Die FEI will Siegerehrungen sicherer machen – nur wie? Gabriele Pochhammer hätte einen Vorschlag

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Siegerehrungen zu Fuß? Oder nur im Schritt? Helme für die Pfleger? Beim Weltreiterverband (FEI) gibt es verschiedene Ideen, wie Siegerehrungen künftig sicherer für Pferd und Reiter gestaltet werden könnten. Vielleicht geht es aber auch ganz anders.

Haben Sie schon mal eine Siegerehrung in Luhmühlen gesehen? Da steht eine Reihe von Vielseitigkeitspferden gelassen nebeneinander, lässt sich die Schleifen anstecken, wartet die Glückwünsche für die Reiter ab und setzt sich dann für die Ehrenrunde in einen frischen Galopp in Bewegung. Wobei der Sieger bei seiner anschließenden Single-Runde in der Regel nochmal richtig Gas gibt. Alles kontrolliert, wohlgemerkt.

Kontrastprogramm

Haben Sie auch schon mal eine Siegerehrung Dressur gesehen, etwa in Aachen? Es fängt damit an, dass fast kein Reiter auf dem Pferd sitzt, das er in der Prüfung geritten hat, nur der unbedarfte Zuschauer glaubt fälschlicherweise, er habe tatsächlich die erfolgreichen Paare vor sich. Dennoch sieht man häufig, wie die Ehrenden, die Funktionäre, Sponsoren und Honoratioren, sich mit einem beherzten Sprung zur Seite retten müssen, um von den hin und her trippelnden, manchmal auch ruppig nach vorne schießenden oder steigenden Pferden nicht umgerannt zu werden. Pferde, zu deren Ausbildung doch der vertrauensvolle Gehorsam in jeder Situation gehört. Vertrauen sieht anders aus, meine ich. Natürlich gibt es Pferde mit einem so sensiblen Nervenkostüm, dass sie bei der Siegerehrung, zumal wenn sie in Hallen von ohrenbetäubend Musik umdröhnt ist, außer sich geraten. Shutterfly von Meredith Michaels Beerbaum war so eines, und auch Sam von Michi Jung gehört dazu. Das kann man als Ausnahme tolerieren, aber doch nur als solche.

Vertrauen auch in Todesangst

Es gibt eine Geschichte von Oberst Alois Podhajsky, dem langjährigen Leiter der Wiener Hofreitschule und Olympiadritten 1936 in Berlin. In den 50er-Jahren wurde er eingeladen, beim großen Turnier in London eine Schaunummer zu reiten. Nicht gesagt wurde ihm, dass einige very very important Persons per Hubschrauber eingeflogen werden sollten. Und dass die Landung direkt neben dem Dressurviereck vorgesehen war. Podhajsky beschreibt, wie sein Lipizzaner Hengst bei dem dröhnenden Lärm des landenden Helikopters unter ihm erstarrte, er konnte dessen Herz durch seinen Stiefel schlagen fühlen. Und doch blieb der Schimmel ganz ruhig stehen, beruhigt von seinem Reiter, dem er voll vertraute.

Das ist offenbar von heutigen Reitern und Pferden zu viel verlangt. Jedenfalls macht sich die Internationale Reiterliche Vereinigung (FEI) Gedanken darüber, wie man die Gefahren bei Siegerehrungen minimieren kann. Anlass war unter anderem der Unfall des Pferdepflegers Robbie Sanderson, der bei den Olympischen Spielen in Rio 2016 von seinem Schützling Cosmo, dem Pferd von Sönke Rothenberger, an den Kopf geschlagen wurde. Es sah schlimmer aus, als es war, schon abends im Deutschen Haus konnte Robbie Sanderson mit einem dicken Pflaster am Kopf den Medien von seinem Abenteuer berichten, aber die Situation war eindeutig zu gefährlich, um sie auf die leichte Schulter zu nehmen. Im Gespräch sind nun Helme auch für die Grooms und Regeln, nach denen die Pferde hereingeführt werden müssen. Sanderson schreibt seinen Unfall unter anderem der Tatsache zu, dass die Pfleger mit Rücksicht auf die Fernsehkameras rechts von den Pferden gehen mussten, ungewohnt für beide, denn meist geht der Mensch links vom Pferd. Etwas weiter zurück liegt die Verletzung des damals weltbesten Dressurpferdes Rembrandt von Nicole Uphoff, der bei der Ehrenrunde der Deutschen Meisterschaft in Verden von einem anderen Pferd geschlagen wurde und mehrere Monate pausieren musste.

Ursachenforschung

Das könnte bei Siegerehrungen zu Fuß, also ohne Pferde, nicht passieren, auch sie sind im Gespräch.. Damit freilich hätte das Pferd einen weiteren Schritt zum „Sportgerät“ gemacht, das, nachdem „Job“ getan ist, nicht mehr benötigt wird. Wie war das mit der Partnerschaft und dem Zusammenklang zweier lebendiger Wesen? Das soll mal einer den Leuten erklären. Natürlich wollen die Zuschauer auch die Pferde sehen.

Vielleicht sollte man aber auch mal nach den Ursachen suchen. Warum so viele Pferde so wenig Vertrauen zu ihren Reitern haben, dass sie in Stresssituationen so sehr außer sich geraten, dass sie alles vergessen, was sie gelernt haben. Vielleicht liegt da, in der falschen (zu schnellen, nicht genügend auf die Psyche des Pferdes eingehenden) Ausbildung, der Schlüssel. Und das könnte man ändern. Ganz ohne neue Regeln.


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  1. Andrea

    Als ich die Überschrift des Artikels gelesen habe, habe ich mir genau das gedacht – es ist ja um die Beziehung zwischen Mensch und Pferd nicht weit hergeholt, wenn das Pferd bei der Siegerehrung austickt – und genau daran müsste mal gearbeitet werden …
    Sehr guter Artikel !!
    Aber ich seh‘ mir schon lange keine Dressur-Turniere mehr an, weil mir schon lange nicht mehr gefällt, was man da sieht … sehr schade …
    Man kann u.a. als gutes Beispiel voraus gehen und selber an einer guten Beziehung zu seinen Pferden arbeiten …

  2. Sonja

    Sehr guter Artikel, ich beobachte das auch immer wieder in kleineren Prüfungen: Da haben manche Reiter mehr Angst vor der Siegerehrung und der Ehrenrunde als vor der Prüfung selber… aber gut, wenn das bei den Profis nicht klappt, warum soll das dann bei den Amateuren besser aussehen. Stehen bleiben können ja mittlerweile die meisten Dressurpferde noch nicht mal mehr beim Grüßen..

    Für mich eine sehr traurige Entwicklung, bei mir gehört das brave stehen und das Vertrauen in den Menschen zu einer Reitpferdeausbildung dazu.

  3. Anja

    Alternativ würde ich vorschlagen das die behelmten Führpersonen die Schleife neben dem Pferd herrennend im Strampeltrab ankletten. Das können die Siegerpferde ja alle!

    Ehre wem Ehre gebührt… Wer die Grundausbildung übersprungen hat sollte seine Schleife denen überlassen, die es schaffen ein „Weltspitzenpferd“ zum gelassenen stehenbleiben auszubilden.

  4. Coco

    Zu allererst wuerde ich Menschen, die mit Pferden zu tun haben dazu einladen, ein Pferd von allen Seiten „bedienen“ zu koennen. Dass immer alles links vom Pferd geschehen muss ist ein Ueberbleibsel des Militaers. Dort waren die Stallgassen schmal und damit nicht zu grosse Unordnung herrscht, wenn etliche Pferde gleichzeitig geputzt und gesattelt werden, hat man sich darauf geeinigt, dass alles von Links erfolgen muss.

    Zudem moechte ich darauf aufmerksam machen, dass das Pferd schon laengst nur noch ein „Sportgeraet“ ist. Wer von den Aktiven im Reitsport ist sich bewusst, dass Pferde auch ganz andere Qualitaeten haben, heilende Kraefte? Ein Pferd, welches so heftig aus gewisse Situationen reagiert versucht uns eigentlich nur darauf aufmerksam zu machen, dass etwas ganz schief laeuft. In der falschen Ausbildung liegt also ganz sicher der Schluessel, meist ist aber nicht das Pferd falsch ausgebildet, sondern der Reiter.

    Wen es interessiert der kann ja mal eine Rechereche im Internet machen, z. B. Chakrenarbeit mit Pferden

  5. Corinna

    Es gibt aber auch in Dressur Beispiele dafür, dass Reiter und Pferde einer würdige Siegerehrung gewachsen sind.
    So gesehen beim hessischen Berufsreiterchampionat in Darmstadt-Kranichstein 2017. Drei Dressurpferde, die zunächst bei minutenlangen Ehrungen gelassen stehen bleiben. Anschließend eine Ehrenrunde im Galopp nebeneinander, die Siegerin etwas vor dem zweit- und drittplatzierten Pferd.
    Es geht anscheinend doch…

  6. Sigrid

    Sicher müssen wir alle daran arbeiten, unseren Pferden das nötige Vertrauen in unsere Kompetenz und Führungsqualität zu geben, aber – was da in manchen Turnier-Hallen bei der Siegerehrung abgeht, ist einfach aufgrund der Lautstärke und Lichtanimation Quälerei für ein Pferd. Das muss vielleicht ein Polizeipferd tolerieren, aber nicht sensible Hochleistungssportler.
    Ich habe selbst erlebt, wie ein noch junges Dressurpferd panisch versuchte, vor dem grellen Lichtkegel in einer ansonsten stockdunklen Halle zu entfliehen. Kann man einem Fluchttier eigentlich nicht verüblen… Die Reiterin hat einen kühlen Kopf und die Situation im Griff behalten, aber eine Belohnung für die erbrachte Leistung war diese Ehrung für Beide eher nicht.
    Auch sind es nicht nur die Dressurpferde – ich bin auf ländlichen Turnieren unterwegs und Siegerehrungen mit Springpferden sind oft chaotisch – stillstehen können da die wenigsten und kein Reiter bemüht sich, das zu ändern.
    Wie immer sollten sich alle denkenden Wesen hier an die eigene Nase fassen und über das Wohl des Tieres nachdenken…


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