Gabriele Pochhammer über Turnierberichterstattung in Zeiten von Corona

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Nicht nur für die Beteiligten und die Zuschauer ist vieles anders bei Veranstaltungen in Zeiten von Corona, sondern auch für uns Journalisten. Was Sie das als Leser angeht? Eine ganze Menge, wie Gabriele Pochhammer vor Augen führt.

Eigentlich gilt unter Journalisten ein ungeschriebenes Gesetz: Über unsere Arbeitsbedingungen bei Turnieren und anderen Veranstaltungen wird nicht berichtet. Es interessiert nämlich keinen Menschen, ob die Kaffeemaschine im Pressezentrum funktioniert oder, viel wichtiger, das Internet läuft. Da muss halt jeder sehen, wie er zurechtkommt, und meistens gibt es ja auch irgendeine Lösung.

Sie, unsere Leser, wollen wissen, was los war, was hinter den Namen auf den Ergebnislisten steckt, wie sie zustande kamen, wie die Reiter die Situation beurteilen, wie die Pferde ihre Aufgabe erledigen, wie sie aussehen und sich verhalten. Das ganze Drumherum, das eine sportliche Leistung erst zu einem besonderen Ereignis macht und die Menschen fasziniert.

Darüber zu berichten ist die vornehmliche Aufgabe des Reporters vor Ort. Er kann bei Pressekonferenzen oder auch am Rande des Turnierplatzes beim zufälligen Treffen nachfragen und die Lage analysieren. Er spürt die Atmosphäre bei Siegen und bei Niederlagen und kann versuchen, sie in Worte zu fassen.

Nicht erst seit der Corona-Pandemie geht der Trend dahin, die Vor-Ort-Erfahrungen durch virtuelle Kommunikation zu ersetzen: Online-Pressekonferenzen gab es bereits vor dem Lockdown. Sender wie Clip my Horse und FEI-TV füllen die Lücken, die das Fernsehen hinterlassen hat, als es sich fast vollständig König Fußball zu Füßen warf. Man könnte zu dem Schluss kommen: Man muss nicht mehr beim Turnier sein, um über ein Turnier zu berichten.

Gelenkte Presse?

Für diese gefährliche Wahrnehmung liefert Covid 19 jetzt die Argumente. Pressesäle, in denen die Medienvertreter Schulter an Schulter vor ihren Laptops sitzen, Mixed Zones, also die Bereiche, in denen sie live mit den Sportlern sprechen können und in denen sie sich häufig auf die Füße treten, Gespräche am Rande, bei denen der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann, all das ist – zu Recht – in Corona-Zeiten nicht möglich. Das wissen auch die Organisatoren der Olympischen Spiele in Tokio im nächsten Jahr, von denen wir ja immer noch nicht wissen, ob sie überhaupt stattfinden. Aber das Olympische Organisationskomitee stellt Pandemie-taugliche Überlegungen an.

Kurz gefasst: So wenig Medienvertreter vor Ort wie möglich, so breite Berichterstattung wie bisher. Auf den Titelseiten mit tollen großen Fotos will das IOC auch künftig sein, das gefällt ja auch den Sponsoren. Das ist das oberste Ziel. Das zweite, das nicht so klar ausgesprochen wird: die vollständige Kontrolle über das, was in Wort und Bild herausgeht, durch weitestgehend gefilterte Nachrichten.

Die Zahl der akkreditierten Journalisten soll halbiert werden. Denen, die auf die teure Reise ins heiße Tokio (vernünftigerweise?) verzichten, können dann, statt im Stadion zu schwitzen, bei einem kühlen Drink die Wettkämpfe und die Pressekonferenzen danach vom heimischen Schreibtisch aus verfolgen, auch gerne mit hoch gelegten Füßen. Zusatzfragen übers Netz sollen möglich sein. Welche dann zum Zuge kommen, wenn es zu viele sind, entscheiden die Verantwortlichen am anderen Ende. Die ganz kritischen werden es wohl nicht sein.

Zusätzlich werden die Daheimgebliebenen mit News gefüttert, die der offizielle olympische Nachrichtenservice erstellt, und mit so genannten Flash Quotes, die freiwillige Helfer, die sich den Sportlern nähern dürfen, einholen. Letztere gab es auch bisher schon, sie sind von der Qualität „Mein Pferd hat toll für mich gekämpft!“ oder „Ich liebe mein Pferd!“ oder „Es ist großartig, hier zu sein, aber es ist sehr heiß.“ … Ich kenne keinen Kollegen, der diese aufsehenerregenden Statements schon mal verwendet hat.

Für Journalisten, die für ein bestimmtes Publikum – in unserem Fall die Reitsportfreunde – berichten, ist die Situation noch dramatischer. Denn was in den Sportteilen der Tageszeitungen steht, befriedigt vielleicht das Interesse des Durchschnittslesers, aber auf keinen Fall das derjenigen, die wirklich wissen wollen, was los war mit Reitern und Pferden. Welche Weltpresse-Agentur interessiert sich noch für einen deutschen Reiter, der nicht in dem Medaillenrängen landete, aber über den wir unseren Lesern auch einiges zu erzählen hätten?

Auf lockere Gespräche am Rande, vielleicht außerhalb des Stadions, sollte man nicht hoffen. Die Covid-Maßnahmen in Tokio sehen vor, die Athleten im olympischen Dorf quasi in einer Dauerquarantäne zu kasernieren, aus der sie in speziellen Bussen in spezielle Bereiche im Stadion gefahren werden, ohne jemandem außerhalb der „Blase“ live zu begegnen.

Dass es alle diese Pläne gibt, ist Corona geschuldet. Dass sie am Ende auch nach der Pandemie journalistischer Alltag werden, ist zu befürchten. Die Presse so zu disziplinieren, dass sie nicht mehr objektiv berichtet über das was ist, sondern hilft, das Bild, das die Macher gerne hätten, zu zeichnen, also die Abschaffung der unabhängigen Presse, das könnte ein Kollateralschaden der Pandemie werden. Wenn wir, die wir Reporter sind und nicht Promoter, uns nicht wehren.


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  1. Katharina

    Ich hoffe, dass es nicht so kommt und trotz aller Hindernisse wenigstens ein Reporter von St-Georg nach Tokio, sofern die Spiele stattfinden sollten, reisen dürfen. Grade die Hintergrundgeschichten und die „Dramen“, die ungeschönten Aussagen mancher Teilnehmer, machen für mich den Reiz der Turnier-Reportagen aus, die ich jeden Tag, egal bei welchem Event, sehnsüchtig erwartet habe. Man hat als Leser die Möglichkeit dabei zu sein und eben mehr zu erfahren als das was den übrigen Medien kurzgefasst geschrieben wird.

    Liebes Team von St-Georg, bitte kämpfen Sie für Ihre Rechte und versorgen Sie uns Leser weiterhin mit so tollen, bildreichen Artikeln.

  2. Orvokki Jalkanen

    „Heute war ein wichtiger Tag für den Hannoveraner Verband, denn heute fand die Delegiertenversammlung statt, bei der die Mannschaft gewählt wurde, die den Verband in eine neue Zukunft führen soll.“

    Wo sind die Frauen?


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