Dressur – Qualität setzt sich durch

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Die Dressur muss gerettet werden? Bei der Weltcup-Qualifikation in Neumünster war davon jedenfalls nichts zu spüren!

Wer am vergangenen Wochenende in der Neumünster beim Weltcup war, dem ist um die Dressur nicht bange. Ausverkauftes Haus nicht nur in der Musik-Kür, schon beim Grand Prix am Tag davor passte keine Maus mehr in die Holstenhalle. Die hat zugegebenermaßen nur 2500 Plätze, aber nimmt man die Menschen dazu, die in der großzügigen und attraktiv bestückten Ausstellungsfläche vor den Videowänden standen, dann kam man auf erheblich mehr.

„Ich rechne etwa, dass jedes Mal insgesamt 3500 Leute da waren“, sagte Turnierleiterin Bettina Schockemöhle fröhlich. Und das ist schon mal mehr als auf so mancher Station der Global Champions Tour in fernen Gefilden. Mehr noch: Die Leue, die kamen, verstanden etwas von dem, was sie da sahen, abzulesen am „Specator Judging“, der immer beliebter werdenden App zum Mitrichten.Wenn Jury und Zuschauer in ihrer Wertung mal nicht einer Meinung waren, dann lagen nicht unbedingt die Menschen auf den Tribünen falsch.

Eine gute Idee, die Ritte von einem an der Prüfung nicht beteiligten Richter, in diesem Fall Ulrike Nivelle, kommentieren zu lassen, verständlich auch, dass die Kommentare eher aufbauend freundlich als streng sind, wobei man dem sachkundigen Publikum keine mit ungleichen Tritten durchzogene Passage als „taktrein“ verkaufen sollte. Das merken die Leute, jedenfalls in Neumünster.

Das Publikum schuf die für Neumünster einzigartige prickelnde, enthusiastische Atmosphäre, die die Reiter lieben, auch wenn sich manches Pferd erst daran gewöhnen muss, dass es den Zuschauern in der ersten Reihe fast die Nase auf den Schoß legen kann. Diese Begeisterung ist ein Pfund, mit dem Neumünster wuchern kann, wenn es sich um die Weltcup-Qualifikationen in der nächsten Saison bewirbt.

Die wirklichen Probleme der Dressur angehen

In den Gremien der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) ist man ja ständig dabei, die Dressur neu zu erfinden und andere Formate einzuführen, angefangen vom Kurz-Grand Prix, der in London  ausprobiert und von den Reiten und allen anderen, denen an der klassischen Ausbildung gelegen ist, ziemlich einhellig abgelehnt wurde.

„Wir müssen Gelegenheit haben, die Qualität unseres Pferdes und seiner Ausbildung zu zeigen“, sagt Isabell Werth. „Und das kann mal nun mal nicht, wenn nur technische Fertigkeiten abgefragt und abgehakt werden. Dressur heißt nicht, eine Anzahl von Übungen in möglichst kurzer Zeit auszuführen und technische Mängel zu vermeiden. Wir brauchen Zeit, um das Pferd auch mal durchatmen zu lassen.“ Die Worte der Nummer Eins der Dressur werden nicht ungehört verhallen, kann man nur hoffen.

Das Problem sind nicht Reiter und Pferde, sondern die Richter, vor allem aus Ländern, in denen nur wenige Prüfungen auf Grand Prix-Level ausgetragen werden. Fehlende Erfahrung und Sachkenntnis kann man nicht durch fragwürdige Reglementierungen ausgleichen. Etwa, indem man die jeweils beste und schlechteste Note streicht (High-Low-Regel), was dem ängstlichen Mittelmaß Tor und Tür öffnet. Welcher Richter will schon das Streichergebnis sein? Und vielleicht hat gerade der mit seinen Noten aus dem Durchschnitt fallende Richter recht. Andere Diskussionen gehen um eine Schematisierung der Noten nach einem vorgegebenen Muster (Abweichung vom Ideal) – alles in allem  untaugliche Mittel gegen Unfähigkeit am Richtertisch.

Mit einer höchst zweifelhaften Neuerung wurden übrigens die Veranstalter in Neumünster überrascht: Der Chefrichter durfte nicht, wie gewohnt und üblich, bei der Pressekonferenz mit auf dem Podium sitzen, sondern musste sich, zwar für Nachfragen ansprechbar, aber nicht offiziell im Hintergrund aufhalten.

Die Anweisung kam direkt von oben, vom FEI-Dressurausschuss. Da hatte es wohl kürzlich bei einer Pressekonferenz mal eine Diskussion über die Bewertungen gegeben. Und offenbar fürchtet die FEI Transparenz und offene Diskurse wie der Teufel das Weihwasser. Probleme vor Medienvertretern offen anzusprechen, wäre ja auch mal ein Schritt, die Dressur aus dem Dunst von Hexerei und schwarzer Kunst zu befreien.

 


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