  eine plausible Erklärung präsentieren, wie die Substanz ins Pferd gelangt ist, ob bei demselben Turnier andere Pferde ebenfalls positiv getestet wurden. Das würde auf Futterverunreinigung hinweisen. Der Reiter muss auch erklären, welche Vorsichtsmaßnahmen er ergriffen hat, ob er die Sicherheitsmaßnahmen zuhause, beim Turnier und bei Reisen installiert hat und das Stallbuch mit allen Medikamentengaben korrekt geführt hat.

„Aber kein Reiter kann sein Pferd 24 Stunden am Tag kontrollieren“, sagt IJRC Generalsekretärin Eleonore Ottaviani. Wird der Fall als ATF eingestuft und nicht als  Doping/Medikationsfall ans FEI-Tribunal weitergereicht, hat der Reiter keine Konsequenzen zu fürchte: kein Verfahren, kein Verlust des Preisgeldes und der Platzierung. Das Urteil des ATF ist nicht anfechtbar. „Ein Schritt in die richtige Richtung“, so Eleonore Ottaviani.

Die Pipi-Falle

Aber auch aus ganz anderer Richtung droht Gefahr, wenn nämlich jemand, der Reiter, der Groom oder sonstwer, den Weg zum blauen Häuschen nicht findet und sich im Stroh von Box oder LKW erleichtert. Menschlicher Urin als Doping-Gefahr – das gibt es wirklich. So fanden sich bei einer Dopingprobe des italienischen Pferdes Gelo della Schiave bei einem Dressurturnier in Slowenien im Mai 2019 Spuren des Psychopharmakons Ariprazole, Verursacher war der unter schweren Depressionen leidende Pferdepfleger.

Der LKW-Fahrer des Schweizer Springreiters Peter Steiner tat desgleichen, und sorgte mit dem Schmerzmittel Tramadol für eine positive Dopingprobe des Pferdes Saura de Fondcombe. Was auf den ersten Blick absurd erscheint, wurde vom Sportgericht CAS akzeptiert, allerdings mit dem Hinweis, dass sich diese Fälle bei entsprechender Information wohl vermeiden ließen. Kann ja nicht so schwer sein, sollte man meinen.


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